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Filmreifes Landleben

„Gods own County“ nennen die Menschen in Yorkshire ihre Grafschaft. Und manchmal scheint es wirklich so, als hätte sich hier seit der Schöpfung nicht viel verändert.

Stefanie Meier

Typische Szenerie in den Yorkshire Dales:Saftige grüne Wiesen, grasende Schafe und lange Steinmauern. Stefanie Meier Der Doktor und sein Sohn:Im Garten der ehemaligen Tierarztpraxis in Thirsk ist Alf Wight in Bronze gegossen. Sohn Jim ist hier aufgewachsen. Stefanie Meier Foto:

Uaaah – das Publikum stöhnt auf. Aber nicht empört oder böse, sondern eher mitleidig. Zum fünften Mal haben die vier Schafe ihr Ziel nicht erreicht. Doch Arthur gibt nicht auf. Der Mann mit Jeans und Cowboyhut steht geduldig an der offenen Seite des kleinen Gatters und versucht, mit schrillen Pfiffen aus einer speziellen Pfeife seinen Border Collie Percy so zu dirigieren, dass er die vier Schafe hineintreibt. Dieser Teil ist nur eine der Aufgaben, der sich die Hütehunde-Besitzer im „Sheepdog Trial“ auf der Kilnsey Country Show stellen. Insgesamt gibt es für den Parcours neun Minuten Zeit, Arthur und sein Hund versuchen schon mehr als fünf Minuten, die Schafe in das Gatter zu treiben. Die Zeit ist lange überzogen, der Preisrichter hat bereits abgewunken. Aber egal, als die vier Schafe beim sechsten Versuch endlich drin sind, gibt es erleichterten Applaus vom Publikum. „Gut gemacht, Arthur“ kommt über Lautsprecher die Aufmunterung der Kommentatorin, die das Spektakel auch Unwissenden näherbringt.

Unter der 55 Meter hohen Kalksteinwand des Kilnsey Crag in Wharfedale finden sich an diesem letzten Dienstag im August 15 000 Menschen ein, um das Landleben zu feiern. Und das machen sie in vielen Leistungsschauen und Wettbewerben. Mitmachen kann jeder – vom Farmer bis zum Schulkind. Es gibt Preise für das beste Schaf – unterteilt nach Rassen wie Swaledale, Dalesbred und Teeswater –, Auszeichnungen für den besten Spazierstock – in 17 Kategorien – und Medaillen für den besten Biskuitkuchen. Wer sich dabei an den 14 Jahre alten Film „Kalender Girls“ erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch. Der Ort Kettlewell, der ein paar Meilen nördlich liegt, wurde während der Dreharbeiten zum fiktiven Ort Knapely.

Und wer noch ein wenig weiter bis in die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückdenkt, findet sich mitten in der Welt von James Herriot wieder, dem Ideengeber für die auch in Deutschland erfolgreiche BBC-Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“.

Die Yorkshire Dales, eine dünn besiedelte Region im Norden Englands, waren das Revier von James Herriot, der im wahren Leben als Tierarzt Alf Wight Teilhaber einer Gemeinschaftspraxis war. Auch gut 40 Jahre später scheint das „Herriot Country“ unverändert: schmale Täler mit hügeligen grünen Wiesen, auf denen als weiße Tupfen Schafe vor alten Stein-Scheunen weiden, und etwas weiter oben weite, unbewaldete Moorflächen mit lila blühender Heide, von deren Höhen das Auge unbehelligt von Strommasten oder Windkraftanlagen schweifen kann. Durch diese malerische Szenerie könnte gleich der Tierarzt in seinem klapprigen Austin fahren, auf dem Weg zu einer abgelegenen Farm, wo er in einem schummrigen Stall einer Kuh beim Kalben helfen soll.

Die Yorkshire Dales sind seit Mitte der 1950er Jahre zum größten Teil Nationalpark und beherbergen im Dreieck zwischen Kendal, Skipton und Richmond über 1000 Farmen mit 4000 Scheunen und fast 8700 Kilometer der typischen Steinmauern. Ein ideales Wanderrevier. Das fand auch schon James Herriot, der hier gern mit seiner Familie wanderte. „Wir waren oft im Sommer unterwegs, dann war nicht viel Arbeit in der Praxis, weil die Tiere auf der Weide waren“, erinnert sich sein Sohn Jim. Der heute 75-Jährige war wie sein Vater Tierarzt und ist aber selbst schon lange im Ruhestand. Im Garten der ehemaligen Tierarztpraxis in Thirsk, die heute ein Museum ist, erinnert er sich besonders an eine mehrtägige Wanderung im Jahr 1958, die er gemeinsam mit seinem Vater und seinem Schulfreund Ian Brown unternahm. „Wir wanderten von Hostel zu Hostel und liefen meist auf der Straße“, blickt er zurück. Diese mehrtägige Rund-Wanderung ist heute Vorbild für den „Herriot-Way“, dessen Ausgangs- und Endpunkt Aysgarth ist. In dieser Region wurden auch viele Szenen für die TV-Serie gedreht. In Askrigg etwa steht die fiktive Praxis „Skeldale House“ und die Szenen im Pub „The Drovers“ wurden im echten „King’s Arms“ gedreht, wo Durstige noch heute ein Pint „Black Sheep“ genießen können – an Tischen, die als Requisiten dienten, wie die vielen Schwarz-Weiß Fotos zeigen.

Der heutige Wanderweg führt allerdings nicht mehr über Asphalt, sondern größtenteils durch Wiesen, Felder und über die Moore. Begegnungen mit Schafen, Kühen und Moorhühnern nicht ausgeschlossen. Zwischendurch treffen Wanderer aber auch ihre eigene Gattung. Etwa, wenn sich zwei Männer im kleinen Dörfchen Thwaite mitten auf der Straße treffen: „Hey Jim, schöner Tag heute!“ „Oh ja, wunderbarer Tag heute, habe schon ein paar Moorhühner geschossen!“ Es folgt ein längerer Austausch über das Wetter, die Schafzucht und das Leben an und für sich. Eine Szene, wie sich auch in einer der Geschichten von James Herriot hätte auftauchen können, der nicht nur die Landschaft, sondern auch deren Bewohner stets warmherzig beschrieb. Im allgemeinen fühlten sich die Porträtieren auch gut getroffen, berichtet Sohn Jim. Nur der zweite Tierarzt der Praxis, mit dem fiktiven Namen Siegfried Farnon, im echten Leben Donald Sinclair, und für seine Meinungswechsel bekannt, fühlte sich nicht gut getroffen. „Donald war ein Typ, weil er meinte, dass er keiner war“, beschreibt Jim den Kollegen seines Vaters. Beide Männer starben kurz hintereinander im Jahr 1995. Doch ihre Erlebnisse sind bis heute in den Yorkshire Dales lebendig.

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