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Absolventin der Uni Münster entwickelt Endometriose App

In Deutschland erkranken etwa 40.000 Frauen pro Jahr an einer Endometriose. Es handelt sich dabei um eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle entsteht. Wie die normale Gebärmutterschleimhaut verändert sich auch das Endometriosegewebe während der Menstruation. Dabei kann es zu Schmerzen, Narbenbildung und Gewebeblutungen kommen.

Aschendorff Medien - Sonderveröffentlichung -

Foto: Pixabay

Eine Endometriose kann außerdem zur Unfruchtbarkeit bei Frauen führen. Medizinisch ist bisher noch nicht bekannt, welche Ursache eine Endometriose hat. Es besteht bei dem Krankheitsbild deshalb leider noch keine Möglichkeit einer Prophylaxe.

Wie Dr. med. Nadine Rohloff eine Absolventin der Medizin der Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) und ehemalige Ärztin am Endometriosezentrum des Universitätsklinikums Münster (UKM) erklärt, ist außerdem die Behandlung einer Endometriose bei vielen Patientinnen problematisch. Frau Dr. med. Nadine Rohloff, die Gründerin der in Chemnitz ansässigen Endo Health GmbH entwickelt deshalb mit ihrem Team eine Endometriose App, die die Situation der Patientinnen signifikant verbessern soll. Heute informiert uns Frau Dr. med. Nadine Rohloff über die Möglichkeiten dieser App.

Guten Tag Frau Dr. med. Nadine Rohloff. Die Endometriose ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung in Deutschland. Wieso gleichen Therapien trotzdem noch immer oft einem Ausprobieren unterschiedlicher Behandlungsansätze?

Dr. med. Nadine Rohloff: Weil die Ursache der Endometriose noch nicht abschließend geklärt ist, ist auch die Therapie noch nicht da, wo wir sie alle gerne hätten. Zwar ist es nicht nur ein Ausprobieren - es gibt Standardtherapien, die erfolgreich eingesetzt werden, wie die Hormontherapie, Kinderwunschtherapie und die Operation. Es gibt auch Leitlinien, die einen Leitfaden darstellen, wann welche Therapie angebracht ist. Aber da auch bei all diesen Therapien häufig Rezidive auftreten, die Endometriose also nicht oder nur zeitweise weggeht, muss man am Ende doch öfter “Ausprobieren” was am besten hilft. Es ist eine komplexe Erkrankung, die aufgrund ihrer vielen unterschiedlichen Symptome auch als Chamäleon bezeichnet wird. Das kostet viel Zeit bis zur Diagnose, aber auch in der Therapie und der Aufklärung, die häufig im normalen Arztgespräch außerhalb von Endometriosezentren nicht geleistet werden kann. Viele Frauen mit Endometriose haben aufgrund der langen Leidenszeit auch chronische Schmerzen entwickelt. Das bedeutet, die Schmerzen wurden vom Nervensystem gelernt. Diese komplexen neurologischen Veränderungen sind ausdrücklich keine “eingebildeten” Schmerzen, sondern ein ausgezeichnet untersuchter neurologischer Prozess. Daher wird meist eine multimodale Schmerztherapie empfohlen, im Rahmen einer Reha oder ambulanten Schmerztherapie. Multimodal bedeutet aus vielen Komponenten zusammengesetzt, sodass man auch durch Ausprobieren herausfindet, was individuell am besten gegen die Schmerzen oder für die Lebensqualität hilft. Das wird zwar leider nicht häufig angeboten, ist aber sehr hilfreich und auch in den Leitlinien beschrieben.

Danke für diese ausführliche Antwort. Wie kann Ihre App den Patientinnen bei diesen Problemen helfen?

Dr. med. Nadine Rohloff: Die App setzt genau dort an. Die meisten Aspekte der multimodalen Schmerztherapie müssen von der Patientin in ihren Alltag integriert werden. Gleichzeitig suchen viele Patientinnen nach Möglichkeiten zum Selbstmanagement und stoßen dabei hauptsächlich auf Erfahrungsberichte im Internet und nicht auf wissenschaftliche Empfehlungen. Und das Selbstmanagement ist oft ein Bereich, für den im Arztgespräch keine Zeit bleibt. Selbst nach einer Reha muss man ja das erlernte im Alltag umsetzen. Somit möchten wir mit der App ein evidenzbasiertes und angeleitete Selbstmanagement ermöglichen.

