Wer bringt die Weihnachtsgeschenke?

Die Vielfalt ist die Antwort

Weihnachtsmann, Christkind, Väterchen Frost - oder doch jemand ganz anderes? Für Eltern ist die Frage ihrer Kinder nach dem Überbringer der Weihnachtsgeschenke eine Herausforderung. Bloß nichts Falsches sagen? Nicht unbedingt. Die Vielfalt der Optionen ist eine Chance.

Michaela Töns

Zwischen vielen Weihnachtsmännern: Er war lange Zeit der unangefochtene Geschenkebringer. Foto: dpa

Nicht einer von den verkleideten. Nicht einer mit angeklebtem Rauschebart, der im Kaufhaus Schokolade verschenkt. Und auch nicht der, der mit dem Motorrad nach ­Feierabend davonbraust. Noah wünscht sich, dass ihn der echte Weihnachtsmann zum Fest besucht. So beginnt „Besuch am Weihnachtsabend“, ein Bilderbuch der österreichischen Autorin Edith Schreiber-Wicke. Ihr Protagonist erlebt, was jedes Kind im Advent überflutet: Eltern zwischen Geheimniskrämerei und Stimmungsmache, Pädagogen in Kindergarten und Schule zwischen Mission und Pflichterfüllung und eine Konsumwelt zwischen Black Friday und Glitzerlawinen.

Nicht nur Weihnachtsmann, Christkind und Nikolaus begegnen dem Nachwuchs gleichermaßen zauberhaft-geheimnisvoll in ihrem Kinder-Alltag: Auch die Geschichten, die sie rund um diese Figuren erfahren, sind vielfältig – in Bilderbüchern, in den Erzählungen der Kindergartenfreunde und im großen weiten Alltag der Erwachsenen, den sie miterleben.

Glaubwürdigkeit und eigene Überzeugungen

„Das darf auch sein“, sagt Barbara Lipperheide, Religions- und Sozialpädagogin im „Haus der Familie“ in Münster. Die Vielfalt sei eine Chance, die Jungen und Mädchen prägen könne – „nicht nur im Bezug auf Weihnachten. Das hilft dabei, den eigenen Weg zu finden.“ So wie im Haushalt der Freunde oder der Großeltern andere Regeln gelten können als zu Hause, so sei es für Kinder bereichernd, sich selbst an der Vielfalt der persönlichen Wahrheiten und Lebensweisen zu schulen.

Dabei sei es aber wichtig, dass Eltern ihre ganz eigenen Überzeugungen darlegen. Und auch ehrlich passen, wenn sie für ein Phänomen keine Erklärung, bestenfalls eine Idee davon haben. Diese Authentizität mache sie glaubwürdig. Erst recht, wenn sie ihre Kinder dann nach deren Meinung fragen. „Ich weiß es nicht genau. Was glaubst du?“ – ein solcher Austausch könne ihnen eine Chance geben, die eigene Erklärung, den eigenen Weg zu finden. Weihnachtsmann, Christkind, Nikolaus?

Die Frage, wie die Geschenke unter den Baum kommen, sollten Eltern möglichst so beantworten, dass sie „nichts sagen, was sie später zurückholen möchten“, rät Barbara Lipperheide. Kinder könnten durchaus zwei oder mehrere Versionen einer Erklärung nebeneinander akzeptieren, vielleicht sogar in­einander integrieren. „Sie können doppelgleisig fahren“, versichert sie. Widersprüche? Ungereimtheiten? „Solange die Kinder den Mythos brauchen, werden sie es ignorieren“, erklärt die Religionspädagogin.

Wer bringt die Geschenke?

Die Antwort auf diese Frage beschäftigte Eltern auch schon vor Generationen. In Westfalen war es bis ins 20. Jahrhundert ganz klar der Nikolaus an seinem Gedenktag. „In katholischen Gegenden freuten sich die Kinder sogar mehr auf diesen Tag als auf Weihnachten, denn er war hier der Hauptgeschenketag“, erklärt die Volkskundliche Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Erst bei den evangelisch geprägten, später auch bei den katholischen Familien stieg bald die Bedeutung von Weihnachten. Vor gut 70 Jahren, so die Volkskundler des LWL, hätten sich Christkind und Weihnachtsmann die Arbeit geteilt: Das Christkind legte vor allem in West-, Südwest-, Süddeutschland und Schlesien die Geschenke unter den Baum.

