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Zwischen Hoffen und Zweifeln

Sputnik V: Wie gut ist der Corona-Impfstoff aus Russland?

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist der in seinem Land entwickelte Corona-Impfstoff der beste. Sputnik V ist in 56 Ländern zugelassen und wird auch von der EU-Arzneimittelbehörde geprüft. Kann er halten, was Putin verspricht?

dpa

Der russische Corona-Impfstoff «Sputnik V» wird derzeit von der Europäischen Arzneimittel-Agentur geprüft. Foto: Jesus Vargas

Moskau/Berlin (dpa) - Nach Diskussionen um Astrazeneca gibt es mit Sputnik V wieder einen Impfstoff, der spalten könnte. Er wurde in Russland bereits vor wichtigen Studien zugelassen. Fragen und Antworten zum Impfstoff, den die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) gerade prüft:

Welche politischen Bedenken gibt es?

Russland gab bereits Mitte August 2020 mit Sputnik V den weltweit ersten Corona-Impfstoff für eine breite Anwendung in der Bevölkerung frei. «Impfen ist immer auch Politik, es geht nie nur um medizinische Fragen», sagt Historiker Malte Thießen, der sich mit der Geschichte der Immunisierung seit der ersten Pocken-Impfung beschäftigt. Er spricht von Vorbehalten im westlichen Teil der EU. Die Vergiftung von Kremlkritiker Alexej Nawalny dürfte für manchen Bürger zudem ein Grund sein, sich kein Produkt aus Russland injizieren lassen zu wollen. Den Namen Sputnik für einen Impfstoff zu wählen, sei bereits eine «Propaganda erster Klasse», so Thießen. Sputnik 1 hieß der weltweit erste gestartete Satellit, mit dem die Sowjetunion 1957 die westliche Welt schockierte.

Welche Zweifel haben Wissenschaftler?

Für den ersten Platz bei der Impfstoff-Freigabe hagelte es für Russland international Kritik. Wissenschaftler beklagten vor allem das Fehlen schlüssiger Daten. Grund ist, dass die Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse sogenannter Phase-III-Studien stattfand. Das widerspricht dem üblichen Ablauf. Denn in der Prüfung mit mehreren Tausend Probanden könnten seltene Nebenwirkungen erkannt werden, heißt es beim Paul-Ehrlich-Institut.

Erste Details zu Sputnik V veröffentlichten die Forscher Anfang September 2020 in der Fachzeitschrift «The Lancet». Demnach regt der Impfstoff eine Immunantwort an. Bei insgesamt 76 Teilnehmern konnten in der Testphase I/II Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden. Es folgte wieder Kritik am Vorgehen Russlands, aber auch Aufatmen: Das nun vorliegende Ergebnis sei eindeutig. Das wissenschaftliche Prinzip der Impfung sei aufgezeigt worden, sagte Forscherin Polly Roy von der London School of Hygiene & Tropical Medicine dem Fachblatt «The Lancet».

Wie funktioniert der Impfstoff?

Das vom staatlichen Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelte Vakzin ist ein sogenannter Vektorimpfstoff und damit dem Impfstoff von Astrazeneca ähnlich. Um die Informationen in den Körper zu schleusen, nutzen beide abgeschwächte, harmlose Viren. Ziel ist es, das Immunsystem dazu zu bringen, Abwehrreaktionen gegen Sars-CoV-2 hervorzurufen. Bei Kontakt mit dem Coronavirus ist der Körper dann vorbereitet und kann die Infektion besser eindämmen.

Verabreicht wird der russische Impfstoff in zwei Dosen im Abstand von 21 Tagen. Zu den Nebenwirkungen zählen Schmerzen an der Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit und teils grippeähnlichen Symptome. Zudem gibt es Berichte über Fieber und Schüttelfrost.

Wie gut ist Sputnik V?

In einer «Zwischen-Analyse» der wichtigen Testphase III mit rund 20 000 Freiwilligen kamen russische Forscher auf eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Die Ergebnisse wurden Anfang Februar 2021 ebenfalls im medizinischen Fachblatt «The Lancet» publiziert. Sie decken sich mit früheren Angaben.

Eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent bedeutet, dass in der geimpften Gruppe 91,6 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als in der Kontrollgruppe. Damit hat Sputnik V demnach eine in etwa gleiche Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer und eine deutlich höhere als das Mittel von Astrazeneca. Nach Darstellung der Moskauer Behörden funktioniert Sputnik V auch bei der ansteckenderen Variante B.1.1.7. Der Impfschutz war 21 Tage nach der zweiten Impfung aufgebaut.

Wie viel verkauft Russland davon und an wen?

Weltweit 56 Länder hätten Sputnik V zugelassen, wie der staatliche Direktinvestmentfonds RDIF mitteilt (Stand 24.3.). Dieser ist an der Finanzierung von Sputnik V beteiligt und kümmert sich um die Vermarktung des Impfstoffs.

