Gitarren-Sound

Einladung zur Zeitreise: Neue Retro-Rock-Alben

Für viele Kritiker waren die 70er Jahre die beste Zeit der Rockmusik. Drei neue Alben lassen Erinnerungen an diese Ära aufleben: The Hold Steady, Israel Nash und William The Conqueror laden zur Zeitreise.

dpa

Der Sound ist bei The Hold Steady diesmal üppiger ausgefallen. Foto: Positive Jams/Thirty Tigers

Berlin (dpa) - Bruce Springsteen, Randy Newman, Neil Young, Bob Dylan, Richard Thompson - etliche alte Rock- und Folk-Heroen sind noch aktiv.

Wie einflussreich diese Ikonen der 60er und 70er Jahre auch heute sind, zeigen viele Alben jüngerer Musiker: etwa Craig Finn und seine Band The Hold Steady, Israel Nash sowie Ruarri Joseph mit seinem britischen Projekt William The Conqueror.

THE HOLD STEADY - Open Door Policy (Positive Jams/Thirty Tigers)

Den klassischen, textlastigen Ostküsten-Rocksound hat die New Yorker Band schon seit ihrer Gründung 2004 und auf Albumlänge spätestens mit dem Durchbruch-Werk «Boys And Girls In America» (2006) drauf. Auf dem Nachfolger «Stay Positive» (2008) verfeinerten Frontmann Craig Finn und seine Mannen ihren traditionsbewussten, mitreißenden Stil, kamen in Großbritannien wie den USA in die Top 30. Nach einigen personellen Umbesetzungen und Finn-Soloscheiben ist «Open Door Policy» nun bereits das achte Studioalbum von The Hold Steady.

Aufgenommen im The Clubhouse von Rhinebeck/New York mit Produzent Josh Kaufman (The National, Hiss Golden Messenger, Bonny Light Horseman), ist hier die aktuelle sechsköpfige Hold-Steady-Besetzung zu hören (wieder inklusive Top-Keyboarder Franz Nicolay), ergänzt um eine Bläser-Sektion und Background-Sängerinnen. Der Sound ist also diesmal besonders üppig, und das tut den von Finn in teils atemlosem Sprechgesang erzählten Geschichten sehr gut.

«Open Door Policy» ist ein Werk zum Durchhören, das gleichermaßen an Bruce Springsteen & The E Street Band und an Randy Newman erinnert. «Und es fühlt sich wie unsere musikalisch vielfältigste Platte an», sagt Craig Finn (49) stolz. «Dieses Album wurde vor Beginn der Pandemie geschrieben und fast vollständig aufgenommen. Aber die Songs und Geschichten befassen sich mit Macht, Reichtum, psychischer Gesundheit, Technologie, Kapitalismus, Konsumverhalten und Überleben - Probleme, die sich im Jahr 2020 verschärft haben.»

ISRAEL NASH - Topaz (Loose Music/Rough Trade)

Während The Hold Steady mit jedem Glockenspiel-Einsatz aufs Neue ihre tiefe Springsteen-Verehrung dokumentieren, huldigt US-Landsmann Nash mit jedem Album noch etwas mehr dem melodieseligen Countryrocker Neil Young der Seventies - sowohl stimmlich als auch in punkto Harmonika- und Gitarrenklang. So überzeugend wie auf «Topaz» hat der Mann aus Missouri den melancholischen Young-Ton der Westcoast-Ära aber wohl noch nie getroffen.

Dass er zusätzlich Psychedelia, Gospel und fette Soul-Bläsersätze beimischte («Down In The Country»), macht die neue Americana-Platte des selbsternannten «Rock-and-Roll-Groovesman» noch wuchtiger. Nash nahm das monumentale Werk im Quonset-Hut-Studio auf, das er in der Nähe seines Haus im Texas Hill Country gebaut hatte. «Diese Platte entstand im Laufe eines Jahres, zwischen den Tourneen, als ich nur für mich allein sein wollte», sagt der begnadete Sänger und Gitarrist (besonders gut zu hören im zentralen Epos «Stay» und im Closer «Pressure»).

Wie zuletzt schon Josh Tillman alias Father John Misty oder Jim Jones von der Band My Morning Jacket stellt Israel Nash (40) seine Verbundenheit mit einer fast 50 Jahre zückliegenden US-Folkrock-Ära erneut ganz unverblümt zur Schau. Sein selbstproduziertes neues Album - das wohl beste dieses Musikers seit «Israel Nash’s Rain Plans» (2013) - erinnert bis ins feinste Detail an eine Zeit, als vom angeblichen «Tod der Gitarrenmusik» noch lange nicht die Rede war.

WILLIAM THE CONQUEROR - Maverick Thinker (Chrysalis)

Den Brückenschlag zwischen Amerika und Europa versucht mit Erfolg diese britische Band um den in Edinburgh geborene Ruarri Joseph (39). «Southern rock with a British twist» nennen William The Conqueror daher ganz bewusst ihre Mixtur aus bluesigem Swamp-Groove («The Deep End», «Suddenly Scared»), bläsergetriebenen Gitarrenrock («Alive At Last») und herrlich schunkelnden Folk-Balladen («Quiet Life», «Maverick Thinker») - aufgenommen in England und Kalifornien.

Natürlich wird auch hier das Rock-Rad nicht neu erfunden. Aber das Trio - neben Joseph noch Harry Harding (Drums) und Naomi Holmes (Bass) - widmet sich seiner Verbeugung vor Helden wie Bob Dylan, Randy Newman oder Richard Thompson mit großer Hingabe.

Joseph ist zwar noch recht jung an Jahren, gleichwohl schon lange Zeit im Singer-Songwriter-Geschäft. Der Schotte nahm vor seinem Bandprojekt fünf Soloalben auf, hatte sich damit aber irgendwann nach eigenem Eindruck in ein kreatives Loch manövriert. Im Trio kehrte die Energie zurück, und bald folgten die Alben «Proud Distributor Of The Peace» (2017) und «Bleeding On The Soundtrack» (2019).

Mit «Maverick Thinker» etablieren sich William The Conqueror - dem historischen Bandnamen entsprechend - als stolze Vertreter eines überwiegend nordamerikanisch inspirierten Classic-Rock-Sounds in Großbritannien.

© dpa-infocom, dpa:210404-99-83769/3

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