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Reisen 

Im Winter auf der westfriesischen Insel Terschelling

Terschelling

15 Kilometer von der Küste entfernt, 30 Kilometer lang, an der engsten Stelle nur vier Kilometer breit: Das sind reine Fakten zu Terschelling. Die zweitgrößte Insel der Niederlande entfaltet ihren Zauber abseits nüchterner Zahlen.

Von Stefanie Meier

Naturschauspiel am Strand: Auf Terschelling haben Regenbogen ausreichend Platz, den ganzen Horizont zu überspannen. Foto: Stefanie Meier

Es ist kalt und feucht. Doch die acht Menschen, die verteilt auf zwei Elektrokarren durch die Dünenlandschaft von Terschelling fahren, stört das nicht. Starr haben sie die Augen auf den Dünenkamm gerichtet. Irgendwo dort im beige-braun-grün-grauen Übergang von Sand, Strandhafer und dichten Wolken soll sie fliegen, die Kornweihe. „Es gibt nur noch knapp 20 Brutpaare dieses Greifvogels in den Niederlanden“, erklärt Maarten Sjoers, der die Touristen an diesem trüben Novembertag mit auf eine „Öko-Safari“ genommen hat. Drei Kornweihen-Paare sollen auf Terschelling brüten. Nun, einen Beweis dafür finden die Safari-Touristen trotz der ausgezeichneten Ferngläser, die für jeden Teilnehmer bereitliegen, an diesem Tag nicht. Die habicht­artige Kornweihe bleibt unentdeckt.

Müll sammeln gehört dazu

Dafür finden die Urlauber etwas anderes, was sie auf den ersten Blick nicht vermutet hätten. Es erklärt das Wort „Öko-Safari“, das Maarten für seine Exkursion gewählt hat. Er will das Bewusstsein für den Erhalt der wunderschönen Natur wecken, in der er das Glück hat, dauerhaft zu leben. Er führt sein kleines Grüppchen an den Strand, der sich über 30 Kilometer an der kompletten Nordseite der zweitgrößten niederländischen Insel erstreckt. An manchen Stellen ist er über einen Kilometer breit. Hier, zwischen den Dörfern Hoorn und Oosterend, macht er einen unberührten Eindruck. Nur Sand, Wellen, Dünengras und der weite Himmel liegen vor den Safari-Urlaubern. Zivilisation? Fehlanzeige. Doch der erste Eindruck täuscht. Schon nach wenigen Schritten füllen sich die Säcke, die Maarten ausgeteilt hat. Fischernetze, Angelschnüre, eine leere Plastikflasche und eine noch gefüllte Bierdose zählen zu den Fundstücken. Eine eindrucksvolle Demonstration über den Müll, den die Zivilisation in der scheinbar unberührten Natur hinterlässt.

Nach kurzer Zeit schärft sich der Blick: Am scheinbar sauberen Strand liegt doch einiges an Müll. Wer auf Öko-Safari geht, leistet mit dem Einsammeln seinen Betrag zum Schutz der Umwelt – und der Insel. Foto: Stefanie Meier 

Den Strand aufräumen, das kennen und können die Menschen auf Terschelling. Die Insel liegt an einer der meist­befahrenen Schifffahrtsrouten der Erde. Maarten kann viele Geschichten erzählen, von Bananen und Sportschuhen, die den Strand überschwemmten. Nicht nur den Insulanern ist wohl noch die MSC Zoe im Gedächtnis, die im Januar 2019 auf dem Weg nach Bremerhaven 342 Container in einem Sturm verlor. Rund 20 davon wurden auf den niederländischen Inseln und auf Borkum angespült. Insgesamt sollen rund 800 dieser Stahlkolosse im Weltnaturerbe Wattenmeer liegen.

Mit dem Fahrrad am Watt entlang

Terschelling ist eine Insel, die sich – unabhängig von Maartens Öko-Safari – gut auf eigene Faust entdecken lässt. Das Zentrum liegt im Westen auf der Wattseite, wo auch die Fähren aus Harlingen anlegen. Wer das Auto auf dem Festland zurücklässt und aufs Fahrrad steigt, kommt schnell im Rhythmus der Insel an. Hier ist alles etwas gemächlicher. Hektik gibt es – zumindest im Winter – nicht. Die Holzstege, an denen im Sommer die Segelboote dicht an dicht liegen, sind verlassen und bieten sich im schwindenden Nachmittagslicht als stimmungsvolle Fotomotive an. Eine Straße verbindet die Dörfer, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht von West nach Ost liegen. 5000 Einwohner hat die Insel, bis zu 19 500 Betten stehen für Gäste zur Verfügung.

Für Fahrradfahrer gibt es immer wieder eigene Wege – Fiets­paden –, die nicht nur vom Autoverkehr weg-, sondern zu den Schönheiten der Insel hinführen. Einzigartig ist dabei der Weg, der die Fahrradfahrer außerhalb des Deiches direkt am Wattenmeer entlangführt.

Dunkelster Ort der Niederland

So gelangt man bis nach Oosterend, das ist das letzte Dorf vor Ameland. Doch in Oosterend ist Terschelling noch lange nicht zu Ende, es folgen noch gut zehn Kilometer weitestgehend unberührte Natur. In den Sommermonaten sind hier einige Gebiete zum Schutz brütender Vögel gesperrt, aber im Winter gibt es keine Regulierungen. Eine gute Gelegenheit, bei Nacht einen der dunkelsten Orte unseres Nachbarlandes zu erkunden. Das Naturschutzgebiet „De Boschplaat“ wurde 2015 zum ersten „Dark Sky Park“ der Niederlande erklärt. In Neumondnächten ist es hier so dunkel, dass die Milchstraße am Himmel zu sehen ist.

Doch irgendwie ist es wie mit der Kornweihe. In dieser Nacht ist der Himmel bedeckt und kein Stern zu sehen. Der 14 Meter hohe Aussichtspunkt auf der Jan-Thijssen-Düne ermöglicht immerhin einen fantastischen 360-Grad-Rundumblick. Zwischen den Leuchttürmen von Terschelling und Ameland als Orientierungspunkten leuchten auf der Seeseite unzählige Positionslichter von Schiffen. Da ist es vorbei mit der Dunkelheit.

Echtes Nordseegefühl

Aber die Urlauber, die weder mit der Vogel- noch mit der Sternenbeobachtung Glück hatten, werden am nächsten Tag mit einem anderen Naturschauspiel entschädigt. Beim Strandspaziergang strahlt die Sonne, der Himmel ist blau, die Farben sind intensiv. Die Nordsee rauscht in ihrem ewigen Rhythmus. Immer wieder sorgen Wolken für Abwechslung – nicht nur mit ihrer Farbe, sondern auch mit Regen, den sie in kurzen Schauern auf die Erde fallen lassen. Logisches Resultat: Regenbogen. Immer wieder, immer wieder neu. Einer schöner, kräftiger und vollständiger als der andere. Eine Besonderheit von Terschelling, die in keinem Reiseführer steht und der Insel umso mehr einen festen Platz in den Herzen der Urlauber beschert.

Information

15 Kilometer von der Küste entfernt, 30 Kilometer lang, an der engsten Stelle nur vier Kilometer breit: Das sind reine Fakten zu Terschelling. Die zweitgrößte Insel der Niederlande entfaltet ihren Zauber abseits nüchterner Zahlen.

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