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Notizen von der Berliner Fashion Week

Eine Woche der rauschenden Partys

Berlin

Wenn erstaunlich gekleidete Leute durch die Stadt flanieren, wenn der Prosecco verschwenderisch ausgeschenkt wird und die Höhe der Absätze das Laufen zu einem Unding macht – ja, dann ist Fashion Week in Berlin.

Annegret Schwegmann

Die Mainzer Designerin Anja Gockel will das Göttliche in der Frau wachrütteln. Auf der Berliner Fashion Week stellen Modemacher ihre Kollektionen für Herbst/Winter 2019/2020 vor. Foto: dpa

Die Münchnerin ist eine Journalistin mit Modekenntnissen, die von den Organisatoren der Berliner Fashion Week sehr geschätzt werden. Sie besucht die Schauen in Mailand und London, und zweimal im Jahr reist sie auch nach Berlin. Sie hat die ganz großen Tage des Modespektakels erlebt, gehörte beispielsweise zu den 1000 Gästen, die mit dem Label Hugo Boss in der russischen Botschaft eine Wodka-beseelte Party feierten.

„Doch das jetzt“, – fröstelnd wartet sie auf den Einlass zu einer neuen Schau an der Wilhelmstraße – „das ist nur noch der Schatten einer Fashion Week.“ Am Tag zuvor hat sie die von den Veranstaltern finanzierte Show eines Jungtalents gesehen. „Was soll ich sagen? Rote Hose mit weißem Klecks, weißes Oberteil mit rotem Klecks.“ Ein bisschen ­Innovation wäre schon schön gewesen. . .

Modewoche bedeutet vor allen Dingen Tage der Partys

Vielleicht sollte sie ihren Blickwinkel ändern und dem anpassen, mit dem etliche Junghändler, Blogger und feierfreudige Freunde von Sponsoren der Fashion Week nach Berlin reisen. Die Modewoche in der Hauptstadt – das sind vor allen Dingen Tage der Partys und nicht der ganz großen Namen der Branche.

Bogner hat zwar in Berlin gezeigt, womit die Firma ihre Käufer künftig kleiden möchte. Doch das süddeutsche Unternehmen kämpft mit einem Image- und Kundenschwund. Vermutlich hat es sich zur Flucht nach vorn entschieden, um wieder vorzutreten in eine der ersten Reihen deutscher Modemacher. So ist es in Berlin Aufgabe von Marc Cain, Riani, Anja Gockel und Sportalm, der Fashion Week Format zu geben. Die meisten anderen Designer gehören eher in die Rubrik Berliner Lokalprominenz.

Früher war nicht alles besser, aber bekannter

Apropos Prominenz. Früher war nicht alles besser, aber sicherlich bekannter. Hugo Boss lud Jade, die modelnde Tochter von Mick Jagger, ein und platzierte sie in die Nähe des Formel-1-Stars Lewis Hamilton. Und heute? Da freuen sich die Veranstalter schon, wenn es gelingt, Sarah Gray Rafferty von den USA nach Deutschland zu locken. Die ist zwar nur einem ausgesuchten Publikum bekannt, hat aber in „Suits“ als Donna an der Seite von Meghan Markle gespielt. Wie sie denn so sei, die zur Herzogin geadelte Frau von Prinz Harry? Sarah Gray Rafferty zieht es vor, Fragen wie diese zu überhören. Eine kluge Entscheidung.

Verlass ist auf die Gäste, die jede Fashion Week besuchen, stets in der ersten Reihe sitzen und manchmal bis zu siebenmal am Tag ihre Garderobe wechseln. Die jeweiligen Designer nehmen es mit Freude zur Kenntnis. Es schadet nie, wenn deutsche Prominenz in den Kleidern fotografiert wird, die gleich danach auch auf dem Laufsteg zu sehen sind. Natalia Wörner zählt zu den ganz treuen Gästen, Jenny Elvers und Mariella Ahrens sowieso, gelegentlich auch Anna Maria Mühe. Die Schauspielerinnen sind so verlässliche Gäste, dass die Zahl der Passanten, die aufgeregt stehen bleiben, wenn sie die Prominenz vom Auto zur Show schreiten sehen, seit Jahren deutlich sinkt. „Ach, da ist ja Jenny Elvers. Ja, die kommt jedes Jahr.“

