Erwartungen, Sehnsüchte & Rituale

Harmonie zum Fest: Tipps einer Erziehungs­expertin

Ruhig wird das Weihnachtsfest. So viel ist sicher. Aber harmonisch? Für Kinder wäre es gut, wenn es Erwachsenen gelingt, ausgeglichen durch die Feiertage zu kommen. Das gibt Sicherheit. Und davon haben Jungen und Mädchen im abge­laufenen Jahr nicht allzu viel gespürt, sagt Pädagogin Stefanie Greubel.  

Michaela Töns

Traditionen zum Fest geben Kindern, aber auch Eltern ein Gefühl von Sicherheit. Foto: colourbox.de

„Alle Jahre wieder macht die Familie Stress, weil man sich sowieso viel zu selten blicken lässt. Schraubt eure Erwartungen himmelhoch hinaus, sie alle zu erfüllen, schafft nicht mal Santa Claus.“ Gesungen von engelsgleichen Stimmchen dringen diese gereimten Zeilen derzeit aus vielen Kinderzimmern. Sie stammen aus einer etwas anderen Fassung des Weihnachtsklassikers „Alle Jahre wieder“: Florian Sump, Lukas Nimschek und Markus Pauli haben sich von ihm zu einer modernen Textfassung inspirieren lassen, die sie als Band „Deine Freunde“ mit HipHop-Beats in die Welt der Kindergartenkinder und Schüler tragen.

Eine Innensicht, denn Sänger und Texter Florian Sump ist Familien­vater und von Haus aus Erzieher. „Ich habe das Gefühl, dass viele Familien gemeinsame Zeit als etwas immer Wertvolleres betrachten“, erklärt er, wie in seiner Wahrnehmung junge Familien mit dem Weihnachtsfest umgehen. „Und dass es eigentlich nicht um so viele Sachen geht: Man sitzt zusammen und verbringt Zeit.“

Prof. Dr. Stefanie Greubel

Weihnachten ist ein emotionsgeladenes Thema. Kinder und Erwachsene gleichermaßen verbinden viele Erinnerungen an das Fest und formen daraus ihre Erwartungen. Und die Kleinsten? Sie erfahren diese Rituale als Premieren. „Für sie ist jetzt die Zeit, in der sie diese Erinnerungen entwickeln“, erklärt Prof. Stefanie Greubel, die an der Alanus Hochschule im rheinischen Alfter Kindheitspädagogik lehrt. Indem sie sich im Kindesalter festigen, begleiten sie sichernd durch das ganze Leben. Daraus erwachsen auch Erwartungen an das Fest, an sich und andere. Und die können kollidieren mit dem, was die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung aktuell diktieren.

„Rituale geben Sicherheit“

Grundsätzlich gilt: „Rituale geben Sicherheit“ – auch einer Gesellschaft. Die Sehnsucht nach Harmonie zum Fest ist daher vielmehr ein Wunsch nach Sicherheit. Eine Konstante, die sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert habe trotz vieler Einflüsse von Konsum und Globalisierung. Jetzt allerdings nach einem Jahr, das stetig Flexibilität von allen Generationen abverlangt und sie zum Verzicht auf ­Sicherheiten gezwungen hat, muss auch das Fest der Feste Auflagen folgen. Weihnachtsmärkte, Gottesdienste, individuelle Traditionen und dann das Treffen mit der Familie: „Wenn alle diese Dinge wegfallen, gerät die Struktur ins Wanken.“ Erst recht in den Familien, wo aufgrund von Patchwork-Situationen und vielen Familienmitgliedern generell viel Organisation geboten ist, um den Wünschen aller gerecht zu werden.

Erwachsenen rät Pädagogin Stefanie Greubel daher, zunächst sich selbst und die eigenen Erwartungen zu spiegeln und herauszufiltern, was in der Familie den Kern des Festes ausmacht. Mal kein ausgefeiltes Abendessen, keine großartige Deko auf dem Tisch: Zugeständnisse an den Perfektionismus könnten schon Spielräume für Entspannung schaffen. Ein Dilemma bleibe die Entscheidung, wer sich an den Feiertagen in wessen Gesellschaft versammelt. „Eine gute Lösung für jeden zu finden, ist schwierig“, erläutert die Erziehungs­expertin.

Sicher sei in jedem Fall: Die Kinder, die die Corona-Pandemie bewusst erlebt haben – vom Kindergarten-Alter bis die höheren Schuljahrgänge –, hätten ein Jahr hinter sich, das das Erleben von Ritualen, die Sicherheit geben, sehr schwer gemacht habe. Reglementierte Abläufe in Schule und Kita, außergewöhnliche Übertritte vom Kindergarten zur Schule und von dort zur weiterführenden Schule, Verzicht auf soziale Gemeinschaftserlebnisse: Corona und der Umgang der Erwachsenen mit der Pandemie habe Kindern und Jugendlichen sehr viel zugemutet. Stellenweise zu viel?

Neue Rituale gegen die Leere

Kognitiv seien Kinder ab sieben, acht Jahren in der Lage, die Tragweite der Pandemie zu erahnen. Aber auch schon jüngere Jungen und Mädchen seien fähig, logische Rückschlüsse zu ziehen und die Situation einzuschätzen. „Die Kinder machen so viel mit und müssen dann immer vernünftig sein“, fühlt Greubel nach, was den Nachwuchs gerade umtreibt. Ein Wunsch nach einem Weihnachten, das abläuft wie immer – mit Baum, Oma und Opa und allem, was sonst so vertraut ist – sei mehr als nachvollziehbar. „Denn wenn jetzt auch noch die sicheren Rituale zu Weihnachten wegfallen, dann rüttelt das echt an ihnen. Was geht, sollte man daher beibehalten“, rät Stefanie Greubel und schlägt aber auch vor, neue Rituale zu schaffen, die sich gut anfühlen: statt des gemeinsamen Gangs zur Kirche zum Beispiel ein ausgedehnter Spaziergang. „Es ist wichtig, keine Leere entstehen zu lassen“, fügt die Pädagogin hinzu. „Verknüpft man das Alte mit dem Neuen, kann das durchaus gewinnbringend sein.“ So proaktiv mit der Situation umzugehen, könne auch die Stimmung heben, statt über ein „Was wäre, wenn . . .?“ zu grübeln.

Was gehört für „Deine Freunde“-Sänger Florian Sump zu einem Familien-Weihnachtsfest dazu? Er steht seiner Familie nahe und trauert um seinen Großvater, der in diesem Jahr gestorben ist. „Dass man Menschen vermisst, vielleicht auch ein bisschen traurig ist, aber sich in einem gemütlichen Umfeld über sie austauscht und guckt, dass man aufeinander schaut: So etwas gehört für mich auch zu Weihnachten dazu. Das, was man sich im Alltag immer vornimmt, aber das zu oft nicht klappt.“ Und so haben auch die coolen „Deine Freunde“ eine schlichte und gefühlvolle Weihnachtsbotschaft im Song „Freut euch, dass ihr da seid“: „Es geht nicht darum, dass es immer perfekt ist… Es geht nicht darum, nur zu ­suchen, was fehlt, sondern auch zu erkennen, was wir schon haben… Wenn ihr könnt, freut euch, dass ihr da seid.“

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