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Geschichtsforscher aus Nottuln

Haltung – auch wenn es schwerfällt

Glücklicherweise hat er seine Kindheit in Hannover verbracht und dort häufig militärische Übungen britischer Einheiten gesehen – wenn das nicht gewesen wäre, würde Carl Schulze aus Nottuln heute nicht zu den besten Kennern deutsch-britischen Soldatenlebens während der napoleonischen Kriege gehören.

Annegret Schwegmann

Carl Schulze in voller soldatischer Ausstattung. Foto: Jürgen Christ

Dass dieser Mann kein nüchtern-sachliches Allerweltsleben führt, spürt jeder, der seine Wohnung zum ersten Mal betritt. Hinter Glasscheiben befinden sich Uniformröcke und Musketen, gusseisernes Kochgeschirr und leinene Brotbeutel. Daneben machen sich in dicht bestückten Regalreihen Bücher und Ordner den Platz streitig. Bücher, die ganz gewiss noch nie auf einer der Bestsellerlisten dieser Welt gestanden haben und vermutlich auch nie den Weg dorthin finden werden. Sachbücher über soldatisches Leben während der napoleonischen Kriege, über militärischen Drill, Soll und Verpflegung gemeiner Soldaten gehören eindeutig in die Special-Interest-Nische. Allein ist Carl Schulze mit seiner Leidenschaft für eine ganz besondere Form der Geschichtsforschung trotzdem nicht. Napoleonic Re­enactment – dieses Thema elektrisiert ein paar Tausend Menschen weltweit.

Napoleonic Reenactment – was das ist? Wörtlich übersetzt bedeutet es die Nachstellung beziehungsweise Neuinszenierung historischer Ereignisse der napoleonischen Kriege in der Zeit von 1803 bis 1816. Die meisten Menschen stellen sich jetzt vermutlich eine Gruppe fröhlicher Rollenspieler vor, die es lieben, sich zu verkleiden und Geschichte zu spielen. Zu Gast bei Napoleon Bonaparte mit Empirekleidern und zackig sitzenden Uniformröcken zu weißen Bein­kleidern. Diese Gruppe gibt es zweifellos. Doch sie ist klein und hat mit dem eigentlichen Reenactment wenig bis gar nichts zu tun. Carl Schulze nimmt einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse und erklärt, was Napoleonic Reenactment tatsächlich bedeutet: „Es ist eine Darstellung mit detail­getreu rekonstruierter Kleidung an geschichtlichen Orten in Museumsqualität.“ Im Grunde genommen sei es dies: ein ­lebendiges Museum mit dem selbst gestellten Auftrag, Verständnis für Geschichte zu wecken.

Als Waffennarr will er auf keinen Fall gelten

Wie er dazu gekommen ist? Einen eindeutigen Grund kennt nicht einmal Schulze selbst. Mit Sicherheit spielt seine Kindheit im Großraum Hannover eine Rolle. Wahrscheinlich hat ihn auch immer das interessiert, was sein Vater über den Zweiten Weltkrieg erzählte, an dem er als Soldat teilnehmen musste. Irgendwann jedenfalls begann der heute 52-jährige Journalist und Fotograf, immer tiefer in die Geschichte der Soldaten zu Napoleons Zeiten einzutauchen. Sein Spezial­interesse: das Leben der Soldaten in der Königlich Deutschen Legion, die naturgemäß in Hannover wurzelte. „Der Kurfürst von Hannover war schließlich gleichzeitig der König von England“, sagt Schulze. Das verbindet das Land und die Stadt bis heute.

Wenn es Dinge gibt, die ihn automatisch sämtliche Stacheln ausfahren lassen, dann sind es die Vorurteile von Menschen, die Leute wie ihn automatisch in die Nische der Waffen­narren stellen wollen. Solchen Menschen würde er gerne einmal zeigen, wie viel Forschung nötig ist, um sich in das Leben der damaligen Soldaten hineinzudenken. Schulze sucht manchmal monatelang in Archiven und Museen nach einer Detailinformation. „Hyperauthentisch sein“ nennt er das. Manchmal handelt es sich um die ganz bestimmte Prägung eines Knopfes, der an den Uniformrock gehört, den er bei einer Veranstaltung an einem historischen Ort tragen will, oder um Schriften oder exakte Angaben des Solds, den die Soldaten in der deutsch-hannoverschen Berufsarmee erhielten. Viel war es übrigens nie. Und eines ist ohnehin klar: „In dieser Zeit hätte ich nicht gern gelebt. Und schon gar nicht als Soldat. Dafür weiß ich darüber einfach zu viel.“

Zimperlich durften die Männer nicht sein, die sich anwerben ließen, um gegen Napoleon und seine Heere in den Krieg zu ziehen. Die Anwerbeprämie schmolz schnell für ein paar Gläser Gin dahin. Und die drei Mahlzeiten pro Tag, die ihnen versprochen wurden, erwiesen sich oft als Illusion. „Es war eine pragmatische Kosten-Nutzen-Rechnung“, sagt Schulze. Die beginnende Industrialisierung hatte Tausende von Arbeitsplätzen in Großbritannien überflüssig werden lassen. Die Männer brauchten Beschäftigung und Geld und sahen obendrein etwas von der Welt – wenn sie nicht gerade in die Schlacht ziehen und ihr Leben riskieren mussten.

Allein die Uniform wiegt einige Kilo

Schulze hat monatelang den Drill studiert, mit dem die Soldaten ausgebildet wurden. Er steht auf und nimmt die Haltung an, die von jedem Soldaten erwartet wurde. Aufrechte Schultern, Hand an der Hosennaht und die Augen exakt so auf den Nebenmann gerichtet, dass sich der Kopf nicht drehen muss. Die Fersen berühren einander, während die Vorderfüße einen 90-Grad-Winkel bilden. Und dann marschieren, stundenlang, diszipliniert in den immer gleichen Bewegungsabläufen – all das sollte den Soldaten in Fleisch und Blut übergehen. Bei den Veranstaltungen trägt Schulze immer die komplette Ausrüstung und empfindet dabei eine Mischung aus Respekt und Mitgefühl. Allein die Uniform wiegt einige Kilo. Hinzu kommen Brotbeutel und Lederriemen, das Bajonett, die Schusswaffe, der Tornister, die Decke, die Patronentasche . . . Wenn Schulze all das Menschen erzählt, die das Gespräch in dem Glauben begonnen haben, sich nun mit dem Darsteller einer Laienspielgruppe mit Hang zum Verkleiden zu unterhalten, dann sind sie meistens beeindruckt. Reenactment taucht, wenn es mit Leidenschaft betrieben wird, tatsächlich tief in die Geschichte ein.

Glücklicherweise hat er seine Kindheit in Hannover verbracht und dort häufig militärische Übungen britischer Einheiten gesehen – wenn das nicht gewesen wäre, würde Carl Schulze aus Nottuln heute nicht zu den besten Kennern deutsch-britischen Soldatenlebens während der napoleonischen Kriege gehören.

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