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Zwischen zwei Welten

Von Jürgen Beckgerd

Münster. Manchmal gibt es im Leben eines Sportlers einfach keine Wahl; das Physikum wird Linda Stahl jedenfalls erst im Herbst ablegen. So viel ist sicher. Der nächste Termin wäre im August. „Aber am 10. geht der Flieger nach Peking“.

Die münsterische Speerwerferin vom TSV Bayer Leverkusen hat mehr im Sinn als ihren Sport, der ihr das Erlebnis Olympia verspricht. Aber die Spiele in Peking, für die sie noch ein einziges Mal die Norm erfüllen muss, sind für die 22-Jährige Medizinstudentin der Westfälischen Wilhelms-Universität der Höhepunkt ihrer noch jungen Karriere, keine Frage.

Linda Stahl betont dieses Ziel nicht, sie zeigt eher eine sympathische Gelassenheit im Umgang mit ihrer sportlichen Laufbahn – eine, die Freude macht. „Mit Spaß motiviert man sich am besten“, sagt sie dann. Und, ehe der Eindruck von Lässigkeit überhaupt aufkommen kann: „Wer am längsten sitzt, lernt am meisten“. Das wiederum bezieht sie auf ihr Studium; sie bewegt sich in der Regelstudienzeit, lernt und trainiert. Trainiert und lernt. Sport und Uni – zwei feste Komponenten im Leben der der ehemaligen Blombergerin.

Schwarze, kurzärmelige Bluse, dunkle Jeans, akkurater Scheitel im schwarzen Haar: Beinahe unauffällig kommt sie daher. Beinahe. Vielleicht wäre sie eine sehr gute Handballerin geworden, nachdem sie unter dem Ex-Bundestrainer Mädchen und Frauen und jetzigen Erstliga-Coach vom Thüringer HC, Dago Leukefeld, in Herrentrup-Blomberg gespielt hatte. Vielleicht wäre sie auch eine exzellente Tennisspielerin geworden, aber sie lehnte als 16-Jährige das Angebot aus Rödinghausen ab, höher zu spielen als Oberliga. Kurz darauf jedenfalls fiel Linda Stahl Leichtathletik-Trainer Helge Zöllkau, der auch mit Katharina Molitor, Annika Suthe und Steffi Nerius zusammenarbeitet.

Nach dem Abi am Stadtgymnasium (Notendurchschnitt 1,8) war der Studienwunsch Medizin längst gereift, allerdings verschlug es die Athletin nicht nach Köln, um die Nähe zum Trainingsort zu finden, sondern nach Münster. Die Folgen sind wegen der täglichen Fahrerei stressig. „Ich lebe in zwei Welten, das Kamener Kreuz ist die Grenze“, spöttelt Linda Stahl. Manchmal übernachtet sie im Rheinland, schläft dann meist bei Hammerwerferin Susanne („Susi“) Keil, mit der sie auch schon in Osaka bei der Leichtathletik-WM 2007 ein Zimmer teilte. Bei der WM zog sie in den Endkampf ein und wurde WM-Achte. Respekt, aber so sensationell war diese Platzierung dann doch nicht. Immerhin gewann sie kurz vor der WM die U 23-Europameisterschaften in Debrecen (Ungarn) mit 62,17 m. „Ich wusste, dass ich hart gearbeitet hatte, dass ich dann auch viel leisten kann. Ist das ein schmaler Grat zur Arroganz?“ Linda Stahl stellt die Frage allen Ernstes. Sie ist keine, die Ansprüche stellt, aber sie weiß was sie kann: „Ist es nicht so, dass ich zur erweiterten Weltspitze gehöre?“ Dass damit auch sie in die Doping-Diskussionen rücken kann, ist ihr bewusst, aber: „In Deutschland ist es schwer, zu dopen und nicht erwischt zu werden“, glaubt sie. „Meine Kraftwerte sind auch ohne Doping gut.“ Dabei schränkt ihr drahtiger Körper – „ich habe viel zu kräftige Arme und muskulöse Beine“ – ihre Unbekümmertheit ein wenig ein. „Ich erfülle die Norm halt nicht, aber ich habe meinen eigenen Stil.“ Das ist es, was ihre Sympathiewerte nach oben schraubt: Die Bestimmtheit, mit der sie Zurückhaltung übt: „Kürzlich waren die Handballer Heiner Brand und Pascal Hens bei Kerner im Fernsehen. Die waren Vierte der WM. Das würde uns Leichtathleten nie passieren. Viele nehmen sich einfach zu wichtig.“

62,34 m warf Linda Stahl vor zwei Wochen beim Flutlicht-Meeting in Köln: Weltjahresbestleistung; 62,80 m hat sie als persönliche Bestleistung stehen, sie ist damit Deutschlands Drittbeste hinter Christina Obergföll und der Grand Dame des Speerwurfs, Steffi Nerius. „Ich muss Spaß haben am Wettkampf. Ich will locker bleiben und einfach mal einen raushauen. Am liebsten bei Olympia in Peking. Gelingt ihr das, war’s eine gute Wahl zwischen Olympia und Physikum.

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