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Ypsilanti scheitert spektakulär

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Wiesbaden - „Wie eine Löwin“ werde sie um die Macht in Hessen kämpfen, hat Andrea Ypsilanti einmal gesagt. Doch kurz vor dem Sprung in die Staatskanzlei haben eigene Leute sie mit einem Keulenschlag gestoppt. Ihr kühnes Vorhaben, trotz knappster Mehrheit und Kritik aus den eigenen Reihen zur Ministerpräsidentenwahl anzutreten, wurde bitter bestraft. Statt den CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch aus dem Regierungssitz zu vertreiben, führte die zierliche Frau mit dem linken Profil ihre Partei in das wohl größte anzunehmende Debakel. Dass es knapp werden würde, hatte sie nach vielen, auch verletzenden Angriffen gewusst. Zum zweiten Mal wurde sie aber davon überrascht, dass ihr in einem entscheidenden Moment Parteifreunde von der Fahne gingen.

Dabei hatte sie zunächst erstaunliche Erfolge errungen. Ende 2006 gelang es ihr, dem favorisierten Kontrahenten Jürgen Walter die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl zu entreißen. Dann legte sie einen fulminanten Wahlkampf hin und brachte die Sozialdemokraten auf Augenhöhe mit Kochs CDU. Ypsilanti war dabei mit dem Anspruch angetreten, ein Gegenbild des konservativen Koch zu sein. Gemessen an ihren politischen Zielen ist sie das nach wie vor, in mancher Hinsicht erscheint sie ihrem Gegner inzwischen jedoch ähnlicher. Wie an Koch scheiden sich auch an der Sozialdemokratin die Geister.

So erntete sie auf Parteitagen jubelnden Beifall, von CDU und FDP, aber auch dem früheren SPD-Bundesminister Wolfgang Clement dagegen heftige Ablehnung. „Tricksilanti“ ist noch eine der milderen Schmähungen, die ihr ein Wortbruch eingebracht hat: Trotz ihrer Versprechungen vor der Wahl, nicht mit der Linken zusammenarbeiten, ließ sie sich genau darauf ein, um den zunächst nur gefühlten Sieg bei der Landtagswahl in Regierungsmacht umzumünzen.

Den ersten Anlauf bremste Parteifreundin Dagmar Metzger, die ihr überraschend wegen des gebrochenen Wahlversprechens die Stimme bei der Ministerpräsident-Wahl verweigerte. Der zweite Anlauf war besser vorbereitet, blieb aber immer von Zweifeln begleitet, ob die Mehrheit reicht. Zwar stimmte ein SPD-Landesparteitag am Samstag mit überwältigender Mehrheit für den rot-grünen Koalitionsvertrag, doch das medienwirksame „Nein“ ihres Dauerkritikers Walter bewies, wie brüchig der Zusammenhalt der Landtagsfraktion war.

Der Fall Walter zeigt zudem, dass Ypsilanti Schwächen hat, politische Gegner einzubinden. Sie musste damit rechnen, dass er das kleine Verkehrsressort, das sie Walter angeboten hatte, nicht annehmen würde. Auch die Freidemokraten empfanden ihr früheres Werben um die FDP für eine Koalition ohne die Linken als nicht ernst gemeint und fast beleidigend. Dabei hatte Ypsilanti im Kampf um die Macht an politischer Statur zugelegt. Ihr früher unsicheres und gelegentlich verhaspeltes Reden wurde souveräner, in Interviews wirkte sie mehr und mehr überzeugend.

Ypsilanti stammt aus einer Arbeiterfamilie in Rüsselsheim. Sie verdiente ihr Geld als Sekretärin und Stewardess, bevor sie Soziologie studierte und später Referatsleiterin in der Staatskanzlei unter dem SPD-Ministerpräsidenten Hans Eichel wurde. Den Parteivorsitz übernahm sie nach der Wahlniederlage der HessenSPD 2003. Ihren Nachnamen verdankt die geborene Andrea Dill einer geschiedenen Ehe mit einem Griechen. Die Vereinbarkeit von Politik und Familie erleichtert ihr die Wohngemeinschaft, in der sie mit ihrem Lebensgefährten, dem gemeinsamen Sohn und einer zweiten Familie in Frankfurt lebt. Dort dürfte sie auch den Rückhalt finden, um die Frage zu klären, wie es mit ihr und der Hessen-SPD weitergehen soll.

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