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Boxset

Kreator lassen legendäre Noise-Ära wieder aufleben

Sie waren noch nicht volljährig, als sie ihr Debütalbum aufnahmen. Startschuss für eine große Karriere, deren Anfänge Kreator jetzt Revue passieren lassen.

dpa

Für Kreator ging es hoch hinaus. Foto: BMG

Berlin (dpa) - Kurz vor ihrem 40-jährigen Bandjubiläum veröffentlichen Kreator das toll aufgemachte Box-Set «Under The Guillotine». Darin sind die ersten sechs Alben von Europas erfolgreichster Thrashband aus der Zeit von 1985 bis 1992 enthalten.

Damals standen die Ruhrgebiets-Metaller bei Noise Records unter Vertrag und beeinflussten eine Vielzahl späterer Thrash-, Death- und Black-Metal-Bands. Die ersten fünf Platten gelten allesamt als Klassiker, bei «Renewal», das die experimentelle Phase der Band einläutete, scheiden sich jedoch die Geister.

Alle remasterten Alben kommen im Original-Artwork daher und sind auf farbigem Vinyl gepresst. Außerdem enthält die Box eine DVD mit Kurz-Doku, ein 40-seitiges Hardcoverbuch mit seltenen Fotos, Zitaten und Songtexten. Hinzukommt das frühe «End Of The World»-Demo auf Kassette. Als Gimmick gibt's noch den Kreator-Demon als Figur, der gleichzeitig als USB-Stick dient.

Für Vinyl-Freaks, Die-Hard-Fans aber auch Neueinsteiger hat die Box durchaus ihren Reiz. Alle anderen werden vielleicht darauf hinweisen, dass die Noise-Alben erst vor drei beziehungsweise vier Jahren wiederveröffentlicht wurden. «Das ist ein Sammlerding», sagt Bandboss Mille Petrozza, «das muss man einfach für sich entscheiden, ob man da Bock drauf hat.»

Vor drei Jahren fing die Band an, an dem Boxset zu arbeiten. «Wir haben die Box angefangen zu planen, als die Wiederveröffentlichungen der Alben abgeschlossen war», konkretisiert der Sänger. Besondere Freude bereiteten Mille die vielen, teils unveröffentlichten Fotos, die er in England im Archiv des derzeitigen Rechteinhabers BMG Music fand. Für die Linernotes arbeitete er mit dem bekannten Musikjournalisten Malcom Dome zusammen.

Die Beschäftigung mit dem Back-Katalog führte den charismatischen Bandleader gedanklich tief zurück in die Anfangstage der Band. 1982 im Essener Norden zunächst als Tormentor gegründet, eiferten die blutjungen Heavy-Metal-Fans musikalisch noch recht limitiert US-Thrashbands wie Metallica, Slayer oder Possessed nach. Es war die Zeit als Metalfans wegen ihrer Outfits als asozial und gefährlich galten. In der Schule kamen lange Haare, zerrissene Shirts und Patronengurte nicht gut an.

Mille musste seine Lehranstalt sogar verlassen. «Ich bin von der Schule geflogen, weil ich überall mit Edding Judas Priest, Iron Maiden oder Metallica an die Wände geschrieben habe. Das fand der Direktor nicht so toll. Er hat mich dann gebeten, die Schule zu wechseln», erzählt der mittlerweile 53 Jahre alte Petrozza.

Dem damaligen Noise-Labelchef Karl-Ulrich Walterbach gefielen die jungen Ruhrpott-Metaller. Da er vermehrt auf die aus den USA hinüberschwappende Thrashwelle setzte, stattete der Berliner Kreator mit einem Vertrag aus und schickte sie ins Studio. Dort nahmen die noch nicht volljährigen Essener 1985 ihr Debüt «Endless Pain» auf. Mille und Co. legten hier den Grundstein für ihre Karriere.

Glanz und Gloria versprühte das rohe Debüt «Endless Pain» zwar nicht, doch bei allem Gerumpel verfügte die Scheibe über eine imposante Intensität und brutale Speed-Granaten wie «Total Death», «Flag Of Hate» oder den Titeltrack.

Das Album bot nicht nur reines Gebolze, sondern auch songdienliche Tempowechsel. Milles Potenzial an der Rhythmusgitarre war bereits zu erahnen. «Wir wollten mit »Endless Pain« das härteste Album machen. Mit »Pleasure To Kill« wollten wir ein noch härteres Album machen und so weiter. Wir waren schon sehr zielorientiert aber nicht in kommerzieller Hinsicht», reflektiert Mille die Anfangszeit der Band. Sein Urteil über das Debüt fällt nachsichtig aus: «Endless Pain war ein schöner Kriegspfad, für eine Teenagerband ganz okay.»

