Nutzer-Studie
Facebook als Übungsplattform für Freundschaften
Muss der Begriff von Freundschaft im digitalen Zeitalter neu verhandelt werden? Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum geht der Frage nach, warum Menschen soziale Medien nutzen.
An den Werbespot aus den 1990er Jahren erinnert sich der eine oder andere vermutlich noch. Damals saßen sich zwei alte Schulfreunde gegenüber, um sich mit Fotos vom eigenen Haus, dem schicken Auto und der noblen Yacht zu imponieren.
Das geht heute deutlich einfacher – in der virtuellen Welt werden Fotos aus dem Urlaub, von Cocktails oder beim Shoppen mal eben gepostet, um die versammelten Freunde via Facebook auf einen Klick mit neuesten Informationen und Nachrichten zu versorgen. Ein Treffen im Restaurant ist da gar nicht mehr erforderlich . . .
„Freunde“ oder doch nur Kontakte?
Digitale Freunde: Die spielen in der heutigen Welt eine besondere Rolle. Tatsächlich diskutieren Soziologen, Psychologen und Philosophen längst darüber, ob der Begriff von Freundschaft im Zeitalter der sozialen Medien neu verhandelt werden müsste. Dass die Freunde bei Facebook besser als „Kontakte“ bezeichnet werden sollten, findet Phillip Ozimek. Der Sozialpsychologe der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat gemeinsam mit einem Forscherteam 500 Facebook-Nutzer nach ihrer Persönlichkeitsstruktur und ihrer Nutzung der Plattform befragt. Dabei spielte für das Expertenteam auch die Anzahl der Facebook-Freunde und deren Betrachtung eine wichtige Rolle. Schließlich wollten die Wissenschaftler herausfinden: Warum nutzen Menschen soziale Medien?
Nützliche Werkzeuge
Für den Mitarbeiter der Ruhr-Universität sind Facebook und Co. zunächst nützliche Werkzeuge, um Freundschaften und Kontakte zu pflegen. Zum Beispiel nach dem Abitur: Zu den vorhandenen Freunden gesellen sich viele neue – durch Ausbildung oder Studium. Der Freundeskreis wächst und verändert sich. So manche Freundschaft werde in dieser Phase auf eine Probe gestellt. Man sieht sich womöglich nicht mehr täglich wegen unterschiedlicher Studienorte. „Da ist es praktisch, über die sozialen Medien noch eine gefühlte Nähe zu haben“, erklärt Phillip Ozimek. Ein Klick – und man kann sich austauschen.
Im Schnitt hat jeder der rund 31 Millionen deutschen Facebook-Nutzer rund 300 Freunde. Weltweit gibt es kulturelle Unterschiede. Amerikaner, so sagt der RUB-Mitarbeiter, kämen schon auf durchschnittlich 1000 Freunde. Die Anzahl der Facebook-Freunde werde auch kritisch hinterfragt. Wer zu viele Freunde um sich scharrt, gelte schnell als nicht authentisch. Tatsächlich hat der Brite Robin Dunbar schon 1990 ein Buch darüber geschrieben, wie viele Freunde der Mensch benötigt. Er kam damals, als Facebook und Co. noch gar nicht existierten, auf die Zahl 150 und prägte die sogenannte Dunbar-Number.
Möglichkeit der sozialen Teilhabe
Für Phillip Ozimek und seine Kollegen hat ihre Umfrage unter den Facebook-Nutzern vor allem zutage gebracht, dass diese Plattform eine Möglichkeit der sozialen Teilhabe bietet. Und dies auch für Menschen, die kaum analoge Freunde haben. „Menschen mit hohem Selbstwert haben meist offline einen großen Freundeskreis. Für sie sind digitale Freunde nicht so wichtig und wertvoll“, fasst Ozimek zusammen. Diejenigen, die schüchtern sind und sich mit dem Ansprechen von fremden Personen schwerer tun, könnten sich bei Facebook auf ein Trainingsfeld begeben. „Die Plattform ist eine gute Übung: Man kann sich genau überlegen, was man liked und wie kommentiert“, erläutert Phillip Ozimek. Dass man am Ende im Virtuellen dann Kontakte zu Personen knüpft, die man noch nie physisch gesehen hat, tritt für die Nutzer der Plattform dabei in den Hintergrund.
Materialismus 2.0
Allerdings haben die Wissenschaftler der Ruhr-Universität auch herausgefunden, dass auf Facebook eine Art Materialismus 2.0 stattfindet. „Die Plattform macht den Vergleich mit anderen sehr einfach und zieht daher materialistische Menschen besonders an, denen solche Vergleiche wichtig sind“, erklärt Ozimek. Wessen Lebensziel es ist, Besitz anzuhäufen und zu mehren, der nutzt soziale Medien bevorzugt zur Selbstdarstellung. Soziale Ereignisse wie Urlaub, Essen gehen und Konzertbesuche werden zu Trophäen – Freunde sind die Objekte. Der Psychologe spricht gern vom „Sozialkapital“. Die digitale Welt macht es den Materialisten einfacher, die eigene Selbstdarstellung zu zelebrieren. Sie posten, präsentieren und sammeln Likes. Dass Facebook kostenlos ist, gefällt diesen Menschen erst recht. Am Ende müssen sie sich keine Gedanken machen, wer die Rechnung im Restaurant bezahlt . . .

