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Chilibulo

Zum Elend kommt der Alkohol

Klaus Baumeister

Münster - Jedes Schicksal ist individuell – und doch funktioniert der Teufelskreis der Armut nach dem immer gleichen Schema: Ein minderjähriges Mädchen in dem Armenviertel Chilibulo wird schwanger, Vater unbekannt. Die Mutter der Minderjährigen lebt als Alleinerziehende von Gelegenheitsjobs, kommt als treusorgende Großmutter wegen schwerer Alkoholprobleme nicht inFrage.

Das Ende vom Lied: Die Minderjährige ist komplett auf sich allein gestellt, kein Geld, permanente Überforderung. Spätestens nach dem Stillen zeigt ihr Baby schwere Mangelerscheinungen, ständiges Schreien, totale Erschöpfung.

Spätestens dann sind Mutter und Kind ein Fall für Martha Davila und Martha Yanez. Die zwei Ärztinnen betreiben mit Hilfe von Spenden einen Kinderhort samt Medizinstation in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Das Geld stammt von der Kinderhilfe Chilibulo, die am Annette-Gymnasium angesiedelt ist.

Martha Davila nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie beschreiben soll, womit sie bei ihren rund 30 kleinen Patienten täglich konfrontiert wird: „Unterernährung, Infektionen, Atemwegsprobleme, Durchfälle, Hautprobleme, Misshandlungen und sexueller Missbrauch.“

Fehlt noch die Diagnose „schlechte Zähne“, für die ihre Kollegin Martha Yanez zuständig ist. Sie behandelt an jedem Vormittag acht Kinder, unabhängig davon, ob diese jetzt in den Hort aufgenommen wurden oder nicht. Oft seien alle Zähne von Karies zerfressen, „was eine langwierige und schmerzhafte Behandlung zur Folge hat“. Sorgen bereiten der Zahnärztin auch viele „Infektionen im weichen Mundgewebe“, was mit den katastrophalen hygienischen Verhältnissen in den meisten Wohnungen des Armenviertels zusammenhänge.

Über die pensionierte Lehrerin Ilonka Forwick vom Annette-Gymnasium haben die beiden Ärztinnen seit Jahren einen engen Kontakt nach Münster. Dieser Kontakt wurde noch dadurch intensiviert, dass inzwischen auch regelmäßig Zivildienstleistende durch die Vermittlung des Bistums Münster in Chilibulo arbeiten (aktueller Erfahrungsbericht im Internet).

Sie alle erleben, was es heißt, mitten in einem Armenviertel mit rund 80 000 Menschen zu leben, in einer Gesellschaft, die von einer extrem hohen Arbeitslosigkeit geprägt ist, aber auch von Männern, die wenig Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Familien entwickeln. Fast alle Frauen, deren unterernährte und verwahrloste Kinder im Kinderhort aufgenommen werden müssen, wurden zuvor von ihren Männern geschlagen.

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