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Musik

David Garrett: „Ich würde Klassik nie weglassen“

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Münster - Im Oktober 2008 erhielt David Garrett den Echo-Klassik-Preis. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland bewies Garrett, der als „schönster Geiger“ und „David Beckham der Violine“ angepriesen wird, dass er zugleich ein sehr differenziert urteilender Musiker ist.

Sie haben beim Echo Klassik ein Stückchen Filmmusik gespielt, dann aber den großen Komponisten der Vergangenheit wie Mozart und Brahms gedankt, ohne die die Interpreten nichts wären. Wie passt das zusammen?

Garrett: Mein ganzes musikalisches Leben verdanke ich den großen Komponisten, ihre Werke machen 80 Prozent meiner Arbeit aus – im Moment spiele ich das Violinkonzert von Brahms, dann ein Kammermusikprogramm mit Beethoven und Grieg. Bei der Preisverleihung sollte es natürlich etwas aus meiner aktuellen CD „Encore“ sein. Außerdem hatte ich die Chance, ein eigenes Arrangement mit den Münchner Philharmonikern zu spielen: Wer lässt sich das schon entgehen?

Was werden Sie denn in Münster spielen?

Garrett: Zwei ganz verschiedene Programme: Am 12. November gibt es ein klassisches Recital mit Violine und Klavier, Beethovens letzte Violinsonate wird dabei sein, auch das F.A.E.-Scherzo von Brahms, dann Grieg und Sarasate. Am 16. Januar gibt es eine ganz andere Performance: Ich komme mit meiner Band und einem Orchester, da wird es mal klassisch, mal rockig.

Abwechselnd? Könnte da auch eine Beethoven-Romanze dabei sein? Oder hört man da eher Klassik-Rock?

Garrett: Beides! Ich spiele auch allein mit dem Orchester, zum Beispiel einen Satz aus einem Bach-Konzert, und dann wieder mit der Band oder zusammen.

Mit Pop und Rock hatten Sie aber nicht immer was am Hut?

Garrett: Nein, früher nicht, ich ging ja nicht zur Schule, sondern hatte Privatlehrer. Ich war etwas isoliert und habe nur Klassik gehört. In der Oberstufe kam ich auf ein reguläres Gymnasium, und durch die Mitschüler hat sich eine neue Welt der Musik eröffnet. Und als ich nach New York ging, nahmen mich Leute in Rock- und Jazzkonzerte mit.

Damals hatten Sie ja bereits eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Gab’s dann so etwas wie einen Knick?

Garrett: Ganz so würde ich es nicht nennen, aber ich hatte eben sehr früh sehr viel gemacht. Mit dem Erwachsenwerden wollte ich Entscheidungen selber treffen, bis dahin bin ich ja stark gepusht worden. Ich hatte Interesse an anderen Sachen, wollte auch richtig studieren. Und an der New Yorker Juilliard School gibt es eben für alle ein strenges Reglement, da darf man keine Unterrichtsstunde verpassen. So konnte ich in dieser Zeit kaum Konzerte geben.

Heute spielen Sie Filmmusik aus „Fluch der Karibik“, Stücke von Queen und im Moment das Brahms-Konzert. Ist Brahms Ihr Favorit?

Garrett: Im Moment absolut, aber das kann morgen schon wieder anders sein. Das, was ich gerade spiele und woran ich arbeite, ist immer das Schönste für mich – Gott sei Dank.

Hätten Sie Lust, sich über ein paar große Geiger zu äußern?

Garrett: Na klar!

David Oistrach?

Garrett: Großartig, er hatte viel Einfluss auf mein Spiel. Die alte russische Schule, wo alles so sicher sitzt.

Itzhak Perlman, bei dem Sie in New York lernten?

Garrett: Dieser Spielwitz, diese Leichtigkeit! Bei ihm kommt alles intuitiv, ein echter Bauchmusiker. Allerdings: Üben muss der auch.

Anne-Sophie Mutter?

Garrett: Ich habe sie gar nicht so oft gehört. Natürlich, sie ist eine fantastische Geigerin, hat eine tolle Technik. Aber ich bin aus einer anderen Schule, eher die Richtung Oistrach und Perlman.

Und schließlich: „Punk-Geiger“ Nigel Kennedy?

Garrett: Der hat wenig Berührungsängste und richtig Spaß an den Sachen, die er macht. Ich habe großen Respekt vor ihm, er hat die Geige populär gemacht.

Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie mit ihm vergleicht?

Garrett: Die Leute meinen es ja meistens als Kompliment: Was Kennedy macht, macht er gut. Ich würde allerdings im Gegensatz zu ihm die Klassik nie weglassen, sie hilft einem auch, mit den Beinen auf dem Boden zu bleiben. Aber wenn Kennedy Klassik spielt, dann zeigt er, dass er ein guter Geiger ist. Vielleicht nicht unbedingt der beste der Welt – aber kein Vergleich etwa mit Vanessa Mae.

Und welche Musiker bewundern sie am meisten?

Garrett: Unter den Dirigenten Wilhelm Furtwängler, bei seinem wunderbaren Stil klingt auch das Langsame nie schleppend. Als Gegenstück Toscanini: diese Präzision, noch stärker als bei Karajan. Und dann natürlich einen Geiger: Jascha Heifetz. Was kann man über den überhaupt noch sagen? So perfekt, selbst wenn er Fehler machte, war es gut: Wenn bei einer schnellen Passage mal drei Sechzehntelnoten fehlten, klang es trotzdem so, als wären die da. Er hat am besten von allen gefaked.

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