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Reportage

Im Zug der Zaren: Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn

Es ist eine fast schon legendäre Reise: Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Touristen lieben die Strecke. Deshalb fahren zusätzlich Sonderzüge über die legendäre Trasse. Zum Beispiel der „Zarengold“. Beobachtungen an Bord . . .

Gunnar A. Pier

Für ein paar Rubel extra hält der Lokführer auf freier Strecke gerne an. Raus aus dem Waggon, ein paar Schritte durchs Gleisbett, rauf auf die Lok: Von vorne lässt sich dieser Samstagmorgen am Baikalsee doppelt genießen. Die Fahrt auf einem stillgelegten Teilstück der Transsib-Trasse direkt am tiefsten See der Welt entlang ist für viele der Höhepunkt ihrer Reise quer durch Russland. Kalter Wind pfeift, das Wasser spiegelt, die Augen leuchten.

Die „Blauen Karten“ hinten im Erdkunde-Buch hatten keine Beschriftung. Blaue Linien, blaue Punkte, blaue Flächen: Klangvolle Namen wie Ob und Jenissej, Moskau und Irkutsk sollten die Schüler selbst zuordnen. Aus der grauen – pardon: „blauen“ – Theorie wird farbenfrohe Realität für den, der mit der Transsibirischen Eisenbahn reist. Von Moskau tagelang Richtung Osten, auf Wunsch inklusive Stadtrundfahrt in Nowosibirsk und Bootsausflug auf dem Baikalsee.

Mit der Bahnlinie von Moskau nach Wladiwostok an der russischen Pazifikküste wurde Ende des 19. Jahrhunderts das riesige Hinterland erschlossen. Längst genießt die Trasse einen legendären Ruf als weltberühmter Transportweg, aber auch als Ziel für reisefreudige Touristen. Deshalb verkehren auf den Gleisen nicht nur Linienzüge, sondern auch Sonderzüge wie der „Zarengold“, den der Berliner Spezialveranstalter Lernidee in den Sommermonaten auf den Weg schickt. An Bord sind Touristen unter sich, und es gibt täglich ausführliche Ausflüge mit örtlichen Reiseleitern, während der Zug wartet. Die Städte Kasan, Jekaterinburg, Nowosibirsk, Krasnojarsk und Irkutsk stehen auf dem Programm. Langer Halt, Stadtrundfahrt und viele interessante Informationen von lokalen Fremdenführern machen die Reise mit der Transsib zu einer FahrtnachRussland, nichtdurchRussland.

Kein Wunder: „Die Reisenden sind gut vorbereitet und nicht zufällig hier. Die meisten haben irgendeine Verbindung zu Russland“, hat Olga Smirnova beobachtet. Seit 13 Jahren begleitet sie Reisegruppen auf der Strecke, manchmal fährt sie fünfmal pro Jahr von Moskau bis zur mongolischen Grenze und zurück. 23 Tage ist sie dann unterwegs. „Ich mag die Deutschen“, sagt sie immer wieder. Sie seien freundlich, pünktlich und meistens sehr sympathisch.

An Bord hat Olga eher mit älteren Reisenden zu tun, die schon viel auf der Welt gesehen haben. Und die eine zwar spannende, aber bequeme Reise bevorzugen. Kein Problem: Jeder Fußweg ist kurz, und Reiseleiterin Olga nimmt viel Rücksicht auch auf den langsamsten.

Für Reinhard und Roswitha Limmert ist die Transsib nur eine Etappe. In gut 80 Tagen um die Welt: Das ist das Ziel des jung gebliebenen Rentnerpaars aus Wiesbaden. Bis Moskau haben sie schon den Nachtzug genommen, fliegen kann schließlich jeder. Nun fahren sie erst mal bis Wladiwostok, um dann über Korea und Kanada den Weg zurück zu suchen.

In Russland lernen die Limmerts gleich zwei sehr gegensätzliche Arten des Transsib-Reisens kennen. Bis Irkutsk am Baikalsee sitzen sie im komfortablen Zarengold, umgeben von einer Infrastruktur, die auf deutsche Touristen ausgelegt ist mit sauberen Toiletten, kaltem Bier und deutscher Reiseleitung. In Irkutsk, wenn der Sonderzug durch die Mongolei Richtung Endstation Peking abbiegt, steigen sie um in den rustikalen Linienzug: Transsib für Fortgeschrittene. Den Absprung vom asiatischen Kontinent wagen sie erst in Wladiwostok. Das ist ganz rechts auf den blauen Karten im Erdkundebuch.

Das Angebot steht übrigens für die gesamte Strecke. Wer Sibirien durchqueren möchte, hat die Wahl zwischen Linienzügen, die unterschiedliche Reisedauer und unterschiedlichen Komfort bieten. Wer sie wählt, kommt der russischen Kultur zwangsläufig etwas näher als der Reisende im behüteten Sonderzug. Dafür fehlen die organisierten Ausflüge.

Die machen die „Zarengold“-Tour aus. In den Städten warten einheimische Reiseführer, die die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten zeigen. Das geht schon in Moskau los, wo die Reisenden den Roten Platz, Kreml und die spektakulären U-Bahn-Stationen kennenlernen. Ein Besuch beim Denkmal auf der Grenzen zwischen Europa und Asien gehört im Verlauf der Reise ebenso dazu wie ein stilechtes Mittagessen samt Wodka in einer Datscha.

In Irkutsk am Baikalsee trennen sich die Zug-Passagiere. Im „Zarengold“ weiter bis Peking, im Linienzug nach Wladiwostok oder direkt zurück in die Heimat – es gibt viele Möglichkeiten. Nur das Stück am Baikalsee sollte sich niemand entgehen lassen. Auf der alten Strecke, auf der der Lokführer gerne mal anhält.

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