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Im warmen Licht des Südens

Menton an der Côte d’Azur

Menton (dpa/tmn)

Adel und Großbürgertum aus Nordeuropa kurbelten in der Belle Époque den Tourismus in Menton an und hinterließen Grandhotels und exotische Gärten. Noch heute beschwört die Stadt exquisit-idyllische Träume.

Von Daniela David, dpa

Pastellfarbene Fassaden, rote Ziegeldächer, leuchtend blaues Meer: Das sind die Farben Mentons. Foto: Daniela David/dpa-tmn

Stufe um Stufe geht es auf der barocken Freitreppe steil hinauf in die Altstadt. Über den Vorplatz der Basilika Saint-Michel-Archange mit seinem Mosaik aus 250.000 Natursteinen, vorbei am Glockenturm, der als Wahrzeichen von überall in der Stadt zu sehen ist. Dann weiter durch die schmalen Gassen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Häuser eng aneinandergebaut und nach und nach aufgestockt. Immer weiter geht es nach oben, um auf dem Friedhof Vieux Château der Seele Mentons nahezukommen und einen Panoramablick auf die einmalige Lage der Stadt am leuchtend blauen Mittelmeer und auf ihre roten Ziegeldächer zu werfen. Den Häuserfassaden entlockt die Sonne warme Pastelltöne.

Auf der Rückseite erhebt sich der Roc de l’Orméa, ein Berggipfel, der Menton vor dem kalten Nordwind schützt. Dieser Lage zwischen dem Meer und dem mehr als tausend Meter hohen Gebirge hat die französische Stadt kurz vor der italienischen Grenze alles zu verdanken. Sie bewirkt ein subtropisches Mikroklima.

Auch die Queen kam nach Menton

Diese Milde hat sie süchtig gemacht, die wohlhabenden Überwinterer, die seit der Zuganbindung Mentons im Jahr 1869 aus dem Norden hierher strömten, um der Kälte zu entfliehen. Die berauschende Zeit der Belle Époque zwischen dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ergriff Menton. Selbst Queen Victoria (1819 - 1901) reiste an.

Die Gräber und Mausoleen mit englischen, deutschen und russischen Namen auf dem alten Friedhof erzählen vom Aufstieg des Fischerortes zu einem internationalen Treffpunkt, zu einer touristischen Stadt, die dennoch ihre Würde bewahrt hat.

Mentons elegante Architektur ist Balsam für das Auge. Die prächtigen Belle-Époque-Fassaden, allen voran die ehemaligen Grandhotels, prägen das Antlitz der Stadt. Die Gäste verbrachten zuweilen Wochen, gar Monate in den riesigen Luxusherbergen.

Was von den Grandhotels übrig blieb

Die meisten dieser prunkvollen Gebäude wurden zwischenzeitlich in Ferienwohnungen und Appartments umgewandelt, wie das Impérial, das märchenhafte Hotel d‘Orient oder der Winter Palace. Glück hat, wer auf einer Führung den Riviera Palace besichtigen und das pompöse Treppenhaus bestaunen darf.

Nur vier ehemalige Grandhotels bestehen noch heute. Dazu zählen das L’Orangeraie mit seinem großen Garten und das Hotel des Ambassadeurs von 1865. «Die Metallarbeiten an unserm Haus entwarf der ganz junge Gustav Eiffel, lange vor dem Eiffelturm in Paris», sagt Hoteleigentümerin Liana Marabini.

Zu den illustren Hotelgästen zählte auch Jean Cocteau (1889 - 1963). «Der kam stets vor dem Abendessen in die Hotelbar, um einen Aperitif einzunehmen», erzählt Marabini. Der Regisseur, Maler und Autor hat sich in Menton verewigt. In seinem unverkennbaren Stil gestaltete er 1957 den Hochzeitssaal im Rathaus. Seine allegorischen Bilder von Orpheus und Eurydike ziehen Heiratswillige von weit her an.