Ein Traum aus Pailletten: Viele Designer präsentieren während der Berliner Fashion Week große Roben mit Glitzer und Glamour. Foto: dpa

Promidichte ist bei der Modenschau von Anja Gockel überschaubar

Beliebt bleibt jedoch ein Rätselspiel, das nicht immer gelöst werden kann – was es besonders reizvoll macht. Die meisten Gesichter der exklusiv in der ersten Reihe Platzierten sind den anderen Gästen, also denen, die kaum einer kennt, durchaus vertraut. Doch die zum Gesicht passenden Namen wollen den Freunden dieses Spiels oft nicht einfallen. Ganz Hartnäckige fragen bis zu 20 andere Gäste und bekommen nicht selten diese Antwort: „Meinen Sie den Mann mit dem Drei-Tage-Bart, der gerade neben Boris Entrup steht? Ehrlich gesagt, ich frage mich seit gestern, wer das ist.“

Bei Designern wie Anja Gockel ist die Prominentendichte in der Regel überschaubar. Die Modemacherin aus Mainz setzt eher auf bekannte oder zumindest bekanntere Namen auf dem Laufsteg. Influencerin Marie von den Benken und Leichtathletin Alexandra Wester gehören zu den Models, die sie in der Lobby des Hotels Adlon vorführen lässt, was sie sich unter Mode für selbstbewusste Frauen vorstellt. Fließende Stoffe sind es in der nächsten Saison. Schmale Oberteile zu weiten Hosen und immer wieder die ganz großen Roben für den Abend.

Anja Gockel

„Frauen haben etwas Göttliches, und dessen sollten sie sich bewusst sein“, sagt sie vor der Show und fügt dann diesen Appell an Frauen im Hier und Jetzt hinzu: „Nutze deine göttlichen Gaben und finde deine Vision des Lebens.“ Der Satz gefällt ihr so gut, dass sie ihn sofort notiert. Vielleicht lässt er sich ja in der Ansprache verwerten, mit der sie gleich ihre Show eröffnen möchte.

Einen Tag später scheint Lena Hoschek ein ganz ähnliches Anliegen zu haben. Die Wienerin stellt eine Kollektion vor, die sich stark auf weit schwingende Röcke und schmiegsame Kleider konzen­triert. Schönheit und Weiblichkeit der Frauen zu betonen – das ist ihr Anliegen, seitdem sie unter ihrem Namen Mode vertreibt. Unter ihren Gästen befinden sich einige Besucher, die fast so häufig fotografiert werden wie die Schauspieler und Moderatoren, die sie gleichfalls eingeladen hat. Die Namen dieser Besucher kennt zwar keiner. Doch das spielt keine Rolle.

Die Wienerin Lena Hoschek kleidet ihre Models so feminin wie keine andere Designerin. Foto: dpa

Eine Mütze, die aussieht wie ein Toupet

„Hast du den Mann da gesehen?“, raunt eine Showbesucherin der anderen zu und zeigt auf einen Mann im mittleren Alter, der gerade seine Mütze abgenommen hat und eine Halbglatze zum Vorschein bringt. „Eine Mütze, die aussieht wie ein Toupet – was für eine verrückte Idee.“ Die kann nicht einmal ein anderer, deutlich jüngerer Mann übertreffen. Er trägt, da sind sich alle sicher, einen locker gegurteten Bademantel aus grünem Flauschstoff. „Wahrscheinlich hatte er es eben sehr eilig“, witzelt eine Frau.

Gearbeitet wird auf der Fashion Week natürlich auch. Einkäufer besuchten die sieben Fachmessen der Stadt. Was dort zu sehen war? Bequeme Weiten, viele lange Mäntel und ein kreatives Spiel vor allen Dingen mit neuen Rocklängen. Midi, weit schwingend oder bleistifteng – soll keiner sagen, es mangle an der Auswahl.

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