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Interaktive Städtetour

Das orientalische Magdeburg per Handy-App erkunden

Magdeburg (dpa)

Wie viel Orient steckt in der Stadt Magdeburg? Ammar Awaniy hat genau hingeschaut und eine interaktive Stadtsafari entwickelt. Die führt die Nutzer zu unerwarteten Orten und Entdeckungen.

Von Paul Damm, dpa

Ammar Awaniy sieht sich manchmal in der Rolle als Hakawati - einem syrischen Geschichtenerzähler. Von dieser Figur wurde seine Kindheit im syrischen Homs geprägt. Inzwischen lebt der 29-Jährige rund dreieinhalb Tausend Kilometer von seiner Heimat entfernt.

In Magdeburg hat er vor sieben Jahren ein neues Zuhause gefunden - und hier erzählt er nun seine Geschichte. Neben mehreren Buchveröffentlichungen hat sich Awaniy damit beschäftigt, orientalisch geprägte Orte in Magdeburg zu finden. Herausgekommen ist eine interaktive Stadttour mit sieben Stationen.

Orientalische Kampfelefanten am Magdeburger Dom

Der Syrer sagt: «Es ist echt verblüffend, wie viele orientalische Bezüge eigentlich in Magdeburg stecken - und das wissen nur die wenigsten.» Zum Beispiel befinden sich auf dem Sockel einer Säule im Magdeburger Dom die Putz-Ritzzeichnungen zweier orientalischer Kampfelefanten.

Die Stationen, die alle fußläufig innerhalb weniger Minuten zu erreichen sind, hat Awaniy in eine Smartphone-App gepackt. In der App lassen sich über einen Button Stationen aufrufen und erlaufen. Zu jeder Station findet man in dem Programm wissenswerte Informationen und Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten - es ist eine Art Quiz.

Ein Beispiel: Die «Schweizer Milchkuranstalt», in der sich Leute im Grünen rund um ein kleines Häuschen ähnlich einem Biergarten treffen, würde man eigentlich nicht mit dem Orient in Verbindung bringen. Doch das Wort Kiosk stammt tatsächlich aus der Türkei. In der App kann nun die folgende Frage beantwortet werden: Der traditionelle Grundriss des Kiosk war: a. dreieckig mit einer Öffnung, b. halbkugelförmig oder c. viereckig mit mehreren Bogenöffnungen. Wer nun auf Antwort c. drückt, dem wird ein grüner Haken angezeigt.

Interkulturelle Stadtsafari als Pilotprojekt

Fast ein Jahr hat der Syrer an dieser interkulturellen Stadtsafari gebastelt. Sie ist das große Abschlussprojekt des 29-Jährigen, der als Stipendiat am Pilotkurs für Kunstschaffende in der Kulturellen Bildung der Uni Hildesheim aufgenommen wurde. «Das war eine große Auszeichnung für mich», sagt Awaniy. Schließlich haben sich mehr als 450 Kunstschaffende beworben. Ausgewählt wurden insgesamt aber nur 33 Personen.

«Wir waren auf der Suche nach Menschen, die eigene künstlerische Methoden haben», erklärt Projektreferentin Carolin Knüpper. Und der Syrer, der für die Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung in Sachsen-Anhalt arbeitet und dort viele Projekte und Workshops organisiert, habe gut in dieses Pilotprojekt der Uni gepasst. Das Ziel dieses Projektes ist laut Knüpper, diese erarbeitete Kunst nutzbar zu machen und Räume für Menschen zu schaffen.

Dass Awaniy, der Automatisierungs- und Computertechnik studiert hat, einmal in den Bereichen Literatur und Interkultur Freude finden würde, hätte er vor einigen Jahren selbst nicht für möglich gehalten. Doch als er nach Deutschland kam, wollte er die Erlebnisse seiner Flucht zu Papier bringen. Herausgekommen ist sein erstes Buch: «Fackel der Angst. Von Homs nach Magdeburg». Später folgte dann das Buch «Der Pascha von Magdeburg», das rund 45 Geschichten enthält, die Brücken zwischen Morgenland und Mitteldeutschland schlagen. An diesem Buch haben sich mehr als ein Dutzend Autoren beteiligt - es wurde zur Grundlage für die App.

Mini-Workshops für Jugendliche

Um die Stadtführung zum orientalischen Magdeburg besonders für Jugendliche abwechslungsreich zu gestalten, erarbeitete Awaniy mehrere Mini-Workshops. «Ich habe mir Workshops zu Kalligrafie und kreativem Schreiben, Fotografie-Übungen, Puzzeln und zu vielem mehr ausgedacht», erklärt Awaniy. Bei jeder Führung ist er selbst dabei - es ist aber auch sein Wunsch, dass die Menschen in Zukunft die App «Kreativ-Digital» herunterladen und sich auf eigene Faust auf eine Zeitreise ins orientalische Magdeburg begeben können. Noch lassen sich die Workshops aber nicht in die App integrieren.

In diesem Juli hat er sein Abschlussprojekt auf der documenta in Kassel präsentiert und dafür viel Lob und Zuspruch erhalten. Extra für diesen Anlass integrierte er in seiner App eine orientalische Stadttour durch Kassel, um zu zeigen: In fast jeder Stadt lassen sich Verbindungen zum Orient herstellen. «Sei es auch nur der Besitzer eines Döner-Ladens, der über sich und seine Familie berichtet.»

Für Ammar Awaniy ist dieses Projekt natürlich noch nicht abgeschlossen. Der junge Syrer plant, weitere Stationen in der Magdeburger Innenstadt in die App zu integrieren und die eine oder andere Station sogar mit kurzen Theater-Szenen anschaulicher zu gestalten. Bereits jetzt kann man sich in der App allerhand Wissenswertes zu den einzelnen Orten vorlesen lassen. Für einen geführten Rundgang werden etwa anderthalb Stunden eingeplant.

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