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Städtetrip

Grauen und Gänsehaut in Ingolstadts Gassen

Ingolstadt (dpa/tmn)

Audi und ein Outlet-Center, das war's? Ingolstadt wird oft nur als Industriestadt wahrgenommen. Dabei gibt es eine prächtige Altstadt - und das berühmteste Monster der Literaturgeschichte.

Von Roswitha Bruder-Pasewald

Von außen hübsch, von innen spektakulär: In der Kirche Maria de Victoria erwartet Besucher ein 490 Quadratmeter großes Deckenfresko. Foto: Roswitha Bruder-Pasewald/dpa-tmn

Der Tod kommt schwarz, rund und süß daher. Ein Dutzend Beeren reicht aus, um einen Erwachsenen ins Jenseits zu befördern. Das hat die Frauen der Antike nicht davon abgehalten, die «Königin der dunklen Wälder» zu schlucken - weil der Blick nach der Einnahme so herrlich verführerisch wirkte. Gerade bei der Tollkirsche gilt deshalb der kluge Satz von Paracelsus: «Die Dosis machts.»

In der Homöopathie wird die Schwarze Tollkirsche, die Atropa Belladonna, bei Fieber gegeben. Das sichert ihr einen Platz im Arzneipflanzengarten des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt - umrahmt von Stechapfel, Bauern-Tabak, Schlafmohn und 200 anderen mehr oder weniger giftigen Pflanzen.

Zu finden ist diese zauberhaft grüne Oase hinter einem Bau, der sich zur Straßenfront vornehm zurückhält, sich zur Gartenseite dagegen als barockes Kleinod präsentiert: die «Alte Anatomie» der ehemaligen Universität von Ingolstadt.

Wie, Ingolstadt ist mehr als Audi? Ja, tatsächlich. Der Stadt zwischen Nürnberg und München wird man nicht gerecht, wenn man sie nur auf die Automarke mit den vier Ringen reduziert. In ihren Gassen kann man etwa auf die Spuren von Grauen und Grusel gehen.

Sezieren üben an geköpften Verbrechern

Wo man heute im Medizinhistorischen Museum mittels Audioguide in historische Behandlungssituationen eintauchen kann, ging es früher ganz schön blutig zu. In dem Prachtbau übten sich Studenten im 18. Jahrhundert im Sezieren. Am liebsten waren den angehenden Medizinern die geköpften Verbrecher. Denn deren Körper waren am wenigsten verstümmelt, was für die Leichenöffnung von Vorteil war.

Die Kunde vom «Experimentiergebäude» der ersten bayerischen Landesuniversität, wo Straftäter bei Geigenmusik fachmännisch zerlegt wurden, drang bis ans Ohr einer 19-Jährigen, deren Erstlingswerk für viele der Beginn der Sparte des Horrorromans war: Mary Shelleys «Frankenstein» spielt zu großen Teilen in Ingolstadt. Selbst zu Besuch hier war die britische Schriftstellerin allerdings nie.

Frankenstein in den Straßen von Ingolstadt

Seit einem Vierteljahrhundert zieht Shelleys Kreatur auch in der Realität durch die Gassen und Straßen im Schatten des Liebfrauenmünsters mit seinen unvollendeten Türmen. Dann steigt Dr. Frankenstein bei der nächtlichen «Mystery Tour» aus der Gruft, um seiner Gefolgschaft Historisches und Anekdoten aufzutischen.

Entstanden sind die abendlichen Spaziergänge, als man nach einem unterhaltsamen Event für Jugendliche aus den Partnerstädten suchte. Seitdem zählt das gruselige Straßentheater um den berühmten Leichenfledderer zum touristischen Kapital der Stadt im Herzen Bayerns: Ob BBC, History Channel oder Hollywood - das Image der «Frankenstein»-Stadt wird international gepflegt.

Mehr als Audi und Outlet

Die 137.000 Einwohner zählende Stadt an der Donau hat allen Grund, Mary Shelley dankbar zu sein. Im Schatten von München und Nürnberg stehend wird sie gedanklich eben meist auf Audi reduziert. Das Forum der Automarke in der Stadt ist die reinste Spielwiese für Autofans: Mehr als 400.000 von ihnen kommen jährlich.

Schnäppchenjäger kennen vielleicht noch das Designer-Outlet «Ingolstadt Village» - aber das Shoppingcenter mit seinen 110 Boutiquen liegt weit außerhalb der Stadt, weshalb dessen Besucher die historische Innenstadt mit dem Neuen Schloss, der grünen Lunge Klenzepark und dem Kreuztor nicht zu Gesicht bekommen.

Das Kreuztor, 1385 erbaut, ist das Wahrzeichen der Stadt und gilt als eines der schönsten Stadttore Deutschlands. Hinter ihm erstreckt sich die Altstadt mit mehr als 600 Baudenkmälern wie dem Alten Rathaus im Neorenaissance-Stil, dem Herzogskasten oder den verschwenderisch dekorierten Bürgerhäusern an der Ludwigstraße.

An ihrem Ende thront das Neue Schloss, dessen Ausstattung weniger der Erbauung als der Verteidigung diente. Passenderweise beherbergt der Bau heute das Bayerische Armeemuseum.

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