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«Erlöst viele»

Übergewichtige finden Hilfe in Adipositas-Zentren

Freudenstadt (dpa/lsw)

Über ein paar Kilo zu viel klagen nach zwei Jahren Corona viele. Doch bei wem es nicht nur ein paar Kilos sind, der hat mitunter ein richtiges Problem. Adipositas ist eine Krankheit, die behandelt werden sollte. Im Südwesten gibt es dafür Angebote.

Von Marco Krefting, dpa

Der Adipositas-Patient Bernd, aufgenommen beim Krankenhaus Freudenstadt, an dem ein Adipositas-Zentrum aufgebaut wird. Foto: Uli Deck/dpa

Diäten, Abnehmprogramme, Jojo-Effekt: Das hat Bernd alles schon mehrfach mitgemacht. Nach einem schweren Autounfall lag er eine Zeit lang im Koma, hatte Gewicht verloren.

«Anfangs sollte ich mehr essen, um fitter zu werden», berichtet der 40-Jährige. Doch irgendwann wurde es ihm zu viel. Eingeschränkt nach dem Unfall konnte er auch nicht mehr so viel Sport machen wie vorher. Inzwischen wiegt er bei knapp zwei Metern Körpergröße mehr als 150 Kilogramm. Zu viel für seine Knie: «Ich kann nicht mehr ins Bett gehen ohne Schmerzen, nicht mehr aufstehen ohne Schmerzen.»

Übergewicht ist ein wachsendes Problem

In der Zeitung hat Bernd von einem neuen Angebot am Klinikum Freudenstadt gelesen: Adipositas-Chirurgie. «Noch am selben Tag habe ich da angerufen», sagt er. Schon ein paar Gespräche später ist er so gut wie sicher: «Ich will mich operieren lassen.»

Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas. Je höher der Wert ist, desto schwerer der Grad der Adipositas. Nach Angaben der Deutschen Adipositas-Gesellschaft muss das Fettverteilungsmuster berücksichtigt werden: So sei das Erkrankungsrisiko höher, wenn sich Fett vor allem im Bauchraum ansammelt (sogenannter Apfeltyp). Fettpolster an Gesäß und Beinen seien weniger schädlich (Birnentyp).

Die Krankenkasse Barmer hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, wonach die Zahl der Betroffenen in Baden-Württemberg um über 194.000 Personen auf mehr als eine Million gestiegen sei. Laut Adipositas-Gesellschaft ist etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland betroffen. Im Kinder- und Jugendalter ist der Anteil zwar kleiner, allerdings sehen Fachleute hier ebenso wachsende Probleme.

Behandlungskosten gehen in die Milliarden

Seit 2020 ist Adipositas auch in Deutschland eine anerkannte Erkrankung. Die Ursachen können biologischer und psychosozialer, umwelt- und verhaltensbedingter sowie gesellschaftlicher Natur sein. Wiederum begünstigt starkes Übergewicht andere chronische Krankheiten wie Diabetes und Gelenkverschleiß - bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Die Behandlungs- und Folgekosten gehen bundesweit nach Schätzungen deutlich in die Milliarden, wie die Adipositas-Gesellschaft schreibt.

«Adipositas ist eine chronische Erkrankung und bedarf dauerhafter Therapie», sagt René Hennig, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, der am Klinikum Freudenstadt ein Adipositas-Zentrum aufbaut. In solchen Zentren arbeiten Spezialisten aus Chirurgie, Gastroenterologie, Endokrinologie und Diabetologie, Anästhesie, Psychiatrie und Ernährungsmedizin eng zusammen. In speziellen Sprechstunden wollen sie für jeden Patienten, jede Patientin individuell die besten Therapieansätze zusammenstellen. «Die Betreuung muss ein Leben lang erfolgen», sagt Hennig. Die Krankheit bleibe.

Adipositas-Zentren gibt es im Südwesten unter anderem in Heidelberg, Stuttgart, Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis), Offenburg (Ortenaukreis) sowie am Bodensee. «Der Bedarf ist unendlich groß», sagt Hennig, nicht zuletzt wegen der steigenden Zahl Betroffener. Sie sollen möglichst nah am Wohnort ein Angebot bekommen. Nachhaltige und effektive konservative Therapien gebe es aktuell nicht.

Behandlungsmethoden und präventive Angebote

Das früher häufig genutzte Magenband sei heute nicht mehr der Standard, erklärt der Mediziner. In der Adipositas-Chirurgie setze man nun entweder auf den sogenannten Schlauchmagen oder einen Magenbypass. Im ersten Fall wird der Magen um bis zu 90 Prozent verkleinert, indem ein Teil abgetrennt wird. Das sei vor allem bei Volumenessern eine geeignete Methode, sagt Hennig. Beim Bypass wird ein verkleinerter Magen mit dem unteren Ende des Dünndarms verbunden. So sollen die Patienten weniger Nahrung aufnehmen - und diese wird erst später durch Verdauungssäfte verarbeitet. Diese Vorgehensweise eignet sich laut Hennig insbesondere für Liebhaber von süßem Essen.

Beide Eingriffe sind jedoch auch mit Nachteilen verbunden. So falle etwa das Trinken mit Schlauchmagen vielen schwerer, sagt Hennig. Bei einem Bypass müssen die Betroffenen Vitamine nehmen. «Wenn man das nicht macht, entstehen schwere Mangelzustände.» Wegen der Gefahr einer Unterzuckerung sei die Methode für manche Berufsgruppen ungeeignet. Daher gelte es, individuell die beste Lösung zu finden.

Schon in der Prävention gibt es Angebote, wie Sport-Tipps für Kinder von Krankenkassen wie der AOK Baden-Württemberg. Die Deutsche Rentenversicherung wiederum bietet Reha-Nachsorge für Kinder und Jugendliche mit starkem Übergewicht. Doch nur ein chirurgischer Eingriff verhelfe zu deutlichem und nachhaltigem Gewichtsverlust, sagt Hennig. «Selbst wenn man diszipliniert sein Leben verändert und sich an alle konservativen Programme hält, verliert man maximal zehn Prozent des Körpergewichtes.» Wenn man von 150 Kilogramm oder mehr ausgehe, fühle sich das dann aber nicht besser an.

«Wer sich betroffen fühlt, sollte nicht zu lange warten»

Zwei bis drei Patienten nutzen die neue Adipositas-Sprechstunde in Freudenstadt jede Woche. Erste Operationen sind für Ende März geplant. «Viele sind dankbar, dass das überhaupt mal jemand als Krankheit anerkennt», sagt der Chefarzt. «Das erlöst viele schon.»

Patient Bernd aus dem Landkreis Freudenstadt nennt als Antrieb vor allem sein Kind, vor wenigen Monaten geboren. «Ich will dem Nachwuchs nicht als Weltkugel entgegenkommen», so formuliert er es.

Rückblickend sagt der Vater, er hätte viel früher verstehen müssen, dass Adipositas eine Krankheit ist und er dagegen etwas tun kann. Dann hätte er heute vielleicht weniger Schmerzen im Knie und sich den einen oder anderen blöden Kommentar von Kollegen erspart. «Wer sich betroffen fühlt, sollte nicht zu lange warten», empfiehlt er anderen.

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