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islamistischer Terror

Zugriff in der Idylle

Franz Ludwig Averdunk

Berlin - Es hätte ein grauenvoller Bluttag in Deutschland werden sollen: viele Tote, zahlreiche Verletzte bei zeitgleichen massiven Autobombenexplosionen. So schilderte es am Mittwoch Generalbundesanwältin Monika Harms. Der sichergestellte hochbrisante Grundstoff hätte ausgereicht, Bomben mit einer höheren Sprengkraft als bei den Anschlägen in Madrid und London herzustellen, berichtete der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke.

Gerade als die islamistischen Extremisten ihre fürchterlichen Sprengsätze zusammenbauen wollten, griffen die Sicherheitsbehörden zu – am Dienstag um 14.32 Uhr. Beamte der GSG 9 stürmten das von der Gruppe angemietete Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn und nahmen zwei der Beschuldigten fest.

Wie hochgefährlich die Männer waren, zeigt ein äußerst heikler Zwischenfall. Einem der Terrorverdächtigen gelang es, aus dem rückwärtigen Badezimmerfenster zu fliehen. BKA-Beamte, die das Haus außen absicherten, setzten ihm nach, stellten ihn nach 300 Metern. Da riss der Verfolgte einem der Beamten die Dienstwaffe aus dem Holster, wie es Ziercke schilderte. Beim Gerangel habe sich ein Schuss gelöst. Jetzt müsse geklärt werden, ob die Waffe direkt auf den Polizisten gerichtet war, der sich leicht an der Hand verletzte. Der Terrorverdächtigte wurde von herbeigeeilten Beamten überwältigt. Er erlitt eine Platzwunde am Kopf.

Die Festnahmen markierten den Höhepunkt des bisher an personellem und finanziellem Aufwand größten BKA-Einsatzes – beinahe 300 Beamte sechs Monate lang Tag und Nacht im Einsatz. Doch am Ende war die allergrößte Bedrohung bereits gebannt.

Zwar hatte einer der Verhafteten zwischen Februar und August im Raum Hannover zwölf Fässer mit insgesamt 730 Kilogramm 35-prozentiger Wasserstoffperoxidlösung beschafft und in einer Garage im Raum Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert. Zwar war der Stoff in das am 17. August im Sauerland angemietete Ferienhaus gebracht worden.

Aber den Behörden war ein heimlicher Austausch der Fässerinhalte gelungen: nur noch dreiprozentiges Wasserstoffperoxid – eine stark ätzende Substanz, die zum Entfärben von Haaren oder Textilien verwendet wird, aber bei Mischung mit anderen Stoffen auch Explosionen auslösen kann.

Der Zugriff erfolgte auch deshalb an diesem Dienstag, weil die Gruppe hin- und hergerissen war, ob sie ihr Quartier im Sauerland aufgeben und untertauchen sollte. Grund: Sie waren in eine Verkehrskontrolle geraten – zufällig, wie Ziercke versicherte. Die Polizei rechnete damit, dass die Verdächtigten eventuell untertauchen könnten. Das wurde offenbar durch Lauschaktionen klar. Daraus wussten die Behörden auch, dass mindestens einer von ihnen bekundete, er sei bereit, den Märtyrertod zu sterben.

Das Trio hatten sich nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden im vergangenen Jahr im Norden Pakistans in einem Ausbildungslager aufgehalten. In der Folgezeit führten die Männer immer wieder Telefonate mit Pakistan. Von dort sei auch der Auftrag gekommen, in Deutschland aktiv zu werden, sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Ende letzten Jahres gründeten sie dann die deutsche Zelle der Terrorgruppe „Islamische Dschihad- Union“.

Als treibende Kraft gilt ein 28-Jähriger aus Neu-Ulm, der ebenso wie 22-Jähriger aus Neunkirchen im Saarland zum Islam konvertierte. Mit dabei: ein 29-jähriger Türke.

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