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Politik Inland

Wie viele Fehler dürfen sich Politiker leisten?

unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy

Münster - Der Doktor-Titel des Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg ist das Thema der Woche. Die politische Öffentlichkeit reagiert aufgeregt, in den Talkshows reden sich die - üblichen - Experten die Köpfe heiß. Trotz des medialen Feuerwerks bleiben aber viele Fragen offen: Ist diese Aufgeregtheit normal für unsere Zeit und damit ein Spiegelbild der lauten Berliner Medienrepublik? Wie ging die Öffentlichkeit früher mit privaten Fehltritten und politische Affären um? Wir analysieren vier prominente Fälle aus der Geschichte der Bundesrepublik. Zu den Links gelangen Sie unten auf dieser Seite!

Vorwürfe und Beschwichtigung, böser Wille oder Versehen, Schuld und Sühne, Gnadenlosigkeit und Erbarmen: Bei Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg greift in diesen Tagen das gesamte, letztlich theologisch fundierte Vokabular, wenn es um die Beurteilung eines Fehlverhaltens, um Schuld im juristischen wie in moralischem Sinne geht.

Was Leitartikler und Analysten, vor allem aber auch die konkurrierenden Politiker tagelang beschäftigt, geht in den christlichen Kirchen deutlich humaner ab. Dem Schuldeingeständnis, der Reue über das Getane und einer Buße folgt die Lossprechung von der Sünde. Damit der Sünder wieder neu beginnen kann. Freilich: Es gibt keine „billige Gnade“. Vergebung setzt auch den klaren Willen zur Umkehr und zur Begleichung eines entstandenen Schadens voraus.

Die moderne Mediengesellschaft kennt kaum Gnade, wenn es um das Aufspüren von Missetaten und Sündern geht. Den Aufschlag liefern in der Regel Boulevardblätter, und dann beginnt die Jagd. Nach dem Lateinerspruch „Semper aliquid haeret“ („Immer bleibt etwas hängen“) ist häufig sogar jener bis ins Mark geschädigt, dessen Unschuld sich später herausstellt. Der Verdacht wird in Riesenlettern ausgebreitet, die Unschuld gerne verschämt in einer Notiz am Seitenrand versteckt.

Manche Zeitgenossen sind schon verurteilt und „erledigt“, bevor ein Gericht das Urteil gefällt hat. Doch die mediale Öffentlichkeit hat zugleich ihre gute Seite. Es ist die Seite der öffentlichen Kontrolle: Schaumschläger werden enttarnt, Betrüger kommen nicht einfach davon, Politiker müssen sich öffentlich für das verantworten, was sie tun. Im Fall Guttenberg, aber auch in anderen Fällen, in denen das Fehlverhalten von Amtsträgern zur Debatte stand, geht es um die Glaubwürdigkeit.

Wenn jemand den braven Familienpapa nach außen kehrt, in seiner Privatsphäre aber ein notorischer Schwerenöter ist, wird er zu Recht als Heuchler bezeichnet. Und wer Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit als sein Markenzeichen herausstellt, darf sich keinen Doktortitel zusammenkopieren.

Wer Schuld schnell und offen bekennt, kann mit einem Vorschuss öffentlicher Gnade rechnen. Wer sich windet und rausredet oder nur scheibchenweise einräumt, was die Öffentlichkeit schon ans Licht gezerrt hat, besitzt schlechte Karten. Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit sind auch nicht teilbar. Wer in den kleinen Dingen unzuverlässig ist, der ist es letztlich auch in den großen. Die Gleichheit vor dem Gesetz bedeutet dann auch, dass der Minister für seine Schuld ebenso geradestehen muss wie ein junger Staatsexamenskandidat, der wegen eines Ladendiebstahls seine Juristenkarriere in den Wind schreiben muss.

Eine Zeit der „Buße“ und „Umkehr“ wäre also für Karl- Theodor zu Guttenberg nicht der schlechteste Ratschlag. Zumal schon andere, die klar und zügig Verantwortung für ihr Handeln übernahmen, nach einer gewissen Schon- und Schamfrist eine zweite Chance erhielten.

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