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Redaktionsbesuch von Felix Genn

Zwischen Tradition und Aufbruch - Bischof wünscht sich mehr Glaubensmut

Johannes Loy

Münster - Felix Genn untermalt seine kirchliche Zeitanalyse gerne mit persönlichen Erlebnissen: „Wenn ich in einer Kirche wie in Kalkar am Niederrhein stehe, mit Altären aus dem 14. Jahrhundert und einem Messgewand aus dem 15. Jahrhundert, und wenn ich dann junge Leute bei der Firmung vor mir sehe, die mit diesem ganzen Traditionsstrom kaum noch etwas anfangen können, dann wird doch deutlich, welche Spannung wir in der Kirche heute aushalten müssen. Was nützt uns also die ganze gewachsene Tradition? Wenn wir das nicht mit Leben füllen, dann wird das alles museal!“, verdeutlicht Genn im Redaktionsgespräch mit unserer Zeitung in Münster.

Bei diesem Thema ist Genn in seinem Element. Neuer geistlicher Aufbruch, Gottesdienste speziell für Jugendliche, frischer Austausch über den Glauben, in Familie, Verein und Gruppenstunde: Da wünscht sich der frühere Spiritual am Trierer Priesterseminar viel mehr Aufbrüche, Ideen und Kreativität. „Wie kann man Jugendliche zu einer Messe am Sonntagmorgen um 10 Uhr einladen, wenn die erst um halb sieben aus der Disco gekommen sind?“ Also sei es doch angeraten, solche Angebote am späten Sonntagnachmittag zu präsentieren, wenn im Wochenendgefühl der jungen Leute die Langeweile ausbreche.

Nach zwei Jahren Bestandsaufnahme im Bistum Münster, zahllosen Gesprächen und Begegnungen ist Genn ein Bischof, der das Glas eher halb voll und nicht halb leer sieht. „Das Bistum Münster ist gut aufgestellt, finanziell und personell!“ sagt er. Die Regionalisierung von 1973 habe sich bewährt, mittlerweile seien alle neuen Weihbischöfe an Ort und Stelle. Das Wort „Fusion“ hört Genn nicht gerne. Das klinge so nach Wirtschaft. Er sieht in überörtlicher Zusammenarbeit in erster Linie eine Chance. Eine Chance auf mehr Zusammenarbeit, weg von „dörflichen Nationalismen“. „Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, dann sehe ich da keinen knallharten Sanierer“, fegt Genn manche eindimensionale Schlagzeile über ihn hinweg. Er habe auch nirgendwo angeordnet, Gemeinde-Substrukturen zu zerschlagen. „Ich will, dass die kirchlichen Fixpunkte für die Menschen erhalten bleiben!“ Von den Pfarrern wünscht er sich Fingerspitzengefühl für den Einsatz und Begeisterungswillen der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen.

„Es ist eine Aufgabe für uns alle“, so beantwortet Genn die Frage, wie Menschen für den christlichen Glauben gewonnen werden können. Also setzt er auf neue Kerngruppen, auf geistliche Gemeinschaften, die den Glauben in Häuser, Winkel und Ecken tragen.

Wird das Konzept angesichts zurückgehender Priesterzahlen auch in 20 Jahren noch funktionieren? „Das können wir heute noch nicht wissen“, meint Genn. Klar ist für ihn: „Die Menschen können auf Dauer nicht nur von dem leben, was im Kühlschrank ist.“ Und: „Wir sind in einem Umbruch, da kann ich nicht einfach hochrechnen.“ Genn versteht sich als betenden Bischof. So betet er intensiv um richtige Entscheidungen und zieht Trost aus der Tatsache, dass nicht der Bischof der Herr der Kirche ist.

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