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Unterwegs mit dem Brötchenwagen durchs Münsterland

Der Zuhörer

Es gibt Verlässlichkeiten in unserem Leben: Glocken, die zur vollen Stunde läuten und – ja, warum nicht? – Menschen, die verlässliche Dienstleistungen bieten. So wie Michael Schwierenkemper, der auch in außergewöhnlichen Zeiten mit seinem Bäckereiwagen durchs Münsterland fährt.

Annegret Schwegmann

Dreimal in der Woche fährt Michael Schwierenkemper zu seinen Kunden. Foto: Jürgen Christ

Michael Schwierenkemper hat manchmal das Gefühl, er befinde sich in einem Kosmos erlebter Geschichten. So wie jetzt, nachdem er den Bäckereiwagen mit Brötchen, Baumberger- und Dinkelbrot, mit Nussecken und Königskrusten für 3,30 Euro pro 750 Gramm beladen hat und mit seinem Besen die Krumen und Körner auf ein Häufchen gefegt und auf den Bürgersteig hat rieseln lassen. Es ist so, als höre er die Stimme von Oma Hellmann, die dem Team der Backstube in Billerbeck klar und entschieden immer wieder dies riet: Fegt alles zusammen und das gründlich. Und dann kehrt es auf die Straße, dann freuen sich die Vögel. Oma Hellmann, die Erinnerung an sie – vermutlich gibt es keine perfektere Vorbereitung auf die Stunden, die dreimal in der Woche vor ihm liegen. Oma Hellmann – für den 49-Jährigen wird sie wahrscheinlich immer der Inbegriff der Beständigkeit bleiben. Das Mensch gewordene Münsterland, knorrig und klar. Doch jetzt genug des westfälischen Rosarots. Der Dienst beginnt. Und zwar pünktlich. Sonst gibt es garantiert wieder in paar Kunden, die sagen: „Michael, hast du heute verschlafen?“

Hat er nicht. Hat er noch nie. Seit 2017 fährt Schwierenkemper den Bus, der für die Bäckerei seit 30 Jahren durch das Münsterland tourt und nie dem wirtschaftlichen Druck nachgeben wollte, der Mitbewerber wegen des hohen zeitlichen Aufwandes kapitulieren ließ. Service heißt Service – möglich, dass Oma Hellmann das anders ausgedrückt hätte. Gemeint hätte sie dasselbe.

Kommunikatives Multitalent

Schwierenkemper ist exakt der richtige Mann für diesen Job. Er ist ausgebildeter Bäcker und Koch zugleich, und dass er direkt nach den beiden Ausbildungen für ein Tourismusunternehmen in Mittelmeerländern als Animateur gearbeitet hat, zahlt sich für ihn bis heute aus. „Ich spüre, ob die Kunden reden wollen“, sagt er und zwängt sich geschickt durch den schmalen Korridor, der den Verkaufsraum des Wagens vom Fahrerstand trennt. Wer kurz und knapp „zwei Mandelhörnchen und ein großes Päckchen Schwarzbrot“ ordert, der will Teile seines Dies und Jetzt nicht darlegen – und das muss er auch nicht.

Drei Minuten über die Zeit. Normalerweise stehen die fünf Nachbarn in Senden-Bösensell schon auf dem Bürgersteig, um Schwierenkemper nicht warten zu lassen. Der 49-Jährige hat in den vergangenen Jahren drei Klingeltypen getestet. Eine Handglocke (viel zu zaghaft), eine elektrifiziere Schulglocke mit charakteristischem Dong-Dong-Doooong (von Interesse offenbar nur für Schüler, die zu diesem Zeitpunkt nicht Bäckereikunden waren) und schließlich eine Hupe, bei der Schwierenkemper nicht verwundert wäre „wenn sie Tote zum Leben erwecken würde“.

Die Kunden warten schon

Der 49-Jährige umschließt mit dem Handballen die zu allem entschlossenen Hupe und lässt ihr grelles Grrrrr ertönen. In Senden-Bösensell führt das zu einem Automatismus, den einige Kunden seit 30 Jahren von ihrem Lieferservice kennen. Hubert Heßeler hat schon gewartet, Brigitte Sutholt überlegt kurz zwischen Laugenstangen und Nussecken, wie lange ihre Familie schon zum Kundenstamm gehört, und ihre Schwiegermutter, die 90-jährige Amalie Sutholt, weiß es sowieso: „Von Anfang an. Das ist sicher.“

Amalie Sutholt ist eine Frau, die auch nach schwerer Krankheit aufrecht geht und den Service zu schätzen weiß, den Michael Schwierenkemper im Auftrag seines Chefs bietet. Zwieback wünscht sie heute, aber ohne Zucker. Brötchen sollen es heute nicht sein, deren Geschmack kennt sie auswendig. Dinkelbrot? Weich genug? Das lässt sich ausprobieren. Die Knochen, die schmerzende Hüfte – schon lange keine abstrakten Gesprächsthemen mehr. Alte Vertraute, viel bessere, als sich das alle wünschen würden.

Gute Wünsche zum Abschied

Hanne Wesseler hat kürzlich gescherzt, Schwierenkemper sei einer der wenigen Menschen, die über ihre Schwelle treten dürften. Heute ist ihr nicht zum Scherzen zumute, jedenfalls nicht auf Anhieb. Dieses Virus, wo führt das hin? Im Leben gibt es einige Konstanten, manchmal kann das ein Kürbiskernbrot als Lieblingsbrot sein. Die Kinder, Enkel und Urenkel melden sich. Das ist entscheidend. Das zählt. „Bleiben Sie gesund“, sagt Michael Schwierenkemper zum Abschied. „Sie auch“, wünscht Hanne Wesseler.

In der Bauerschaft erwartet ihn immer ein Kundin mit zehn Katzen, die noch schneller als sie zum Verkaufswagen laufen. Zu Weihnachten haben sich auf dem Beifahrersitz Geschenke den Platz streitig gemacht. Pralinen, Sekt, Wein und ein besonders hübsches Geschenk der älteren Dame, die Schwierenkemper schwer gestürzt in ihrem Flut vorfand. Für sie ist er seitdem ihr Retter. Der Mann, der eigentlich nur die Brötchen liefert, ist längst mehr als ein Dienstleister. Er ist ein Mensch. Einer, der sich kümmert.

Es gibt Verlässlichkeiten in unserem Leben: Glocken, die zur vollen Stunde läuten und – ja, warum nicht? – Menschen, die verlässliche Dienstleistungen bieten. So wie Michael Schwierenkemper, der auch in außergewöhnlichen Zeiten mit seinem Bäckereiwagen durchs Münsterland fährt.

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