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Cine-Lenz

"Willkommen bei den Sch'tis": Mit Dialekt gegen Klischees

wn

<1>In Frankreich hat es noch keinen erfolgreicheren Film gegeben als diesen: „Willkommen bei den Sch’tis“. Das sieht aus wie ein Schreibfehler, meint aber einen nordfranzösischen Dialekt: Alles, was mit „s“ ausgesprochen wird, geht dort als „sch“ durch die Zähne. Die kuriose Mär vom Pariser Postbeamten, den es wider Willen in die Provinz verschlägt, wo er die „Sch“-Schwätzer lieben lernt, zeigt jedenfalls mal wieder: Die Regionalkomödie lebt!

Wobei wir natürlich nicht wissen, ob sich die „Sch’ti“-Komik auch in deutsche Erfolge ummünzen lässt, denn eins ist klar: Französische Komödien haben anderswo mindestens einen ebenso schweren Stand wie deutsche Possen jenseits von Rhein und Oder. Im Falle der „Sch’tis“ haben sich die deutschen Verleiher jetzt dazu entschieden, den schwer zu übersetzenden Dialekt-Verwirrungen mit einer Comedy-Offensive zu begegnen: Christoph Maria Herbst spricht den Haupt-„Sch’ti“, und der Akzent ist in der deutschen Fassung eine Art Fantasiesprache.

Was aber würden Franzosen mit deutschen Sprachvarianten anstellen? In Bayern läuft seit vorletzter Woche die „Geschichte vom Brandner Kaspar“ mit großem Erfolg. Die Verfilmung eines nördlich des Weißwurscht-Äquators nahezu unbekannten Volksstücks, in dem ein Wilderer den Tod (gespielt von „Bully“ Herbig) überlistet, indem er ihn besoffen macht, ist das neueste Beispiel einer ganzen Reihe von Regionalfilmen, die aus Bayern kommen.

Nicht nur, aber vor allem liegt das auch an Marcus H. Rosenmüller. Der Jungregisseur vom Schliersee hatte vor drei Jahren mit „Wer früher stirbt, ist länger tot“ die Welle losgetreten: In nördlicher gelegenen Kinos lief die derb-charmante Bubeng’schicht nur mit Untertiteln. Sie funktionierte aber deutschlandweit. Vor ein paar Wochen lief sein „Räuber Kneißl“ an, eine bayrische Robin-Hood-Geschichte, die auf einer in Bayern höchst bekannten Legende beruht.

<3>Natürlich gibt es Regionalkomödien auch anderswo. Sie spielen mit den Klischees und Vorurteilen, die man sich gemeinhin von den entprechenden Landstrichen macht, greifen sie liebevoll auf und schaffen es, dass man – wie bei den „Sch’tis“ – am Ende mit und nicht mehr über die „Ureinwohner“ lacht.

Die Wald-Bewohner in „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ etwa machen Lust auf den nächsten Besuch im Harz; Filme wie „Bang Boom Bang“ oder „Nordkurve“ beweisen, dass auch die Bewohner des Ruhrgebiets in der Regel das Herz am rechten Fleck haben. Deren Dialekt mag Münsterländern noch halbwegs vertraut sein, den Brandner Kaspars aus Bayern aber dürfte er viel fremder klingen.

<2>Andere Regionen leiden immer noch am vorwiegend kabarettistischen Image: Ostfriesland und der Norden ist immer noch mit Ottos Leuchtturm-Blödeleien verknüpft (obwohl Detlev Buck in den 90ern mit seinen norddeutschen Regionalkomödien intelligent-schräg dagegensteuerte), bei Sachsen denkt man an Satire und – schlimmer noch – an Wolfgang Stumph und seinen Fernseh-„Stubbe“. Das muss sich ändern!

Das Ausland hat’s besser: Die Briten machen schrullige Filme über Waliser („Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“) und Schotten („Trainspotting“) und die Amis haben für jede ihrer Volksgruppen allein ganze Videotheken voller Filme – von den Sioux-Indianern („Der mit dem Wolf tanzt“) übers schuhfetischistische New York („Sex and the City“) bis zur Provinz („Junebug“).

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