1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. „Wolfman“: Unter dem Mond der Beladenen

  6. >

Filmrezensionen

„Wolfman“: Unter dem Mond der Beladenen

Hans Gerhold

Melancholisch der Blick, massig der Körper, unstet die Gebärde und sprungbereit der Gang. So sieht in Gestalt von Benicio Del Toro in „Wolfman“ der neue Werwolf aus, der den domestizierten Teenager-Lykanern aus „New Moon“ die klassische Variante des Gothic Horror gegenüberstellt, wenn unter dem Mond der Beladenen gebissen, gerissen und geheult wird.

Familiäre Verstrickungen, ein Psycho-Vater und unerfüllte Liebe sind die Motive, die das Tier im Mann antreiben, das Del Toro mit viel Gespür fürs Tragische reanimiert.

Edelmann Lawrence Talbot (Del Toro) feiert um 1890 auf der Bühne Erfolge. Als sein Bruder von einer Bestie zerfleischt wird, bittet ihn dessen Verlobte Gwen Conliffe (Emily Blunt) um Hilfe. Lawrence kehrt auf den heimatlichen Landsitz Blackmoor zurück, den er seit der Kindheit nicht mehr gesehen hat, als die Mutter (Geraldine Chaplin) auf schreckliche Weise zu Tode kam.

Schon die Begrüßung durch den bei der Bevölkerung verhassten Vater Sir John (Anthony Hopkins) verheißt nichts Gutes. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Lawrence wird zum Werwolf...

Wer den Klassiker von 1941 mit Lon Chaney kennt, der heute noch gelegentlich im Fernsehen läuft, weiß, wohin die Reise geht, da sich das Remake von Joe Johnston („Jurassic Park III“) recht strikt an die Vorlage hält. Der getriebene, getötete, wiederauferstandene und erlöste Wolfman - von „American Werwolf“ über Jack Nicholsons „Wolf“ bis „Van Helsing“ und die Lykaner-Truppe aus der „Underworld“-Trilogie - ist ein guter Bekannter, der die Reißzähne fletscht und sich durch die Wälder schlägt.

Unnötig ausgebaut ist die Rolle von Hopkins, der den Hannibal Lecter heraushängen lässt. Cool dagegen ist Hugo Weaving (Agent Smith aus der „Matrix“-Trilogie) als Inspektor Aber­­line von Scotland Yard, der einst Jack the Ripper jagte und auf dem an „Sleepy Hollow“ erinnernden Set ermittelt. Leider viel zu selten im Bild ist die wunderbare Schauspielerin Emily Blunt als von Furcht und Angstlust getriebene Heldin - wie ihr geliebter Wolfman.

Genrefreunde, die es klassisch lieben, kommen auf ihre Kosten und erleben Szenen in farbentsättigten Bildern (ein Trend, der auch in „Sherlock Holmes“ zu beobachten ist). Ein Höhepunkt stimmungsvoller Grusel-Atmosphäre ist der Trauerzug durch eine Pappelallee: Da werden Bilder aus den Edgar-Allan-Poe-Filmen von Roger Corman lebendig.

Der größte Spezialeffekt ist natürlich Del Toro („Che“) selbst, der geschmeidig und fauchend loslegt, als gelte es, die Revolution ins Viktorianische England zu tragen. Roar!

Startseite