1. www.wn.de
  2. >
  3. Freizeit
  4. >
  5. „Das zerbrechliche Paradies“: Wohin steuern wir?

  6. >

Ausstellung im Gasometer Oberhausen

„Das zerbrechliche Paradies“: Wohin steuern wir?

Oberhausen

Es sind die großen Fragen der Menschheit, die das Team des Gasometers rund um Jeanette Schmitz antreibt. Für die neue Ausstellung fällt die Fragestellung sogar in maximaler Größe aus: Wohin steuert unser zerbrechliches Paradies?

Von Annegret Schwegmann

Im Mittelpunkt der Ausstellung im Gasometer Oberhausen: die Erdkugel mit faszinierenden Einblicken Foto: Thomas Wolf

Ja, wohin steuert unser Paradies? Die Vorzeichen sind wenig ermutigend. Vor 4,5 Milliarden Jahren begann die Geschichte unserer Erde als eine spektakulär glühende Kugel aus verdichteten Gasen, Asteroiden und Staub. Und seitdem hat sie alles erlebt – Zeiten, in denen sie wie ein vereister Schneeball aussah, dann wieder Phasen mit tropischen Palmenwäldern und lebensfeindlich flirrend glühender Hitze. Unsere Erde hat bislang ­ jedes Extrem erlebt – und überlebt. „Alles ist mit­einander verwoben seit Millionen von Jahren“, sagt Prof. Stefan Dech. Und doch ist heute alles anders als je zuvor.

„In den letzten 50 Jahren hat die Geschwindigkeit, mit der der Mensch die Erde verändert, ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht“, fährt der Direktor am Earth Observation Center des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt fort. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der Wetterex­treme ­nahezu verdoppelt. Ist unsere Erde überhaupt noch zu retten? „Natürlich ist sie das!“ Was macht Jeanette Schmitz so sicher?

Andrang am Gasometer in Oberhausen

Ein Tag im November. Seit vier Wochen ist der Gasometer in Oberhausen wieder zugänglich und feiert sein Comeback nach langer Renovierungsphase mit einer neuen Ausstellung. „Sehen Sie das?“ Schmitz, seit 27 Jahren Geschäftsführerin des komplett privat finanzierten Ausstellungsortes im Gasometer, beobachtet die Menschen vor dem Empfangshaus, das sich neben dem mehr als 100 Meter hohen früheren Gas­behälter wie ein Torhäuschen vor einem Wolkenkratzer ausnimmt. Erst sind es 50, wenige Minuten später doppelt so viele. „Und das an einem regnerischen Freitagmorgen“, sagt sie. Sagt das nicht schon viel? Lässt sich leugnen, dass unsere Sensibilität für die Zerbrechlichkeit unseres Planeten die Mitte der Bevölkerung erreicht hat? Allein das gibt Grund zur Hoffnung.

Mehr als drei Jahre lang hat Jeanette Schmitz mit ihrem Team an der Vorbereitung der neuen Ausstellung gearbeitet. Sie hat mit Fotografen aller Kontinente verhandelt, mediale Konzepte entwickelt, Interviews mit Klima-Aktivisten und Wissenschaftlern geführt. Und wenn sie etwas in dieser Zeit begriffen hat, dann dieses: „Es gibt Hoffnung. Dem Menschen ist schon so viel Positives gelungen.“

Jeanette Schmidt, Geschäftsführerin des Gasometers Oberhausen Foto: pd

Und wenn sie doch ­einmal Zweifel beschlichen haben, dann ist die Geschäftsführerin mit dem gläsernen Aufzug auf die Aussichts­plattform des Gasometers gefahren und hat einen tiefen Zug aus der Luft genommen. Noch vor wenigen Jahren sandte die Emscher unter ihr eine Gestanksnote aus Morast und Fäulnis ins Ruhrgebiet aus. Mittlerweile schält sie sich aus ihrem Betonbett, mäandert durch das Revier und riecht, wie Flusswasser riechen sollte, wenn es sauber ist – nach Frische und Leben.

Spektakuläre Naturfotos

Jeanette Schmitz macht gerade das, was ihr in den ver­gangenen Wochen zur Gewohnheit geworden ist. Sie be­gleitet Besucher durch den Gasometer und beobachtet ihre Reaktionen auf die Fotos, für die Naturfotografen in den vergangenen Jahren die begehrtesten Preise der Branche gewonnen haben. „Allein während der letzten 500 Millionen Jahre entging das Leben auf der Erde fünfmal knapp der vollständigen Vernichtung“, sagt sie und zeigt auf Auf­nahmen von Reptilien und Magnolien, denen das gelungen ist, wozu die Dinosaurier nicht in der Lage waren. Ein ­Meteoriteneinschlag im Golf von Mexiko löschte ihre ­Spezies vor 66 Millionen Jahren aus – andere jedoch lebten weiter und sehen heute noch so aus wie früher. Das Leben – es ist manchmal tatsächlich wie ein Fluss.

Preisgekrönte Fotos erzählen die Geschichte und viele Facetten des zer­brechlichen Planeten Erde. Foto: Thomas Wolf

Schmitz führt ihre Besucher zu ihrem Lieblingsfoto und beobachtet gespannt, ob es auf diese eine ähnliche Wirkung wie auf sie selbst erzielt. „Auf Leben und Tod“ hat es der Fotograf Yonqqing Bao genannt. Das Entsetzen des Himalaya-Murmeltiers, das sich nach stundenlangem Warten sicher vor seinem Fressfeind fühlte, hat sich in sein Gesicht eingebrannt. Es konnte nicht ahnen, dass die Tibetfüchsin vermutlich noch länger ausgeharrt hätte, um endlich ihre drei hungrigen Welpen mit Nahrung zu versorgen. Monatelang hat die Kuratorin versucht, Kontakt mit dem Fotografen aufzunehmen. Sie erreichte ihn schließlich telefonisch im Himalaya – auf der ­Suche nach der Schneeleoparden-Aufnahme seines Lebens. Natur- und Tierfotografen wie ihm sind die eindrucksvollsten Belege des Lebens auf unserer Erde zu verdanken.

Jeanette Schmitz und ihr Team wollten nichts aussparen. Sie zeigen den Einfluss des Menschen auf die Veränderung der Erde, die Explosion der Bevölkerung, die immer größer werdende Nähe zwischen Wildtier und Mensch, die weder dem einen noch dem anderen guttut.

Und sie machen Hoffnung. Menschen sind zwar sehr erfinderisch, um die Erde zu ihrem Nutzen auszubeuten. Aber sie sind genauso erfinderisch, Verantwortung zu übernehmen und den Planeten für die nächsten Generationen zu bewahren. Nur ihr Tempo, das sollten sie beschleunigen – und zwar schleunigst.

  • Der Gasometer ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Tickets (Erwachsene 11 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder bis fünf Jahre kostenlos) können an der Tageskasse vor Ort oder über den Online-Ticketshop erworben werden.
Startseite
ANZEIGE