In Mittel-, Nord- und Ostdeutschland war der Weihnachtsmann im Einsatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg allerdings die Popularität des Bartträgers im roten Rock - möglicherweise auch, weil er als Santa Claus, einer auswanderungsbedingten Variante des Sinterklaas, aus den USA zurück nach Europa kam.

Kinder ließen in der Weihnachtszeit ganz intuitiv zu, was Erwachsenen oft abhanden gekommen ist: das Einlassen auf einen irrationalen Zauber, der das Herz berührt. „Irgendwann bieten sie uns dann an, auf das andere Gleis zu kommen“, beschreibt sie, dass Jungen und Mädchen im Grundschulalter beginnen, die irdischen Dinge stärker wahrzunehmen – und dem Sachverhalt auf die Spur zu kommen, dass die Eltern die Geschenke unter den Baum legen.

Daher empfiehlt Barbara Lipperheide, Kinder ruhig in das Schenken einzubeziehen und so die Intention der Gaben erahnen zu lassen. Vielleicht entwickeln sie gar Ideen, erfahren, wie ihre Gedanken wirksam werden. Dann seien sie dem Wesen des Schenkens zu Weihnachten tatsächlich auf der Spur.

Mit dem Nikolaus fing es an...

Für eine Veranstaltung im „Haus der Familie“ hat sich Barbara Lipperheide unter anderem mit den Ursprüngen der vielen in der Weihnachtszeit handelnden Figuren auseinandergesetzt. „Der Nikolaustag ist der eigentliche Geschenketag, denn der heilige Nikolaus ist eine historische Person“, erläutert sie. Der reale Nikolaus habe sein reiches Erbe zugunsten von Kindern verschenkt – und das heimlich. In den Überlieferungen steckten Motive, die in der Weihnachtszeit immer wieder auftauchen, zeitlos sind und die Basis für Weiterentwicklungen wurden.

Mit der Reformation und der Distanzierung Luthers von der Heiligenverehrung sei das Schenken auf den Termin des Weihnachtsfests gewandert und vielerorts durch den Weihnachtsmann übernommen worden, ehe ihn Coca Cola Jahrhunderte später Anfang der 1930er Jahre optisch besetzte. Und auch das Christkind habe seinen Ursprung im Kindlichen des neugeborenen Jesus. Bis zur Christkindl-Figur auf dem Weihnachtsmarkt sei der Weg dann noch weit gewesen.

Barbara Lipperheide

Weihnachtsbräuche waren zu allen Zeiten im Wandel – und sie unterlagen vielen Einflüssen. Sichtbar wird das an den Begleitfiguren von Hans Muff bis Knecht Ruprecht. „Es gibt ganz viele – und wahrscheinlich sind sie im Zusammenhang mit heidnischen Winterbräuchen entstanden.“ Zum Nikolaus, dem Patron der Kinder, gehöre kein strafender Begleiter. Und mit Väterchen Frost gebe es sogar ein Kunstprodukt – entstanden wohl aus der Sehnsucht nach herzerwärmenden kindlichen Mythen in der religionsfreien Sowjetunion: Als Kontrapunkt zum Weihnachtsmann mit blauem Pelzmantel und Zauberstab, der alles, was er berührt, zu Eis erstarren lässt, erweckt er den Anschein, schon seit Jahrhunderten durch die Legenden zu streifen. „Väterchen Frost ist noch gar nicht so alt“, sagt Barbara Lipperheide. Und in seiner Begleitfigur, der Enkelin Snjegurotschka, wiederhole sich das zeitlose Motiv: ein Kind, das die Herzen erweicht.

Im Bilderbuch von Edith Schreiber-Wicke bekommt Noah tatsächlich Besuch. Von einer Frau, die an der Haustür um Almosen bettelt. Vom alten Nachbarn, dem er einen Brief von der Tochter vorlesen soll. Von seinem Freund, dem er hilft, seine Katze zu finden. Nur nicht vom Weihnachtsmann. Und doch hat der Junge nach dem Heiligen Abend eine Ahnung vom Zauber Weihnachtens.

Weihnachtsmann, Christkind, Väterchen Frost– oder doch jemand ganz anderes? Für Eltern ist die Frage ihrer Kinder nach dem Überbringer der Weihnachtsgeschenke eine Herausforderung. Bloß nichts Falsches sagen? Nicht unbedingt. Die Vielfalt der Optionen ist eine Chance.

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