In der App gibt es einmal ein ausführliches und doch schnell ausfüllbares Symptomtagebuch, bei dem die Betroffene ihre Beschwerden detailliert und angelehnt an medizinische Dokumentation genau dokumentieren kann. So kann gut im Blick behalten werden, was wirklich geholfen hat. Auch Aktivitäten wie Sport, Entspannung, Ernährung und Therapien wie etwa Operationen können dort dokumentiert werden.

Gleichzeitig können in der App viele Selbstmanagementtechniken, die bereits wissenschaftlich untersucht wurden, von Experten erlernt werden. Informationen über Endometriose und Chronische Schmerzen und Anleitungen zu verschiedensten Entspannungstechniken, Ernährung bei Endometriose, Achtsamkeit, emotionalem Wohlbefinden, Bewegung, Physiotherapie, soziale Thematiken und Unterstützung bei Alltagsthemen wie dem Arbeitsplatz und der Partnerschaft bei Endometriose finden sich in Kursmodulen und Übungen direkt in der App und helfen diese im Alltag umzusetzen.

Die Betroffene hat also die Möglichkeit ihre Beschwerden und ihren Fortschritt zu dokumentieren, auszuwerten und angeleitet ihre individuell hilfreichsten Optionen für ein besseres Wohlbefinden zu finden. Ein strukturiertes Ausprobieren also.

Ihr Unternehmen sammelt über die Endometriose App also eine Menge sensible Patientendaten. Wer kann auf diese Daten zugreifen und wie wird sichergestellt, dass die Daten nicht in falsche Hände gelangen?

Dr. med. Nadine Rohloff: Da haben Sie natürlich recht - Datenschutz spielt von Anfang an eine zentrale Rolle. Erschreckenderweise verarbeiten und speichern viele Apps, zum Beispiel Periodentracker, ihre Daten in den USA und gehen auch sonst nicht sorgfältig damit um.

Als deutsches Unternehmen speichern und verarbeiten wir die Daten unserer Nutzerinnen ausschließlich in Deutschland auf deutschen Servern. Alle Verbindungen sind bei uns stets verschlüsselt und der Zugriff ist natürlich nur für die jeweilige Nutzerin möglich. Die Nutzerin hat allerdings die Möglichkeit die Daten aus der App herunterzuladen, wenn sie sie anderweitig nutzen möchte. Die Datenschutzgrundverordnung wurde von Anfang an als oberste Priorität bei der Entwicklung gesehen.

Grundsätzlich sind Datenschutz und IT-Security unserer Ansicht nach niemals abgehakt, wir kümmern uns fortlaufend darum, dass wir dort auf dem bestmöglichen Stand sind. Dabei ist es uns auch wichtig externe, objektive Einschätzungen einzuholen.

Die App wurde beispielsweise bereits durch einen Certified Ethical Hacker überprüft.

Die Endo Health GmbH ist noch ein junges Unternehmen. Wer ist neben Ihnen an der Entwicklung der App beteiligt? Gibt es schon Investoren?

Dr. med. Nadine Rohloff: Das Ganze ist natürlich nur möglich aufgrund unseres großartigen Teams, das aus wissenschaftlichen Experten und technischen Entwicklern besteht.

Für wissenschaftliche Studien arbeiten wir mit der Uni Münster und der dortigen Frauenklinik des UKM zusammen.

Finanziell ist das Unternehmen bisher von meinem Mitgründer und mir finanziert worden. Seit Mitte des Jahres werden wir zusätzlich noch durch Fördermittel des Landes Sachsens unterstützt. Darauf sind wir sehr stolz, denn es ist mir sehr wichtig, dass wir ohne Mittel aus der Pharmaindustrie arbeiten, um inhaltlich unabhängig zu bleiben. Daher gefällt mir auch das Konzept der Erstattung durch die Krankenkassen im Rahmen der “Apps auf Rezept” so gut. Durch die Integration in die Regelversorgung wird die App-Landschaft transparenter und wissenschaftlicher.

Bisher kann man die Endometriose App noch nicht frei herunterladen. Gibt es schon ein festes Veröffentlichungsdatum?

Dr. med. Nadine Rohloff: In den Apple App Store und den Google Play Store zum freien Download wird die App voraussichtlich im Herbst zur Verfügung stehen.

Wer gerne informiert werden möchte, wenn es so weit ist kann sich auf die Warteliste eintragen und wird dann direkt benachrichtigt. 

Vielen Dank für das interessante Interview. Wir wünschen Ihnen und den Nutzerinnen der Endometriose App alles Gute.

Dr. med. Nadine Rohloff: Vielen Dank!

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