Begegnungshof in Hattingen

Entschleunigung beim Schafskuscheln erleben

Als Tierfreund kann sich im Prinzip jeder bezeichnen, der beim Anblick eines Hundes nicht zurückschreckt. Lexa Voss jedoch ist eine wahre Tierfreundin mit 30 Hofgefährten. Und keines ihrer Tiere empfängt derzeit so viele Besucher wie ihre Schafe: Schafskuscheln in Corona-Zeiten.

Von Annegret Schwegmann

Ihre Schafe kommen immer schnell zu ihr.genießt es, wenn Lexa Voss über ihr Gefieder streicht. Foto: Annegret Schwegmann

Was ist seit einem Jahr nicht alles kontaktfrei möglich! Kontaktfrei im Hotel einchecken beispielsweise. Kontaktfreies Einkaufen – das geht auch. Oder kontaktfrei auf einer Wiese mit acht Schafen kuscheln, die ihre Köpfe in den Armbeugen der Menschen versenken. Und die kraulen dabei die Wolle der Tiere und fragen sich, wieso sie nicht schon viel früher zum Begegnungshof in Hattingen gefahren sind, um dort auf einer Schafswiese zu spüren, wie Gedanken und Sorgen verpuffen, als habe jemand einem zu prall gefüllten Ballon die überschüssige Luft entzogen. In solchen Augenblicken bekommt Entschleunigung ein Gesicht. Und zwar das eines Schafes mit einem Augenpaar, in dem sich die Gelassenheit des Seins widerspiegelt. Arg weit hergeholt? Nein, durchaus nicht. „Es gibt kaum einen Menschen, der den Hof ohne einen seligen Ausdruck im Gesicht verlässt“, sagt Lexa Voss. Und sie muss es wirklich wissen.

Kleines Paradies auf dem Land

Der Hof selbst ist an diesem beseelten Gesichtsausdruck nicht ganz unschuldig. Lexa Voss hat mit ihrer Familie lange nach einem kleinen Paradies auf dem Lande gesucht und es schließlich im Hattinger Hügelland gefunden. Der Hof stand zum Verkauf und schien auf sie gewartet zu haben. Die 45-Jährige hat dem Fachwerkhaus mit seinen kleinen Scheunen und Unterständen Leben eingehaucht und ihn zu einem sogenannten Begegnungshof gemacht. Wem und was man dort begegnet? 30 Tieren, sattgrünen Wiesen auf welliger Landschaft und sogar einem Winterberg, an den sich der Hof zu schmiegen scheint. Und – das darf auf keinen Fall vergessen werden – einer Frau, deren Lachen und unkomplizierter Präsenz sich kaum ein Mensch entziehen kann.

Tiere sind Familienmitglieder

Lexa Voss ist viel – Diplom-Gesangstherapeutin, Sängerin, Songschreiberin, Reittherapeutin, Coach und unbedingte und bekennende Tierfreundin. Kleine oder eher große Geschöpfe, die es in ihrem Leben bislang eher schlecht getroffen hatten, finden bei ihr – ja, was? Die Bezeichnung „artgerechte Haltung“ allein trifft es nicht. Es ist eher so, dass jedes Tier zum Mitglied der Familie wird. Die Gans beispielsweise, die vor ein paar Tagen zum Team hinzugestoßen ist und zuvor bei einer Familie gelebt hat, die glaubte, man könne sie im Haus zum Kuscheltier mutieren lassen. Hühner und ein Hahn, Schildkröten, Pferde, Hunde, Katzen – sie gehören ganz einfach und ganz selbstverständlich zum Hof. Und die Schafe natürlich auch. Die Tiere, deren Anziehungskraft in Corona-Zeiten beinah magisch ist.

Die Gans liebt es, wenn Lexa Voss über ihr Gefieder streicht.  Foto: Annegret Schwegmann

Lexa Voss plant in Stundeneinheiten und nie in so knappen Zeittakten, dass die menschliche Anwesenheit den Tieren lästig werden könnte. Die Pädagogin warnt ihre Gäste vor dem Schafskuscheln: „Es ist nicht sicher, dass die Tiere zu Ihnen kommen werden.“ In der Regel lassen sich die Schafe das Vergnügen aber nicht nehmen. Wer weiß, wann sich wieder eine solche Gelegenheit ergibt . . . Schafe sind neugierig. Soziale Wesen, wie es scheint.

Vor der Pandemie hatte Lexa Voss Besuch von einer Frau, die sich an die Therapeutin als Coach gewandt hatte und mit ihr nach Wegen suchen wollte, wie sie Ruhe finden und ihre Rastlosigkeit abstreifen könnte. „Die Schafe haben sich alle um uns herum gelegt“, erzählt die 45-Jährige. Ob die Schafe gespürt haben, dass die Frau über viel mehr Ruhe-Reserven verfügte, als sie ahnte? „Tiere können spüren, wie es uns geht.“ Davon ist Lexa Voss fest überzeugt.

Elfringhauser Schweiz

Die Schafe führen ein beneidenswertes Schafsleben. Die Wiesen bieten Grünfutter, das für 50 Tiere ausreichen würde. Und den Pfad, der von der Wiese zum Stall führt, würden die Schafe vermutlich auch dann finden, wenn der Nebel so dicht wie eine undurchdringbare grauweiße Wand wäre.

Besuch naht. Zwei Frauen klettern unter dem Zaun hindurch. Lexa Voss hat ihnen zuvor Sitzkissen in die Hände gedrückt, auf denen sie sich auf die Wiese setzen können, ohne skeptisch nach Schafskötteln Ausschau halten zu müssen. Die beiden setzen sich vorsichtig – und warten. Kopernikus – das war Alexa Voss klar – stupst eine der beiden Frauen an. Er gilt als ausgesprochen kontaktfreudiges Schaf. Und nach einer Weile erhalten die beiden Besuch von immer wieder neuen Tieren. Manchmal gleichzeitig und manchmal in Kleingruppen. Die Schafskuschlerinnen wühlen ihre Hände durch Wolle, die sich dicht auf die Bäuche der ostfriesischen Milchschafe gelegt hat. Die kurze Wolle der Kamerunschafe fühlt sich weicher an. Und die von Keke, einer Kreuzung aus beiden Rassen, ist irgendwo mittendrin. Obwohl das Schaf in der Halspartie eher das Fell seines Vatertieres geerbt hat. In dichten Büscheln fällt es auf das Gras, wenn sich Keke an einem Pflock reibt. Was die Frauen in dieser Stunde empfinden? Ruhe, den Blick der Schafsaugen, der alles und nichts bedeuten kann. Und den Zauber der Elfringhauser Schweiz mit ihren sattgrünen Hügeln. Entspannung, die so weit führt, dass sie nach einer Weile an nichts mehr denken.

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