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Erlernte Ängste

Woher Tierphobien kommen - und wie sie weggehen

Kiel/Wien (dpa/tmn)

Während der eine den Husky im Bus liebend gerne kurz streicheln will, muss der andere schnellstmöglich aussteigen. Hinter Tierphobien steckt mehr als nur Ekel oder Abneigung.

Von Sophia Reddig, dpa

Oh, wie süß? Wer eine Phobie vor Hunden hat, würde diese Begegnung mit dem Husky schrecklich finden. Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Das Herz schlägt wie wild, der Brustkorb wird eng und die Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Nichts wie weg hier! Dabei sitzt da noch nicht einmal eine echtes Tier.

Manchmal reicht schon ein Foto, etwa von einer Spinne oder einem Hund, um bei Menschen mit Tierphobie starke Angstgefühle auszulösen. Im Gegensatz zu einem Ekel oder einer Abneigung gegen bestimmte Tiere kann eine Phobie das Leben von Betroffenen stark einschränken.

Menschen, die Angst vor Hunden haben, müssen in manchen Fällen aus dem Bus aussteigen, wenn sie dort einem Vierbeiner begegnen - selbst wenn sie deshalb zu spät zu einem wichtigen Termin kommen.

Durch Vermeideverhalten wird die Angst immer größer

Durch solches Vermeidungsverhalten bleibt die Angst nicht nur bestehen, sie wird mit der Zeit immer größer. «Von einer Phobie spricht man, wenn die Angst unverhältnismäßig geworden ist, sie das eigene Leben einschränkt und dies mit erheblichem Leid verbunden ist», erklärt Heiner Molzen, Verhaltenstherapeut in Kiel.

Prinzipiell kann man vor allen Tieren eine Phobie entwickeln. «Am häufigsten sind Tierphobien meiner Erfahrung nach aber bei Spinnen, Schlangen und Hunden», sagt der Experte.

Schlechte Erlebnisse und Lernerfahrungen

Grundsätzlich sind Phobien erlernte Ängste. Viele Menschen, die sich vor Hunden fürchten, wurden von einem Hund angefallen oder gebissen.

Den Angriff einer Spinne oder Schlange aber werden in unseren Breitengraden die wenigsten Menschen erlebt haben. Doch auch hier führen Lernprozesse zu den starken Angstgefühlen. «Wenn Kinder sehen, wie Erwachsene auf manche Tiere reagieren, können sie dadurch lernen, dass diese Tiere gefährlich sein müssen», erklärt Molzen.

Wie viel Phobie steckt in uns drin?

In einem Experiment wurde untersucht, wie Babys auf Fotos von Spinnen und Schlangen reagieren. Die sechs bis acht Monate alten Säuglinge dürften noch kaum Lernerfahrungen mit den Tieren gemacht haben.

«Wir haben herausgefunden, dass Babys tatsächlich schon Stressreaktionen gezeigt haben», berichtet Prof. Stefanie Höhl. Sie leitet den Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie an der Uni Wien und war an der Studie beteiligt. Bei einer anderen Befragung kam heraus: Etwa die Hälfte der Menschen hat eine Abneigung gegen diese Tiere.

«Das bedeutet nicht, dass eine Spinnen- oder Schlangenphobie angeboren ist», sagt Höhl. Jedoch scheine es biologische Faktoren zu geben, die dafür sorgen, dass wir bei diesen Tieren schneller Phobien entwickeln oder zumindest eine Abneigung.

Das Hirn bewertet Gefahr nicht immer rational

Bei einer Phobie ist es nicht entscheidend, wie gefährlich etwas tatsächlich ist, sondern für wie gefährlich es der Mandelkern hält: In diesem primitiven Teil des Gehirns werden Objekte und Situationen reflexhaft mit Angst verknüpft, ohne dass die tatsächliche Gefahr vorher noch einmal rational überprüft wird.

«Angst funktioniert, ohne dass wir nachdenken müssen», sagt Verhaltenstherapeut Molzen. «Im Notfall kann es uns das Leben retten, wenn wir nicht erst das Risiko abwägen, sondern direkt wegrennen.» Zum Problem wird dieser Überlebensmechanismus jedoch, wenn keine reale Gefahr vorliegt.

Konfrontation mit der Angst

Um die Angst dann in den Griff zu bekommen, muss der Mandelkern ignoriert werden: Es gilt, neue, positive Verknüpfungen im Gehirn herzustellen. Entweder konfrontieren sich die Betroffenen stufenweise mit dem Angstauslöser oder direkt mit der für sie schlimmstmöglichen Situation. «Das kann jeder Patient selbst entscheiden», so Molzen.

Denkbar ist etwa, zunächst mit einem Bild zu beginnen und sich dann über tote Tiere bis zu einem lebendigen Exemplar vorzutasten.

Gemeinsam mit dem Therapeuten oder der Therapeutin konfrontieren sich die Patienten und Patientinnen mit dem Angstauslöser. Erleben sie, dass ihre Angst nach 10 bis 15 Minuten nachlässt und schließlich komplett verschwindet, macht das Gehirn eine neue, positive Erfahrung. Die alte Negativerfahrung wird «überschrieben».

Wichtig dabei ist, dass Betroffene kein Sicherheitsverhalten zeigen, sondern sich ihrer Angst wirklich stellen und diese zulassen. Richtig angewendet kann diese Therapieform sehr schnell und gut wirken.

Molzen sagt: «Wenn unser Gehirn Angst lernt, kann es auch lernen, keine Angst zu haben.»

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