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Sport ohne Spektakel

Wimbledon-Start: Warum das Interesse am Tennis stetig sinkt

Florian Schröder

Münster - Am Montag startet Wimbledon, das wichtigste Tennisrasenturnier, ein Wettbewerb voller Prestige. Doch hierzulande ist das Interesse gering. Warum? Es gibt die einen: Die schauen Tennis nicht mehr, seit Michael Stich, Boris Becker und Steffi Graf ihre Karrieren beendet haben. Ihnen fehlen die Typen, die Charaktere, die „Bad Guys“. Aber es gibt auch die anderen: Die verfolgen den „Weißen Sport“ gespannt und bewundern die Dominanz von Roger Federer, Rafael Nadal und Novac Djokovic, selbst wenn sie deutsche Hoffnungsträger besiegen.

Die Top Drei der Herren-Weltrangliste dominiert die Konkurrenz nach Belieben, ruft konstante Leistungen ab und gibt sich nicht für Skandale und Hahnenkämpfe her. Ist der Schweizer Federer, der vielleicht beste Spieler aller Zeiten, den eine Aura der Eleganz umweht und der selten Emotionen zeigt, deshalb langweilig? Kann man Nadal, dieses mallorquinische Muskelpaket, der verbissen um jeden Punkt kämpft, und den derzeit alles überragenden Djokovic, den humorvollen, grundsympathischen „Djoker“ - kann man diese Akteure nicht mögen?

Seien wir ehrlich: Vor Jahren war Tennis ein reichlich narzisstisches Spektakel: der Kampf der Dauerrivalen Stich/Becker; John McEn­roes cholerische Aussetzer; Andre Agassis aufmüpfige Haarpracht, Anna Kournikovas Outfit. Fast alles war von Belang - der Sport aber geriet in den Hintergrund. Heute geht es zuvorderst um harte Aufschläge, krachende Winner und eine clevere Taktik. Dennoch: Das Interesse am Tennissport schwindet.

Es mehren sich die Stimmen, die eine Tennis-Renaissance sehen (wollen). Nährboden dieser Hoffnungen: der Turniererfolg von Philipp Kohlschreiber über Philipp Petzschner in Halle. Über jenen Petzschner, mit dem Kohlschreiber im Doppel vor wenigen Wochen die fünfte Team-WM unter Dach und Fach brachte - und Deutschland zum Rekordweltmeister machte.

Ohne auf die Euphoriebremse treten zu wollen: Es wird ab Montag in Wimbledon wohl keine Überraschungen geben. Alles andere als ein Halbfinale aus Federer, Nadal, Djokovic und vielleicht einem Andy Murray, einem Jo-Wilfried Tsonga oder einem Robin Söderling gliche einer Sensation.

In der Damen-Konkurrenz hingegen zählen Weltranglistenplatz und Turniersiege nicht, die Frauen spielen für den Moment. Favoritinnen? Fehlanzeige. Sabine Lisicki könnte nach ihrem Überraschungserfolg in Birmingham auch Wimbledon gewinnen. Oder sehen wir vielleicht eine Julia Görges auf dem „Heiligen Rasen“ triumphieren oder gar eine Andrea Petkovic ihren berühmt-berüchtigten „Petko-Dance“ tanzen? Auch die wieder erstarkte Maria Sharapova, die amtierende Weltranglistenerste Caroline Wozniacki, die unermüdliche chinesische Arbeiterin Li Na und die gefürchteten Williams-Schwestern Venus und Serena haben Chancen auf den Titel.

Talente sind wieder gefragt, wenn sich am Montag alles um die gelbe Filzkugel dreht. Vielleicht fehlen die Typen - Frauen wie Männer. Aber der Tennissport zeigt sich in Reinform. Und war selten spannender.

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