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Filmrezensionen

„Zeit des Zorns“: Vom Opfer zum Rächer und Gejagten

Hans Gerhold

Auch wenn er auf der Berlinale 2010 keinen Preis erhielt, war „Zeit des Zorns“ einer der besten Filme des Festivals, der beim Kinoeinsatz hoffentlich die verdiente Aufmerksamkeit finden wird. Eine derart kluge Politreflexion über Gewalt, Gegengewalt, Ohnmacht, Verzweiflung, Unterdrückung und Korruption im Iran, wie Rafi Pitts´ hochpolitisches Statement, findet man nur selten.

Der aus dem Gefägnis entlassene Ali (Pitts als eigener Hauptdarsteller) findet Arbeit in einer Fabrik und hört täglich im Autoradio die Parolen der Machthaber zu Recht und Ordnung. Bei einer politischen Demonstration werden seine zufällig anwesende Frau und die sechsjährige Tochter von der Polizei erschossen. Nach Tagen langen Suchens erhält er die Nachricht. Ali schlägt zurück, erschießt zwei Polizisten. Der Rächer und Jäger wird zum Gejagten.

Die anschließende, fast die gesamte zweite Hälfte ausmachende Flucht, Verhaftung und Wanderung im regengepeitschten Gebirgsland, weil sich die Polizisten verirren, ist pures Kino in Bildern. Da erreicht Pitts die Größe von Meisterwerken wie „Schwarze Tafeln“ (von Samira Makh­malbaf) oder die poetische Dimension von „Der Wind wird uns tragen“ (von Abbas Kiorastami).

In seinem Gesamtwerk mit im Iran verbotenen Filmen hat Pitts in „Die fünfte Jahreszeit“ (1998) von einer absurden Familienfehde mit kämpferischer Heldin und in „It´s Winter“ (2005) von Arbeit und Entfremdung in der Provinz erzählt.

In „Zeit des Zorns“ ist der Schuss ein Signal, will Ali kein Opfer mehr sein, ist sein Akt als wortlose Wut und Widerstand und Rebellion zu sehen, die die Apathie ablöst. Auslöser ist eine menschenverachtende Bürokratie, die den Mann, der seine Familie verloren hat, entwürdigt. Alis grünes Auto ist in der verschlüsselten Bildsprache Symbol für die grüne Bewegung. Bilder von Highways, Betonwänden und Hochhäusern decken sich mit westlichen Vorstellungen. Die Natur verschlingt Jäger und Gejagte. Herausragend.

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