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Sonderveröffentlichung

Das bedeutet der höhere Leitzins für Banken und Verbraucher

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im laufenden Jahr dreimal erhöht, um die Inflation im Euroraum zu bekämpfen. Gleichzeitig beeinflusst der höhere Zinssatz aber auch das Tagesgeldgeschäft der Banken sowie Sparer, Anleger und Verbraucher stark.

von Aschendorff Medien

Foto: Colourbox.de

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juli 2022 erstmals nach elf Jahren den Leitzins erhöht. Nach weiteren Leitzinserhöhungen im September und Oktober liegt dieser nun bei zwei Prozent.

Was ist der Leitzins?

In der Europäischen Union (EU) gibt es mit dem Hauptrefinanzierungssatz, dem Spitzenrefinanzierungssatz und dem Einlagenzins eigentlich drei Leitzinssätze. Wenn man vom Leitzins spricht, ist der Hauptrefinanzierungssatz gemeint, der festlegt, zu welchem Zinssatz sich Banken von der EZB Geld leihen können.

Das Hauptziel der Zinspolitik der EZB ist ein stabiles Preisniveau. Weil sich in der Marktwirtschaft die Preise über Angebot und Nachfrage bilden, kann die Zentralbank über den Leitzins die Preisentwicklung aber nur indirekt beeinflussen.

„Geschäftsbanken orientieren sich bei der Kreditvergabe an den Leitzinsen der EZB. Die Zentralbank hat dadurch einen großen Einfluss auf die allgemeine Zinsentwicklung“, erklärt Tobias Gillen, Chefredakteur von finanzentdecker.de.

Wieso wurde der Leitzins erhöht?

Die deutlichen Leitzinserhöhungen sollen laut der Zentralbank zu einem Rückgang der Inflation führen. Diese lag laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) im Oktober 2022 im Euroraum bei 10,7 Prozent. Das mittelfristige Ziel der EZB sieht eine Inflation von nur zwei Prozent vor.

Die Inflation, also das Preisniveau für Waren und Dienstleistungen, wird durch den Leitzins beeinflusst, weil dieser Kredite teurer macht. Unternehmen und Verbraucher investieren bei einem höheren Leitzins also weniger und sparen mehr. Es kommt dadurch zu einer sinkenden Nachfrage, die schlussendlich zu fallenden Preisen führen soll.

„Die höheren Leitzinsen der EZB haben einen großen Einfluss auf die Verbraucher und Banken. Nach Jahren mit Niedrig- oder Nullzinsen halte ich den Umschwung aber für gesund, um einerseits die Inflation abzumildern und andererseits Sparern wieder Zinsen für ihr Geld zu ermöglichen“, so Tobias Gillen.

Höhere Gewinne für Banken

Die höhere Einlagefazilität, also der Zinssatz, mit dem Geschäftsbanken im Euroraum bei der EZB kurzfristig nicht benötigtes Geld anlegen können, führt laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC zu deutlich höheren Gewinnen im Tagesgeldgeschäft der Banken. Bis Ende des laufenden Jahres werden sich diese auf 3,3 Milliarden Euro mehr als verdreifachen.

2023 prognostiziert PwC beim Tagesgeldgeschäft einen Gewinn von 14,8 Milliarden Euro und 2024 von 12,6 Milliarden Euro. Wie PwC-Partner Daniel Wildhirt gegenüber dem Handelsblatt erklärt, sollten die Kreditinstitute trotz der positiven Aussichten beim Tagesgeldgeschäft nicht in Euphorie verfallen.

„Trotz dieser starken Prognose müssen sich die Banken jetzt strategisch neu ausrichten, denn die Belastungen durch Wertpapierabwertungen, Kreditausfälle und Inflation werden noch in diesem Jahr wirksam“, erklärt Daniel Wildhirt gegenüber dem Handelsblatt.

Zinsanlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder Sparbriefe

In den letzten zehn Jahren war das niedrige Zinsniveau insgesamt vorteilhafter für Kreditnehmer als für Sparer. Die zuletzt deutlich höheren Leitzinsen führen mittelfristig bei Zinsanlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder Sparbriefen zu einer höheren Rendite.

Bei der Wahl einer Zinsanlage sollten Sparer jedoch berücksichtigen, dass die Zinssätze trotz der Zinswende noch immer deutlich unter der Inflationsrate liegen. Investitionen in Zinsanlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder Sparbriefe sind aktuell also mit einem negativen Realzins verbunden und führen zu einem Kaufkraftverlust. Der Wert des Geldes nimmt auf dem Papier also zu, ist real aber weniger wert.

„Sichere Anlagen wie Zinsanlagen, Tagesgeld, Festgeld oder Sparbriefe sollten nur zur Streuung in das eigene Portfolio aufgenommen werden. Aktien und Anleihen sind oft deutlich rentabler und können auch bei einer hohen Inflation einen positiven Realzins erzielen“, erklärt Tobias Gillen.

Aktien und Anleihen

Die höheren Leitzinsen beeinflussen auch die Börsen stark. Besonders groß sind die Auswirkungen bei Aktien und Anleihen.

·       Einen festen, immer gültigen Zusammenhang zwischen Aktienkursen und der Zinsentwicklung gibt es nicht. Historisch hat der Aktienmarkt meistens volatil auf Zinserhöhungen reagiert, weil Unternehmen befürchten, neue Kredite nur zu deutlich schlechteren Konditionen zu erhalten. Aktien mancher Branchen, vor allem von Unternehmen aus dem Finanzsektor, reagieren auf höhere Zinsen aber auch mit steigenden Kursen. Zudem eröffnet die aktuelle Entwicklung interessante Chancen in stabilen und etablierten Geschäftsmodellen, wie zum Beispiel der Medizintechnik.

·       Auch Anleihen, mit denen Unternehmen (Unternehmensanleihen) und Länder (Staatsanleihen) am Kapitalmarkt Geld geliehen werden kann, reagieren auf höhere Leitzinsen stark. Wenn die EZB den Zinssatz erhöht, steigen auch die Zinsen von neuen Anleihen. Die Zinsen für bereits gezeichnete Anleihen werden durch Änderungen beim Leitzins nicht beeinflusst.

Immobilienfinanzierungen

Die Höhe der Bauzinsen ist eng mit dem Leitzins der EZB verknüpft. Zu Beginn des Jahres 2022 konnten Verbraucher mit guter Bonität Immobilienfinanzierungen noch mit Zinsen von knapp einem Prozent abschließen. Inzwischen sind die Bauzinsen auf vier Prozent und mehr gestiegen.

Menschen, die aktuell eine Immobilie kaufen oder bauen möchten, werden durch das höhere Zinsniveau also deutlich stärker belastet. Problematisch ist die Zinssteigerung zudem für Haushalte, die bereits abgeschlossene Immobilienfinanzierungen umschulden müssen oder die eine Anschlussfinanzierung benötigen. Finanzexperten rechnen in den kommenden Jahren deshalb in vielen Regionen mit sinkenden Immobilienpreisen.

„Die deutlich höheren Zinsen bei Immobilienfinanzierungen sorgen dafür, dass die ohnehin schon teuren Immobilien für viele Familien unerschwinglich werden. Das dürfte dann wiederum dazu führen, dass die Preise für Immobilien fallen, wodurch sich die Effekte bestenfalls ausgleichen. Zumindest ist das die Hoffnung aller, die sich ein Eigenheim wünschen“, erklärt Tobias Gillen.

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