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Ansichten eines Farbpsychologen

Die Macht der Farben

Gehören Sie zu den mehr als 90 Prozent der Deutschen, die ihre Wände raufaserweiß gestrichen haben? Dann sind Sie ein Fall für Prof. Axel Buether, einen der angesehensten Farbexperten im Lande.

Annegret Schwegmann

Axel Buether auf der lilafarbenen Sitzlandschaft in seinem Arbeitszimmer. Foto: Martin Jepp

Wenn Angela Merkel in einem blauen Blazer auf dem Bildschirm erscheint, hört Prof. Axel Buether gleich genauer zu, weil er weiß: Jetzt wird es ernst und wichtig. „Und wenn sie sich wieder zu einem zerstrittenen EU-Gipfel aufmacht, trägt sie ihre roten Blazer“, hat der Wuppertaler festgestellt. Viele, viele Stunden später steht sie mit rautengeformten Händen und als Mensch gewordener roter – oder auch gelber – Farbklecks in der Mitte eines Meeres uniformer dunkler Anzugträger. Und auch dann weiß der 53-Jährige genau, was das zu bedeuten hat: „Sie hat ihre schwarzen Herren wieder einmal zur Räson gebracht.“ Im Prinzip könnte die Kanzlerin zur Botschafterin der modernen Farbpsychologie werden, zu deren Gründern Buether zählt. Farbe ist für ihn das größte Kommunikationssystem der Welt.

Ein Tag im Teil-Lockdown. Das Ruhrgebiet ist der Corona-Hotspot Deutschlands. Und weil Wuppertal mittendrin steckt und digitale Kommunikation zu den wenigen Gewinnern der Pandemie gehört, sitzen sich zwei Menschen im ­Videotelefonat an den Bildschirmen gegenüber. Der eine ­gekleidet mit einem frühlingsfrischen grünen Pulli, die andere mit schwarzem Rollkragenpulli – was augenblicklich mitten ins Farbgespräch führt. Schwarz hat der Professor für Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal schon vor Jahren aus seinem Schrank gestrichen. „Schwarz wirkt seriös.“ Das lässt er immerhin gelten. Schwarz erzeuge zugleich aber auch nicht die geringsten Emotionen. Es sei ernst, distanziert und diene der Maskierung. Zu manchen Menschen passe es allerdings. „Das sind Menschen, die den Minimalismus mögen“, sagt er und denkt an Steve Jobs, der schwarze Rollis trug, wenn er eine seiner neuen Apple-Innovationen vorstellte und dabei auf die Wirkung von Schwarz als Farbe der Intellektuellen vertraute. „Dazu, und das ist entscheidend, trug er Jeans und Turnschuhe. Das machte ihn nahbar.“

Wie reagieren Sie auf Lila?

Buether sitzt im erwähnten grünen Pulli vor einer Bücherwand mit Covern in vielen Farben und schwenkt seinen Bildschirm, um zu zeigen, wie er sein Arbeitszimmer so eingerichtet hat, dass er sich darin wohlfühlt. Für die Wände hat er einen gebrochenen Weißton mit Grauanteilen gewählt, der gut mit der lilafarbenen Sofalandschaft korrespondiert, auf der er Gespräche führt. Anders als Vertreter der klassischen Farbpsychologie würde er nie fragen: „Wie reagieren Sie auf dieses Lila?“ Sein Gegenüber würde ihm eine Antwort, mit der etwas anzufangen ist, ohnehin schuldig bleiben, weil „99 Prozent der Farbinformationen un­bewusst verarbeitet werden“, wie der 53-Jährige meint. ­Farben dienen allen Lebewesen der Welt zur Orientierung. Sie sind die wichtigste nonverbale Sprache. Sie signalisieren Gefahr oder Sicherheit und fördern auch die Gesundheit. „Denken Sie ans Kochen“, sagt der Forscher. „Die Farbe zeigt uns, ob uns ein Lebensmittel guttut oder ob es schlecht und nicht mehr genießbar ist.“

Buether hat Architektur studiert und ist auf viele seiner Kollegen nicht gut zu sprechen. „Der Großteil unserer Architektur ist scheinfunktional. Das Weiß der Moderne tut uns nicht gut.“ Der Krankenpfleger, der ihn vor vier Jahren um Unterstützung gebeten hat, würde ihm garantiert zustimmen. Ehe er zu Buether kam, hatte er mit der Leitung des Klinikums in Wuppertal gesprochen und angeboten, die Wände auf seiner Station notfalls selbst zu streichen, um das Farbelend zu beenden. Der Farbpsychologe besah sich die Wände und schaute auf ein leicht gelblich abgetöntes Weiß, bei dem er sich nicht gewundert hätte, wenn der schmierig-gelbe Gilb aus einer alten Waschmittelwerbung von den Wänden gesprungen wäre. Buether ging methodisch vor: „Ich habe nicht gefragt: Welche Farben wollt ihr? Sondern: Welche Wirkung wollt ihr erzielen?“ Heute sind die Patientenzimmer in herbstlichen Tönen gestrichen, mit leicht vergrauten sonnigen Farben aus dem Orangespek­trum und lehmigen Weißtönen. Die Räume der Mitarbeiter wirken frisch mit belebenden Farben wie etwa einem Apfelgrün. Auch das Licht wirkt nun anders – in den Zimmern hat sich die Klinik für ein warmweißes Licht entschieden, das auf den Fluren etwas kühler wirkt. Buether verbindet Projekte wie diese generell mit Forschungszwecken. In den vier Jahren, erzählt er, seien der Krankenstand der Mitarbeiter ebenso wie der Medikamentenbedarf für die Patienten gesunken – die Macht der Farben.

Eine Chance für Schwarz-Träger . . .

Sie funktioniert auch in der Schule. Untersuchungen zeigen, dass Sonnenlicht Glücksgefühle immer dann beim Menschen auslöst, wenn es um die Mittagszeit einen bläulichen Ton annimmt. Schulen, die Lernerfolge ihrer Schüler mit Farben wachkitzeln wollen, rät der Wuppertaler zu „nicht zu kühlen Blautönen“, ideal seien Blautöne mit Grau-Anteilen. Darin können auch Schwarz-Träger kreativ werden . . .

Gehören Sie zu den mehr als 90 Prozent der Deutschen, die ihre Wände raufaserweiß gestrichen haben? Dann sind Sie ein Fall für Prof. Axel Buether, einen der angesehensten Farbexperten im Lande.

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