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Holger Verlage aus Greven arbeitet auf einem Fischereischiff in Kanada

Knochenjob auf dem Hummerboot

Hummer gelten nahezu weltweit als Spezialität. Doch sie zu fangen, ist ein Knochenjob. Täglich trotzen die Männer vor Kanadas Ostküste dem Wetter und leeren ihre Fallen. Einer von ihnen: Holger Verlage, der aus Greven nach Kanada auswanderte. Wir haben ihn einen Tag begleitet.

Gunnar A. Pier

Quartett an Deck:Captain Jeff steuert das Schiff durch die See, während Laurence (links) die Hummer-Scheren mit Gummibändern sichert, Holger Verlage den Fang aus der Falle holt und sein Kollege Brad (rechts) neue Köder-Fische in die Falle packt. Gunnar A. Pier Dieser weibliche Hummerträgt Eier an der Unterseite. Deshalb muss das Tier zurück ins Wasser. Gunnar A. Pier

Neulich, erzählt Holger Verlage, habe er beim Urlaub in Deutschland einen Hummer auf der Speisekarte gesehen. 50 Euro habe der gekostet! Laurence und Brad lachen erstaunt. Rund 2000 Hummer gehen an diesem Tag durch ihre Hände, und hier sind sie vielleicht sieben Euro wert. Vor Kanadas Ostküste wimmelt es von Hummern, die dann als Delikatessen um die Welt gehen. Ein Millionengeschäft. Doch sie aus dem Wasser zu holen, ist ein Knochenjob.

Um kurz vor vier Uhr liegt an diesem Montag im Juni noch die finstere Nacht über dem kleinen Hafen namens Little Harbour nahe L‘Ardoise auf der Halbinsel Cape Breton. Doch in der Hütte ist schon Licht, vier Männer bereiten Köderfische vor. Einer von ihnen: Holger Verlage. Vor 22 Jahren ist der Grevener nach Kanada ausgewandert. Heute lebt er mit Frau und vier Töchtern auf der Insel Ilse Madame nahe Cape Breton in der Provinz Nova Scotia (seine ganze Geschichte: hier). Sein Geld verdient er, wie viele in der Region, vornehmlich auf dem Hummer-Boot.

Um kurz nach vier Uhr sind die Köder an Deck, der Motor springt an, das Boot tuckert aus dem Hafen in die finstere Nacht. Die Hummer-Fischer starten frühmorgens, weil die See da meistens ruhiger ist. Für den Fang freilich spielt die Tageszeit keine Rolle: Die Meeresgrundbewohner werden mit Lebendfallen gefangen. Die sind wie eh und je aus Holz gebaut mit einem Eingang aus Netz, durch den die Tiere reinkrabbeln, aber niemals wieder rausgelangen können. An sechs Tagen pro Woche werden die Fallen aus der Tiefe gehievt und ausgeleert.

Ein Computer hilft

„HOLGI!“, ruft Captain Jeff in die Nacht, und Holger weiß: Jetzt geht’s los. Ein Computer mit Satellitennavigation hilft dem Steuermann dabei, die gestern ausgesetzten Fallen heute wiederzufinden. Jetzt ist die erste im Blick. Mit einer Hakenstange fischt der Ex-Grevener nach der faustgroßen gelben Boje, die in der trüben See dümpelt. Dann geht alles ganz schnell: Eine Winde zieht die Falle aus dem Wasser, Verlage wuchtet sie auf die Reling des Bootes, öffnet die Klappe, nimmt in Windeseile die Tiere heraus, Kollege Brad steckt neue Köderfische rein, Klappe zu und nach nicht mal zwei Minuten rauscht der Korb zurück auf den Grund.

Es eilt!

Warum die Hektik? Ganz einfach: Dauert es pro Falle nur eine Minute länger, sind das bei 250 Fallen am Ende des Tages mehr als vier Stunden. Tag für Tag.

Hummer-Saison dauert neun Wochen

Die Hummer-Saison dauert in dieser Region vom 19. Mai bis zum 20. Juli. Neun Wochen, in denen das Quartett an sechs Tagen pro Woche rausfährt. Meist dauert die Tour gut neun Stunden, nur sonntags ist frei. Sie sind fest angestellt bei einer Firma, die nicht nur vier eigene Boote rausschickt, sondern auch von den vielen freien Fischern der Gegend nahezu alle Fänge aufkauft. Sechs Dollar pro Pfund werden in diesem Jahr gezahlt, ein typischer Ein-Personen-Gericht-Hummer wiegt zwischen anderthalb und zwei Pfund. An Land werden alle Tiere zunächst kontrolliert: Haben sie die richtige Größe? Sind Weibchen dabei, die Eier an der Unterseite tragen? Zu kleine und tragende Tiere werfen „Holgi“ und seine Freunde eigentlich direkt wieder über Bord, manche aber rutschen ihnen durch und werden an Land aussortiert.

In riesigen Kisten werden die lebenden Tiere dann aufbewahrt. In Wasserbassins oder unter einer Dauerberieselung mit kaltem Wasser werden sie bis zu einem halben Jahr gelagert, bis die Preise lukrativ sind. Ein Verfahren freilich, das von Tierschützern bisweilen kritisiert wird.

Hummer leben auf dem Meeresgrund und gelten als Delikatesse. Sind sie gefangen, werden ihre Scheren verbunden. Foto: Gunnar A. Pier

Wind kommt auf

122 Körbe sind geschafft, 122 mal hat die Winde eine Falle aus zwischen acht und 20 Metern Tiefe gehievt, „Holgi“ hat die Hummer rausgenommen, Brad die Köder reingepackt und Laurence die Scheren mit Gummibändern gesichert. Die Sonne ist aufgegangen. Das ist schön. Doch Wind kommt auf. Das macht’s ungemütlich. Die Wellen werden höher und höher, das 13-Meter-Schiff steigt auf und ab. Verbunden mit den engen Kurven, in denen Captain Jeff das Schiff um die Bojen kreisen lässt, ist das Karussellfahren für Fortgeschrittene.

Nova Scotia und die Hummer

Die Provinz Nova Scotia liegt als Halbinsel vor der Ostküste Kanadas. Die Hauptstadt ist Halifax. Mehr zu Nova Scotia: hier.

Der Hummer ist hier nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig, sondern geradezu identitätsstiftend: Die Menschen sind stolz darauf. Die Fangsaison wandert das Jahr über einmal rund um die Provinz. Die Hummerfischer nehmen in der Regel keine Gäste mit an Bord, doch es gibt eigens auf Touristen ausgerichtete Ausflugsfahrten mit vielen Informationen rund um den Hummerfang.

Informationen für Reisende: www.canada.travel

Ohne Pause

Doch das Quartett an Bord bleibt unbeirrt. Immer schneller arbeiten die „Deckhands“ Hand in Hand, um fertigzuwerden, bevor der nahende Sturm sie zum Umkehren zwingt. Eine Pause machen sie nicht. Aufwärmen, Durchatmen, zweites Frühstück – unnötig.

Um kurz vor 13 Uhr schaukelt das Schiff zurück in den Little Harbour. 28 Kisten voller Hummer werden angelandet. 2748 Pfund. Ein guter Tag.

Holger Verlage fährt zurück zu Frau und Kindern. Bis morgen, kurz vor vier Uhr.

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