1. www.wn.de
  2. >
  3. Freizeit
  4. >
  5. Gesundheit
  6. >
  7. Studie: Viele Impfreaktionen wohl durch Nocebo-Effekt

  8. >

Negative Erwartungen?

Studie: Viele Impfreaktionen wohl durch Nocebo-Effekt

New York (dpa)

Die Folgen einer Corona-Impfung können für Menschen ganz unterschiedlich sein. Viele Patienten meldeten Nebenwirkungen. Anderen ging es gut. Die negativen Reaktionen führt eine Studie nun teilweise auf den Nocebo-Effekt zurück. Doch wie funktioniert das?

Von dpa

Ein großer Teil der empfundenen Impfreaktionen bei den Corona-Impfungen könnte einer Studie zufolge auf den sogenannten Nocebo-Effekt zurückgehen. Foto: Paul Zinken/dpa/Archivbild

Ein großer Teil der empfundenen Impfreaktionen beiden Corona-Impfungen könnte einer Studie zufolge auf den sogenannten Nocebo-Effekt zurückgehen.

Rund drei Viertel (76 Prozent) der Patientenmeldungen zu den ganzen Körper betreffenden Reaktionen nach der ersten Impf-Dosis und etwa die Hälfte (52 Prozent) der Meldungen wahrgenommener Folgen nach der zweiten Impfdosis ließen sich in der Auswertung darauf zurückführen, schreiben Wissenschaftler um Julia Haas, Sarah Ballou und Friederike Bender unter anderem von der Harvard Medical School und der Philipps-Universität in Marburg imFachmagazin «Jama Network Open».

In der Medizin sind Placebo- und Nocebo-Effekt bekannt. PositiveErwartungen können die Wirksamkeit eines Präparats verstärken undsogar bei einem Scheinmedikament zu einer Wirkung führen - das wirdPlacebo-Effekt genannt. Umgekehrt sorgt beim Nocebo-Effekt allein dieErwartung negativer Folgen dafür, dass diese tatsächlich zu spürensind. Der Effekt ist etwa von den auf Beipackzetteln von Tablettenaufgeführten Nebenwirkungen bekannt: Allein die Erwartung einerSchädigung kann tatsächlich Schmerzen oder Beschwerden auslösen.

12 klinische Studien

Für ihre Forschungen analysierten die Forscher zwölf klinischeStudien zu Impfungen mit verschiedenen Corona-Impfstoffen mitinsgesamt rund 45.380 Teilnehmern, die Impfreaktionen meldeten -davon 22.802, die Impfstoff gespritzt bekommen hatten, und 22.578,die ein Scheinpräparat bekommen hatten, ein Mittel ohne Arzneistoff.Nach der ersten Dosis meldeten rund 35 Prozent derScheinpräparat-Empfänger Impfreaktionen wie Kopfschmerzen oderMüdigkeit. Nach der zweiten Dosis waren es rund 32 Prozent. Bei denImpfstoff-Empfängern waren es rund 46 Prozent nach der ersten Dosisund rund 61 Prozent nach der zweiten Dosis.

Grund für die Nocebo-Reaktionen könnte den Wissenschaftlern zufolgedie Aufklärung über mögliche Folgen vor der Impfung sein. «Es gibtHinweise darauf, dass diese Art von Information dazu führen kann,dass Menschen übliche tägliche Hintergrundempfindungen dannfälschlicherweise auf die Impfung zurückführen, oder Sorgen undNervosität auslösen, die die Menschen hypersensibel im Hinblick aufmögliche Nebenwirkungen machen», sagte Ted Kaptchuk von der HarvardMedical School. Darüber müsse beim Impfen besser aufgeklärt werden,empfehlen die Forscher.

Als limitierend für die Ergebnisse führen die Wissenschaftler dievergleichsweise kleine Zahl der analysierten Studien und deren hoheHeterogenität an.

Teure Medikamente noch verstärkend

Schon vielfach haben Forschende Folgen des Nocebo-Effekts untersucht.So berichteten Wissenschaftler des UniversitätsklinikumsHamburg-Eppendorf (UKE) vor einigen Jahren, dass vermeintlich teureMedikamente diese Wirkung noch verstärken. Probanden hatten gesagtbekommen, zu den Nebenwirkungen eines verabreichten Präparats zähleein erhöhtes Schmerzempfinden. Jene, die von einem teuren Mittelausgingen, verspürten nach Einnahme des Scheinmedikaments mehrSchmerz als die übrigen. Im Frontalhirn entstehende Erwartungenbeeinflussten die Verarbeitung von schmerzhaften Reizen in tieferenRegionen des Nervensystems, erläuterten die Forschenden. Auch dieVerarbeitung von Schmerzreizen im Rückenmark werde verändert.

Scheinmedikament - Scheinsymptome?

Wie mächtig der Nocebo-Effekt sein kann, zeigte einst ein Fall in den USA: Wissenschaftler um den Psychiater Roy Reeves von der University of Mississippi in Jackson berichteten im Jahr 2007 im Fachmagazin «General Hospital Psychiatry» über einen jungen Mann, der an einer Antidepressiva-Studie teilnahm und sich mit den ihm überlassenen Psychopharmaka das Leben nehmen wollte. Tatsächlich sackte sein Blutdruck so tief, dass der 26-Jährige in eine Notaufnahme kam. Dort stellten die Ärzte jedoch fest, dass der Mann zu jener Hälfte der Studienteilnehmer gehörte, die ein Scheinmedikament bekommen hatten. Als der Mann davon erfuhr, verschwanden die Symptome rasch.

Startseite
ANZEIGE