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Finanzen

Der Teuerste kann der Günstigste sein

Anwaltshonorare sind intransparent und häufig zu hoch. Das Internet sorgt jetzt für mehr Wettbewerb. Wie die Mandanten davon profitieren wurde Rechtsanwalt Bernfried Rose von der Kanzlei ROSE & PARTNER gefragt.

Anwalts- und Prozesskosten können theoretisch unlimitiert steigen. Foto: Pixabay.com / WilliamCho

Herr Rose, sind Anwälte teuer?

In den meisten Ländern müsste man diese Frage wohl mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. So haben zum Beispiel in den USA angesichts von Stundenhonoraren, die 1.000 Dollar oder mehr betragen können, viele Menschen überhaupt keinen Zugang zum Recht. In Deutschland ist Rechtsberatung dagegen vergleichsweise erschwinglich. Bei uns gibt es ein Vergütungsgesetz, Prozesskostenhilfe oder auch Rechtsschutzversicherungen. Dadurch sind die meisten Menschen wirtschaftlich in der Lage, ihre Interessen mit Hilfe eines Anwalts zu verfolgen.

Also alles in Ordnung mit den Anwaltshonoraren?

Aus meiner Sicht nicht. Das liegt an der Intransparenz. Kaum jemand versteht eine Anwaltsrechnung, die sich meist aus verschiedenen Gebühren, Gebührensätzen, Streitwerten, Auslagen etc. zusammensetzt. Gerade bei der Abrechnung der gesetzlichen Gebühren haben Anwälte einen Spielraum, den sie ausnutzen können, ohne dass der Mandant dies selbst überprüfen kann.

Ist denn eine Abrechnung nach Zeitaufwand fairer?

Die Vergütung auf der Basis des Aufwands ist zumindest transparenter. Der Vorteil für den Anwalt besteht darin, seinen Stundensatz an seine Qualität anpassen zu können. Daher reicht die Bandbreit der üblichen Nettostundensätze auch von ca. 100 Euro für unerfahrene Generalisten bis zu über 600 Euro für die besten Spezialisten. Letztere liefern dabei regelmäßig nicht nur die bessere Arbeit ab, sondern stellen häufig sogar niedrigere Rechnungen als Kollegen mit weniger Erfahrung. Schließlich können sie in ihrem Spezialgebiet Mandate in einem Bruchteil der Zeit bearbeiten, da sie sich nicht erst in Themen einarbeiten müssen. Der „teuerste“ Anwalt ist beim Zeithonorar also nicht selten der günstigste.

Worauf sollten Mandanten noch beim Zeithonorar achten?

Kritisch geprüft werden sollte die der Rechnung anliegende Aufwandserfassung. Diese sollte möglichst detailliert und nachvollziehbar sein.

Viele Kanzleien rechnen nach wie vor im 15-Minuten-Takt ab und berechnen somit zum Beispiel bei einem Telefonat von 5 Minuten gleich eine Viertelstunde. Das ist nicht nur unfair, sondern nach Ansicht der meisten Gerichte auch rechtswidrig. Verbreitet ist auch die Abrechnung von Reisezeiten – zum Beispiel zu Gerichtsterminen – zum vollen Stundensatz. Ein Extra-Honorar „verdienen“ sich manche Kanzleien auch, indem sie sich die Arbeit des Sekretariats gesondert vergüten lassen oder saftige Auslagenpauschalen von 4 oder 5 Prozent auf die Rechnung aufschlagen.

Es lohnen sich also ein kritischer Blick auf die jeweilige Vergütungsvereinbarung und der Vergleich mit anderen Kanzleien.

Ist es für Laien nicht grundsätzlich schwer, Anwälte zu vergleichen?

Durch das Internet ist dies heute viel leichter geworden. Online findet man heute Informationen zu den meisten Rechtsanwälten, etwa zur Berufserfahrung, Fachanwaltschaften, Spezialisierungen, Veröffentlichungen und natürlich auch zum Honorar. Außerdem gibt es zahlreiche Portale, auf denen Anwälte direkt verglichen werden können und standardisierte Beratungsleistungen zum Festpreis angeboten werden. Daneben bieten Legal Tech-Portale zunehmend Anwaltstätigkeiten wie zum Beispiel die Geltendmachung von Fluggastrechten oder die Prüfung von Hartz 4-Bescheiden gegen eine Erfolgsbeteiligung oder gleich kostenlos an.

Was halten Sie von dieser Digitalisierung der Rechtsberatung?

Für rechtsratsuchende Menschen sind diese Angebote oft ein Segen. Sie sind nicht nur schnell und unkompliziert. Algorithmen, die mit juristischem Know How programmiert werden und mit Daten aus zahlreichen Fällen gefüttert werden, sind in der Lage, in bestimmten Bereichen Ergebnisse zu liefern, die für einen einzelnen Anwalt nur schwer zu erreichen sind.

Wir Rechtsanwälte müssen uns eingestehen, dass man uns für viele Angelegenheiten in Zukunft nicht mehr benötigt. Das gilt nicht nur für einfache Rechtsfragen, sondern auch im Bereich der Gestaltung. Ich denke etwa, dass ein guter Algorithmus zum Beispiel ein einfaches Testament besser erstellen kann, als die meisten Anwälte dies hinbekommen.Wie in anderen Dienstleistungsbranchen wird die Digitalisierung auch in der Rechtsberatung disruptiv wirken. Daher glaube ich, dass mehr als die Hälfte der deutschen Anwaltskanzleien in den nächsten 20 Jahren verschwinden wird.

Wird der Anwaltsberuf damit in Zukunft wirtschaftlich uninteressant?

Wer in Zukunft mit Rechtsberatung noch Geld verdienen will, muss sich auf die komplexen Gestaltungen und Konflikte konzentrieren. Wenn Sie nach einer Scheidung um das Sorge- und Umgangsrecht streiten, werden Sie auch künftig einen Anwalt an Ihrer Seite benötigen. Und auch, wer etwa das Familienvermögen zum Schutz vor Gläubigern auf eine Stiftung übertragen will, wird wohl bis auf weiteres eher ein Team von Spezialisten als einen Algorithmus beauftragen. Der klassische Feld-, Wald- und Wiesenanwalt um die Ecke wird aber das Schicksal des Tante Emma-Ladens teilen und aussterben.

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