1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Wortkaskaden eines wütenden Flaneurs

  6. >

Archiv

Wortkaskaden eines wütenden Flaneurs

Hans Gerhold

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) gehörte wie der ebenfalls zu früh gestorbene Jörg Fauser zu denen, die heute gern Pop-Literaten genannt werden und deren Schaffen Einfluss bis hin zu, ja, Helge Schneider hatte, dessen minimalistische komische Texte wie „Baby, ich koch Reis für dich“ ohne die Vorläufer nicht denkbar sind.

Brinkmann gehörte anfangs der Kölner Schule des Neuen Realismus um Dieter Wellershoff an, die versuchte, bundesrepublikanische Verhältnisse auf ihre schädlichen Wirkungen abzuklopfen und schonungslos darzustellen. Er wetterte gegen den etablierten Literaturbetrieb und Marcel Reich-Ranicki, gab 1969 die berühmte Sammlung „Acid“ mit Texten amerikanischer Autoren heraus, die damals in jede Studentenbude gehörten. Unter dem Einfluss von Jack Kerouac und William S. Burroughs fand Brinkmann zur erzählerisch-gestalterischen Methode des Cut Up, verband kurze Texte und Satzfragmente mit ausgerissenen Zeitungsbildern. Inhaltlich ging es stets um die Vereinzelung des Menschen und die Zersplitterung der Gesellschaft, was Brinkmanns Texte aufregend modern macht. Er starb bei einem Verkehrsunfall in London.

Der Film von Harald Bergmann stellt Texte von Brinkmann, viele davon aus unveröffentlichten Tonbandmitschnitten, mit dem Schauspieler Eckhard Rhode nach, der beispielsweise durch Köln radelt und dabei Texte spricht oder am Küchentisch wie ein Dadaist Sprach-Spielen mit Objekten nachgeht. Dazwischen sind private Super-8-Filme aus dem Nachlass des Dichters zu sehen, dessen Epigonen wie „Soloalbum“-Autor Stuckrad-Barre nicht so herausfordernd wie Brinkmann arbeiten. Für Literaturfreunde sehenswert.

Startseite