Beim Nachfolger machte sich ein Jahr später die erhöhte Vorbereitungszeit deutlich bemerkbar. Das Songwriting war auf «Pleasure To Kill» wesentlich ausgefeilter und auch spielerisch legte die Band enorm zu. Das Tempo war nach wie vor rasant und der Sound brutal. Insgesamt spielten Kreator präziser auf den Punkt und erfreuten die Fans mit Stücken wie «The Pestilence», «Riot Of Violence» oder natürlich «Pleasure To Kill».

Der zweite Longplayer avancierte zum Kultalbum der Band schlechthin. Das lag zum Teil auch am legendären Cover: Aus «ikonischer Sicht» bezeichnet es Mille als sein Lieblingsartwork. «Pleasure To Kill» trug zur Entwicklung des Thrashmetals maßgeblich bei und öffnete Kreator das Tor zu einer neuen Welt.

Langsam stellte sich auch der Erfolg ein. Mille wurde dies vor einem Konzert von Exodus und Venom in Osnabrück bewusst. «Da lief vor mir ein Typ, der hatte ein Kreator-Patch auf der Kutte. Ich habe ihn gefragt, wo er den her habe. Er sagte, er habe ihn ganz normal bestellt. Da habe ich das erste Mal richtig realisiert, dass es Leute gibt, die auf uns aufmerksam geworden sind und uns ernst nehmen. Das war eine Auszeichnung, wenn der Aufnäher deiner Band auf einer Kutte prangte. Da haben wir gemerkt, da geht was», beschreibt der Kreator-Sänger sein Schlüsselerlebnis.

Mit «Terrible Certainty» zementierten Kreator 1987 ihren Status als eine der führenden deutschen Thrashmetal-Kapellen. Spieltechnisch machte die Band erneut einen Satz. Das Songwriting fiel vielschichtiger aus, die Zeiten des reinen Gebolzes waren vorbei. Wie es sich für eine zünftige Thrashband gehört, war das Aggressivitätslevel aber unvermindert hoch. Die Hits der Platte sind «Toxic Trace» und der Titeltrack. Mille gefällt der Sound von Album Nummer drei allerdings nicht sonderlich.

Den größten Entwicklungsschritt machten Kreator von «Terrible Certainty» zum zwei Jahre später erschienenen Album «Extreme Aggression» - auch kommerziell, vor allem auf dem US-Markt. Das Video zur Single «Betrayer» lief beim TV-Sender MTV in Dauerrotation. Der Revier-Vierer agierte insgesamt professioneller, was auch die Wahl des bekannten amerikanischen Produzenten Randy Burns belegte.

Klar strukturierte Arrangements und der gelungene Kontrast zwischen Härte und Melodie verhalfen der Band zum internationalen Durchbruch. «Da haben wir das Ganze zum ersten Mal wirklich ernst genommen», findet Mille: «Wir hatten einen richtigen Produzenten, der extra aus Amerika kam, der uns richtig gecoacht und an unsere Grenzen gebracht hat. Der hat dafür gesorgt, dass wir nach internationalen Maßstäben einen super Sound hatten. Er hat uns auf das nächste Level gebracht.» Auf dem Longplayer befinden sich formidable Kompositionen wie das Titelstück, «Betrayer», «Love Us Or Hate Us» oder «Some Pain Will Last», die regelmäßig zum Liveset der Band gehören.

War «Extreme Aggression» in den USA das kommerziell erfolgreichste Album der Noise-Ära, galt dies für «Coma Of Souls» (1990) in Europa. Mit dem fünften Studio-Album manifestierten Mille und Co ihren Status an der europäischen Spitze. Die Band behielt ihre Trademarks bei. Ihrem auf messerscharfen Riffs basierenden Thrash fügte die Band klassische Elemente von Bands wie Iron Maiden oder Judas Priest bei. Ultraschnelle Parts wechselten sich mit Midtempo-Nummern ab.

Positiv bemerkbar machte sich auch Gitarren-Neuzugang Frank Blackfire. Der hatte bereits bei Sodom ein Händchen für gutklassige Riffs bewiesen. «Coma Of Souls» fehlte allerdings die Hit-Dichte des Vorgängers. Allein «People Of The Lie» und mit Abstrichen «When The Sun Burns Red» fallen in diese Kategorie.

Mit «Renewal», dem letzten auf Noise Records veröffentlichten Album, folgte 1992 der große Einschnitt der Bandgeschichte. Wie viele andere Metalbands in den 1990er Jahren wollten auch Kreator den durch Grunge eingeläuteten musikalischen Wandel Rechnung tragen. Die Essener waren vom Willen zur musikalischen Weiterentwicklung getrieben.

«Wir wollten eine Art Pink-Floyd-Version von Kreator machen», erzählt Mille. Heraus kamen Hardcore-Riffs und Grunge-Melodien sowie der Versuch, dem Ganzen einen gewissen Groove zu verpassen. «Die ersten fünf Alben kann man als unsere Sturm und Drang-Phase zusammenfassen», erklärt Mille: «Renewal ist das Album, dass außen vor ist. Es war nicht unser beliebtestes Album, aber ein sehr wichtiges.»

© dpa-infocom, dpa:210222-99-545018/5

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