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Ein Licht geht auf

Tradition und Fortschritt: Arbeiten in der Kerzenindustrie

München/Köln (dpa)

Erst eins, dann zwei - im Advent und in der Weihnachtszeit zünden die Deutschen die meisten Kerzen an. Woher die meisten kommen, warum Rohstoffe knapp und teuer wurden und warum gerade Kirchen das Handwerk der Wachszieher schätzen, erklären Branchenexperten.

Von Roland Losch, dpa

Franz Fürst ist Wachszieher-Meister in fünfter Generation. Foto: Matthias Balk/dpa

Wenn es draußen kalt wird und die Tage kürzer werden, steigt die Nachfrage nach Kerzen und erreicht im Advent den Höhepunkt. «Kerzen sind ein saisonales Geschäft», sagt Stefan Thomann, Geschäftsführer der European Candle Association, des Verbands der Kerzenindustrie.

In Zeiten der Pandemie ist die Sehnsucht nach einem Lichtblick zuhause noch größer geworden: Nach jahrelangem Abwärtstrend sind die Verkaufszahlen deutlich gestiegen.

Der Absatz in Deutschland wuchs im vergangenen Jahr um rund 10.000 Tonnen auf 180.700 Tonnen - fast 2,2 Kilogramm je Bundesbürger. «Das ist die erste Steigerung seit 2012», sagt Thomann. Mehr als die Hälfte dieser Kerzen wurde aus China importiert und «gehört in die Kategorie Billigware».

Kerzenzauber mit Qualität

Die Kunden von Franz Fürst dagegen wollen Qualität. Der Münchner ist Wachszieher-Meister in fünfter Generation, sein Vater war Gründungsmitglied der Bayerischen Wachszieher-Innung und 24 Jahre lang ihr Vorsitzender. «Wir beliefern hauptsächlich Kirchen mit gezogenen Kerzen», sagt er. Diese sehen zwar fast gleich aus wie die aus Granulat gepresste Massenware. Aber sie tropfen weniger, brennen heller und länger und überstehen auch die Zugluft in der Kirche, wie Fürst erklärt. Für die Münchner Frauenkirche liefert seine «Wachszieherei am Dom» sämtliche Kerzen. Er verschickt Kerzen nach Norddeutschland und Chicago. Und Papst Benedikt habe seine Christbaumkerzen früher auch bei ihm gekauft, sagt er.

Im Mittelalter waren die Kerzen- und Lichtzieher eine eigenständige Zunft. Auch heute noch wird beim Kerzenziehen ein Docht so oft durch warmes Wachs gezogen, bis die Kerze Millimeter und Millimeter die gewünschte Dicke erreicht hat. Allerdings ist der Docht heute 200 Meter lang und läuft maschinell über Kabeltrommeln.

Maschinen statt Handwerkskunst?

«Die Maschinen werden immer größer, leistungsfähiger, immer mehr läuft computergesteuert», sagt Stephan Zimmermann, Wachszieher-Meister in der achten Generation und Geschäftsführer der 1764 gegründeten Kerzenfabrik Joh. Schlösser in Köln. «Manche Kollegen sagen, ich brauche Maschinenführer, Techniker, Mechatroniker und keine Kerzenhersteller mehr. Aber wenn sie vom Wachs nichts verstehen und es Probleme gibt, stehen sie da und wissen nicht, was sie machen sollen.»

Deshalb ist man auch bei der Kerzenindustrie ganz froh, dass es die Bayerische Wachszieher-Innung gibt, der sich inzwischen die Handwerksbetriebe aus allen anderen Bundesländern sowie 17 Gastmitglieder aus Österreich und der Schweiz angeschlossen haben. Denn die Innung organisiert die Ausbildung und nimmt die Gesellen- und Meisterprüfungen ab.

Kerzen mit Symbolik

Bundesweit gebe es keine 100 Meister in diesem Gewerk, sagt Zimmermann. Seit 2004 ist er der Obermeister der Innung, als erster Nicht-Bayer überhaupt. Die Hälfte der deutschen Mitgliedsbetriebe sitzt im Freistaat. Tradition, sagt Zimmermann: «Was Kirchenkerzen angeht, waren die Bayern immer ausdrucksstärker in ihrer Symbolik», mit schön modellierte Kerzen «mit allen möglichen Ornamenten, Marienfiguren, Jahreszeiten».

Im April hatte die Innung gefeiert: Eine Kerzenherstellerin und eine Wachsbildnerin bestanden ihre Meisterprüfungen. Die Ausbildungen seien eng verwandt, aber Wachsbildnerei sei auch heute noch reine Handarbeit. «In der Ausbildung sind mehr Frauen als Männer», sagt Zimmermann. In seinem Betrieb beschäftigt er zwei Gesellinnen und einen Gesellen.

Wie Fürst in München macht auch Zimmermann sein Hauptgeschäft mit Kirchengemeinden und verkauft in seinem Laden individuell gefertigte Tauf- und Hochzeitskerzen. Er liefert alle Kerzen für den Kölner Dom, hat aber auch Kunden in der Gastronomie und macht für Filmstudios Kerzen, die die Scheinwerferhitze vertragen.

Hohe Produktion, hohe Kosten

Die Kerzenproduktion in Deutschland ist vergangenes Jahr gestiegen auf 64.400 Tonnen. Der größte Teil davon wurde exportiert, der Rest hauptsächlich in Möbelhäusern, Drogerie-, Bau- und Supermärkten verkauft. Dieses Jahr allerdings machen Rohstoffmangel und Lieferengpässe auch dieser Branche zu schaffen: Weil Ölraffinerien in der Pandemie herunterfuhren, wurde Paraffin ab März knapp und teuer. Seefracht aus Asien wurde zum Nadelöhr. Verpackungsmaterial fehlte. «Es scheint sich langsam zu entspannen, aber die Preise sind hoch geblieben», sagt Thomann vom Industrieverband.

«Wir können gut produzieren», sagt Zimmermann: «Wir sind keiner von den ganz großen, die jede Woche drei Tankzüge Paraffin brauchen.» Manche Lieferanten hätten die Preise verdoppelt. «Aber gerade im Bereich der Kirche besteht Verständnis. Wir können höhere Preise platzieren.»

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