In der EU ist das Präparat auch ohne Zulassung schon in Ungarn und in der Slowakei im Einsatz, Tschechien und Österreich haben Interesse signalisiert - zur Sorge der EMA: Eine Vertreterin der EU-Arzneimittelbehörde warnte EU-Staaten, noch vor der EMA-Prüfung den russischen Impfstoff einzusetzen. Entscheidende Daten von Geimpften lägen nicht vor, sagte Christa Wirthumer-Hoche im ORF.

Etwa ab Mitte des Jahres könnten in der EU 50 Millionen Menschen mit Sputnik V versorgt werden, wenn die EMA ihre Zustimmung gebe, erklärte RDIF-Chef Kirill Dmitrijew in Moskau. Dabei soll der russische Impfstoff für die EU auch gleich hier produziert werden. Dazu wurden laut Dmitrijew Produktionsvereinbarungen mit Firmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien geschlossen. Der RDIF nennt weder die Namen dieser Unternehmen noch macht er klare Angaben zu den verkauften Mengen und den Vertragsbedingungen in den einzelnen Ländern.

Ausgehend von dem Preis, den der RDIF für die Impfdosen auf dem internationalen Markt genannt hat, beläuft sich der mögliche Gesamtumsatz auf schätzungsweise 24 Milliarden US-Dollar, wie die Moskauer Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» ausgerechnet hat. Der Preis für eine Dosis wurde zuletzt mit unter 10 US-Dollar (etwa 8,40 Euro) angegeben. Der Handel mit Sputnik V, das ist die Hoffnung der russischen Führung, kann mehr einbringen als der Export von Waffen.

Wie ist in Russland der Stand beim Impfen?

Der Regierung in Moskau zufolge sind bislang erst fünf Millionen Russen geimpft, gerade einmal 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten sehr wenig - vor allem angesichts dessen, dass Russland neben Sputnik V noch zwei weitere Corona-Impfstoffe entwickelt hat. Zuletzt hatte Russlands Gesundheitsminister Michail Muraschko eine Herdenimmunität in der russischen Bevölkerung bis Ende Juli angekündigt. Wie das gelingen soll, ist unklar. In der russischen Hauptstadt, wo sogar in der Oper oder im Einkaufszentrum geimpft wird, gibt es an jeder Ecke Appelle, sich doch endlich den Piks zu holen.

Wieso impft Russland nicht zuerst die eigenen Leute?

Das russische Gesundheitsministerium hat stets deutlich gemacht, dass zuerst die eigene Bevölkerung versorgt werden solle, bevor Sputnik V in den Export geht. Trotzdem berichten Staatsmedien in Moskau fast täglich über neue Länder als Abnehmer. Russland will damit sein Image in anderen Staaten verbessern. Viele Menschen im flächenmäßig größten Land der Erde ärgern sich, weil Sputnik V zwar ins Ausland, aber nicht zu ihnen in entlegene Regionen gelangt.

Zudem zögern auch viele Russen. Hauptproblem ist Umfragen zufolge eine massiv verbreitete Impf-Skepsis in der russischen Bevölkerung. Nur 30 Prozent sind derzeit bereit, sich das russische Präparat Sputnik V spritzen zu lassen, wie eine kürzlich veröffentlichte Befragung des Meinungsforschungszentrums Lewada ergab. Als Hauptgründe wurden Angst vor Nebenwirkungen und nicht vollständig abgeschlossene klinische Studien genannt.

Die Impfung von Wladimir Putin ist in Russland großes Thema. Mehr als ein halbes Jahr ließ der Präsident seit der Sputnik-Zulassung vergehen. Am 23. März 2021 bekam er nach Kremlangaben die erste von zwei Dosen. Dabei zeigte sich Putin kamerascheu, Aufnahmen gibt es keine. Unklar ist zudem, mit welchem der drei von russischen Forschern entwickelten Präparate er sich impfen ließ.

Hat Deutschland Erfahrungen mit russischen Impfstoffen?

Russland habe eine «ausgezeichnete Tradition» bei der Herstellung und Anwendung von Impfstoffen, lobt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zur Anwendung kamen diese auch in der DDR. Die Bürger mussten bis zur Volljährigkeit insgesamt 17 Pflichtimpfungen absolvieren, erklärt Historiker Malte Thießen. Ab den 1950er-Jahren seien die Impfstoffe zunächst von der Sowjetunion gekauft worden, später habe die DDR selber produziert - «allerdings nach sowjetischer Vorlage».

Eine Erfolgsgeschichte wurde mit dem Einsatz des Polio-Impfstoffs gegen Kinderlähmung geschrieben. «Bei dem Wettrennen war die DDR dem Westen Deutschlands einen Schritt voraus», so Thießen. Dank der Impfung ging die Zahl der Erkrankten im Osten ab den 1960er-Jahren stark zurück. Daran erinnerte auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), als er jüngst für den russischen Corona-Impfstoff warb.

© dpa-infocom, dpa:210325-99-964158/2

  • Regierungsmitteilung zu Sputnik (Russisch)
  • Mitteilung zur Preisenkung (Russisch)
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