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Grevener Markus Lehmann erlebte das Drama von Duisburg

Zum Jahrestag wieder vor Ort: „Ich hatte extremes Glück“

Greven - Er ist wieder hingefahren, nach Duisburg, zu diesem verfluchten Tunnel. Und dort kommen sie wieder, die Bilder, die Geräusche, die Gerüche. Markus Lehmann aus Greven hat vor einem Jahr an der Love-Parade teilgenommen. Mit dem Bus hatten sich er, ein paar Freunde und etliche Bekannte auf den Weg vom Münsterland ins Ruhrgebiet gemacht. Feiern, Spaß haben, ausgelassen sein.

Elmar Ries

Jetzt ist er also erstmals wieder dort - und wundert sich, „weil alles so surreal ist“, sagt er. Weil die Bilder im Kopf, die Erinnerungen an den Lärm von damals, an die Enge und das Gedränge, nicht zusammenpassen wollen mit der Stille des Ortes, der Leere. Und plötzlich fühlt er die Tränen, die kommen und es nicht sollen.

Markus Lehmann sagt heute: „Ich habe vor einem Jahr extremes Glück gehabt.“ Am 24. Juli 2010 stand auch er vor dem Tunnel, um auf das eigentliche Love-Parade-Gelände zu kommen. Zügig gelangte er durch die Sicherheitsschleusen und irgendwie auch durch den Tunnel und kurz danach auch diese Rampe hinauf, die an diesem Tag der einzigen Zugang zum Veranstaltungsgelände war. „Kaum, dass wir oben waren, haben wir schon die ersten Martinshörner gehört und die Polizeihubschrauber kreisen gesehen“, erzählt der 24-Jährige.

Was er da noch nicht wissen konnte: Im Tunnel hinter ihm hatte sich kurz zuvor eine Katastrophe ereignet. In der eingepferchten Menge machte sich eine Massenpanik breit. Am Ende waren 21 Menschen tot und über 500 verletzt. „Zehn, vielleicht 15 Minuten zuvor haben wir auch dort unten gestanden“, sagt der Grevener. Langsam sickerten die ersten Informationen über das tragische Ereignis unten im Tunnel auch zu denen weiter oben durch. Dass dort auch eine junge Frau aus Greven ihr Leben verlor, erfuhr Lehmann erst einen Tag später.

An das, was unmittelbar danach passierte, kann sich der junge Mann nur noch in Teilen erinnern. Dass er an einer anderen Stelle vom Gelände lief und dass das ein paar Stunden später war, weiß er. Dass er dabei an der da bereits geräumten Rampe vorbei musste - und dabei die weißen Markierungen auf dem Boden sah, mit denen die Polizei jene Stellen markiert hatte, an denen Menschen zu Tode gekommen waren.

All das sieht er, hört er, fühlt er wieder, jetzt, ein Jahr danach. „Das ist ein Flash an Erinnerungen.“

In den ersten Monaten nach der Katastrophe habe er nicht darüber sprechen können, sagt er. Der 24-Jährige fotografiert gerne und viel. Die Bilder, die er in Duisburg gemacht hat, von seinen Freunden und Bekannten vor und nach der Katastrophe, hat er auf einer gesonderten Festplatte gespeichert - und noch nie angesehen.

Markus Lehmann ist zum Jahrestag nach Duisburg gefahren, „um noch einmal den Ort zu sehen“. Das gehöre zum Verarbeiten dazu, sagt er.

Heute findet ein Treffen seiner alten Kasse statt. Darauf freut er sich. Und falls dabei über die Love-Parade gesprochen werden sollte: Er hätte kein Problem damit. „Inzwischen geht das schon wieder ganz gut.“

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