Kinderzimmer statt Kita

„Die Situation ist eine Riesenchance“

Plötzlich kein Kindergarten mehr. Plötzlich nur noch zu Hause und nicht mehr im gewohnten Rhythmus unter Kindern. Was macht die Corona-Krise mit Jungen und Mädchen im Kita-Alter? Und was hilft ihnen und ihren Eltern, gut durch die lange Zeit zu kommen?

Michaela Töns

ist für Kinder im Kita-Alter ein Gewinn – auch für die eigene Identitätsbildung. Foto: Colourbox

Ein Tablett mit vielen bunten Bügelperlen und eine kleine Initialidee seiner Mama: Schon war Noahs Kreativität angeknipst. Aus der Küche holte der Vierjährige Löffel und Schälchen, um die Perlen nach Farben zu sortieren. Und dann fiel ihm ein, dass seine Miniautos doch die Sortierung übernehmen könnten. Schon war die Baustelle auf dem Esstisch eröffnet. „Die Idee wurde zum Selbstläufer“, sagt Nicole Jöne. Die Erzieherin betreut in der Corona-Krise ihre beiden Söhne, während der Kindergarten nur eine Notbetreuung eingerichtet hat. Ihr reicher Ideenfundus hilft dabei, die Kleinen nicht nur zeitausfüllend, sondern auch sinnvoll zu beschäftigen. Inspiration liefert dafür nicht allein der Spielzeugfundus, sondern der Familienhaushalt an sich.

Prof. Dr. Stefanie Greubel

Zeit zu Hause: Auch für Kindergartenkinder ist das eine Ausnahme. „Kinder sind heute gewöhnt an außerhäusliche Strukturen, an feste Regeln und Strukturen, die nicht das häusliche Umfeld betreffen“, erklärt Stefanie Greubel. „Für viele Familien ist es neu, so viel Zeit miteinander zu verbringen.“ In diesen Wochen so viel Zeit und das Zuhause zu teilen, sei erst mal eine große Herausforderung, sagt die Professorin für Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Die kitafreie Zeit bedeute eine große Umstellung für sie. Anders als bei älteren Kindern, die Situationen und Entscheidungen bereits infrage stellen können, akzeptierten aber kleine Mädchen und Jungen die Veränderung eher, als mit ihr zu hadern, weil sie auf einer Richtlinie der Eltern beruht, denen sie meist blind vertrauen. Auch die Logik beispielsweise einer Quarantäne sei für sie durchaus durchaus begreifbar, wenn sie mitbekommen, dass sich auch alle anderen Menschen danach richten müssen.

Wenn die Sorgen wachsen

Für viele Familien sind die Rahmenbedingungen verschärft durch Quarantäne, Auswirkungen der Corona-Krise auf den Job und wirtschaftliche Entwicklungen sowie eine innere Anspannung. „Kinder können bereits in den ersten Lebensmonaten Stimmungen der Eltern wahrnehmen.“ Und mit 18 bis 30 Monaten lernten sie bereits mitzufühlen – insbesondere mit den Schlüsselpersonen ihres Umfeldes, erklärt Prof. Stefanie Greubel. Bei kurzfristiger Traurigkeit sei es gut, wenn Väter und Mütter authentisch sind, ihren Kindern die eigene Gemütslage zu erklären versuchen. Bei längerfristigen Sorgen sei es sinnvoller, die Kinder eher dagegen abzuschirmen – selbst in Situationen, in denen das Kind abgelenkt wirkt wie beispielsweise bei Telefonaten. „Offene Gespräche über Sorgen sollten Eltern so wählen, dass die Kinder sie nicht mitbekommen.“

Verunsicherung könne eher auf der Seite der Erwachsenen entstehen: „Familien sind trainiert zu netzwerken, zu organisieren – mit anderen Familien, mit den Großeltern.“ Die Zeit in der Kernfamilie bedeutet auch, allein in der Verantwortung zu stehen. Stefanie Greubel: „Das haben wir ja nur noch selten.“ Für die Pädagogin gehört es nun aber nicht in die Verantwortung der Eltern, den Bildungsauftrag der Kindergärten gezielt mit Lernaufgaben zu füllen. „Sie sollten jetzt nicht das Vorschulheft zücken. Die Sorge will ich ganz deutlich nehmen.“ Die aktuelle Situation gebe die Chance, gemeinsam bewusst Zeit zu verbringen und Kinder vom Leben lernen zu lassen: Lieder singen, lesen, Quatsch machen – für all das sei jetzt Zeit. Greubels exem­plarischer Vorschlag: einfach einmal zusammen ein Brot backen. Kinder fühlten sich nützlich und selbstwirksam beim Mitmachen. „Ein solches Alltagsereignis leistet Beziehungsarbeit, stärkt das Selbstkonzept eines Kindes und hilft, natürliche Prozesse zu verstehen.“ Und obendrein führt es auf ein Finale hin: das selbstgebackene Brot am Abend zu genießen. „So ein Erlebnis kann bewirken, dass das Krisenmoment in den Hintergrund rückt“ – wenn die persönliche Situation das zulässt.

Impulse und Ideen

Das Team des Anna-Krückmann-Hauses veröffentlicht in den kommenden Wochen trotz ausgefallener Kurse auf seiner Webseite nicht nur konkrete Tipps für Beschäftigung, sondern möchte auch Gedanken anzustoßen, wie Familien nun ihren gemeinsamen Alltag zu Hause strukturieren können und gar zu einer positiven Erfahrung miteinander wenden können. „So verstehen wir uns: Wir möchten Impulse geben, etwas gemeinsam zu tun.“www.anna-krueckmann-haus.de

„Für viele Eltern ist die Situation eine Riesenchance.Elternzeit ist aus Kinderperspektive ein Glück“, erklärt Rita Neuhaus-Hüls, stellvertretende Leiterin des Anna-Krückmann-Hauses in Münster. Wann sonst sei es möglich, sich draußen mit viel Zeit und ohne Ziel treiben zu lassen. „Stromern, strolchen, sammeln“ trage Kinder durch einen sonnigen Nachmittag im Wald. „Sie finden Stöcker, Gräser, Steine und vieles mehr, sortieren und bestaunen ihre Fundstücke, präsentieren sie in Schatzkisten oder nutzen diese, um Bilder zu gestalten.“ Das Erlebnis allein setze Kreativität frei. Für Rita Neuhaus-Hüls sind auch die Mahlzeiten im Familienkreis Ankerpunkte im Alltagsleben, die sich neu entdecken lassen und wie eine Kraftquelle wirken können. Gemeinsam vorbereiten, kochen, den Tisch decken und dann noch eine Weile zusammensitzen und sich austauschen – vielleicht sogar alte Spiele wie das „Teekesselchen“ oder die „Stille Post“ reaktivieren: „Nach so einer Mahlzeit kann sich ein Kind besser auf sich selbst besinnen, denn es ist vollgesogen mit Aufmerksamkeit.“ Wenn die Rahmenbedingungen es zuließen, könne allein der geteilte Alltag für Familien sehr fruchtbar sein. „Es braucht allerdings ein inneres Umdenken, indem man sich sagt: Ich lasse mich darauf ein. Ich betrachte es nicht als ­Störung meines eingetakteten Lebens.“

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