Sein Werk wird in zwei, fast nebeneinander liegenden Museumskomplexen am Meer gezeigt: in der mittelalterlichen Hafenbastion und in einem Gebäude mit flammenförmigen Pfeilern aus weißgrauem Beton, der Collection Séverin Wunderman, das als eines der wenigen modernen Bauten im Stadtbild heraussticht.

Das botanische Erbe der Briten - die Gärten der Stadt

Inzwischen werden rund 40 Prozent der Wohnungen in der 30 000-Einwohner-Stadt als Feriendomizil genutzt. Bereits manche der ersten Langzeitgäste hatten sich eine Villa samt Garten bauen lassen. Vor allem Engländer akklimatisierten dort auch tropische Pflanzen, die sie aus den Kolonien einführten.

So entzücken heute im Jardin Val Rahmeh botanische Schönheiten wie Lotus, Victoria-Seerosen oder die Gespensterblume. Der Garten Clos du Peyronnet besticht mit Wasserbassins und schattigen Sitzplätzen. Seit mehr als 100 Jahren ist er im Besitz derselben englischen Familie.

Der Dichtergarten Fontana Rosa des spanischen Hollywood-Autors Vicente Blasco Ibáñez zeigt sich heute vernachlässigt. Doch seine vielfarbigen Keramiken, die Früchte und Blumen formen, beeindrucken. «Für diese Majolika der Firma Saissi ist Menton bekannt», erläutert Stadtführerin Carine Filloux. Majolika ist eine Bezeichnung für farbig bemalte, zinnglasierte Keramik.

Im Stadtgarten des Palais Carnolès wachsen zwischen Kunstwerken Pomelos, Kumquats und Grapefruits. Er wird als Citrusfrüchte-Garten (Jardin d'agrumes) bezeichnet, wegen seiner umfangreichen Auswahl an Pflanzen. «Diese 137 Sorten bilden Frankreichs nationale Sammlung an Zitrusfrüchten», sagt Michel Imbert von der ASJEM, einer Vereinigung zur Wahrung wertvoller Gärten der Region.

Der süßsäuerliche Stolz Mentons

Die Zitrone ist der Stolz der Stadt: süßsauer, geschmacksintensiv mit einer aromatischen Schale und einer geschützten Herkunftsbezeichnung wird die Menton-Zitrone heute als Delikatesse gehandelt.

Die lokalen Erzeuger nutzen die regionale Frucht gerne für ihre Kreationen. «Wir haben ein Olivenöl mit dem Aroma der Menton-Zitrone kreiert», sagt Sylvie Djekhar, die mit ihrem Mann die Huilerie Saint Michel betreibt, eine Ölmühle. «Das wird selbst in Mentons Sternelokal Mirazur serviert.»

Im alteingesessenen Konfitüre-Geschäft Maison Herbin in der Altstadt rührt Maxime Lefort in riesigen Kesseln zerkleinerte Früchte aller Art an. «Inzwischen zählen wir 180 Sorten Konfitüre.» Jene mit «unserer Menton-Zitrone» seien besonders begehrt.

Ravioli mit einer Füllung aus Ricotta und Menton-Zitrone fertigt Luisa Inversi in ihrem Laden Pasta Piemonte. Wie viele Italiener ist sie nach Menton übergesiedelt.

Verheißung des Südens

«Im 19. Jahrhundert war der Zitronenhandel ein lukratives Geschäft», sagt Inversi, die ein Buch über die gelb-grüne Frucht geschrieben hat. «Die Zitrone machte die Grimaldis von Monaco, zu dem Menton früher gehörte, einst reich.»

Doch seit der Belle Époque ist der Tourismus der treibende wirtschaftliche Sektor. Damals wie heute lieben die Menschen diese unaufgeregte Leichtigkeit - mit vielen Restaurants direkt am Strand. Und von überall blickt man auf das türkisblaue Meer: Eine Verheißung des Südens, welche die Côte d’Azur in Menton stimmungsvoll erfüllt.

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