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Tschechien

Kraft der Trauben

Das eine Getränk ist schon lange ein tschechischer Exportschlager: Goldbraun-malzig, süffig-schaumig füllt das kultige Urquell erst die Humpen und dann die durstigen Kehlen unzähliger Bierliebhaber aus aller Welt. Das andere Produkt bahnt sich derzeit noch seinen Weg. Ebenfalls alkoholisch und nicht minder aromatisch zieht es seinen Geschmack allerdings nicht aus Hopfen und Gerste, sondern aus der Kraft der Trauben. Und zwar einer ganz besonderen Rebsorte: Pálava heißt die Neuzüchtung aus Roter Traminer und Müller-Thurgau, die nach dem Hügelland südlich der mährischen Metropole Brünn benannt ist und duftige Weißweine ins Glas zaubert. Und das auf so hohem Niveau, dass der Pálava – neben anderen aromatischen Mitstreitern wie dem Rheinriesling oder dem Veltliner – immer mehr Preise für die modernen mährischen Winzer abräumt.

Ines-Bianca Hartmeyer

Wie im Bilderbuch:Von einem Aussichtspunkt aus bietet sich den Besuchern ein atemberaubender Blick über Mikulov. Ines-Bianca Hartmeyer Stolzer Winzer:Vladimir Vajda ist einer der Mitbegründer des Weinguts Sonberk. Sein Pálava von 2015 wurde jüngst in London als bester trockener Wein der Welt ausgezeichnet. Ines-Bianca Hartmeyer Foto:

Einer, der es ganz genau weiß, ist Vladimir Vajda. Der 65-jährige Tscheche, der in einer Winzer-Familie groß geworden ist, erkannte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schnell, welches Potenzial in dem mild-trockenen Weingarten Tschechiens liegt, in dem schon die Römer vor 2000 Jahren die ersten Rebstöcke anpflanzten. Hatten die späteren Siedler, darunter viele deutschstämmige, noch an die jahrhundertealten Traditionen angeknüpft, so war der Weinanbau im Sozialismus aufs Abstellgleis geraten. „Da gab es in den Kollektiven entweder weißen oder roten Wein – brutale Cuvées, aber keine Weinkultur mehr“, hat Vajda es selbst miterlebt. „Und die Weinberge waren anschließend in einem sehr schlechten Zustand.“ Im Jahre 2003, kurz vor dem Beitritt zur EU – und damit auch vor den nahenden strengeren Beschränkungen – entschied er sich, mit einer Gruppe Gleichgesinnter das Weingut „Sonberk“ bei Popice zu gründen. Die findigen Winzer legten einige Flächen zusammen, erweiterten andere – und schufen so ein gut 50 Hektar großes Anbaugebiet mit direktem Blick auf die Hügelkette, die dem Palavá ihren Namen gibt.

Mit der neuen Struktur kam auch eine neue Philosophie: „Wir ernten per Hand, weil es schonender ist“, erläutert der Vize-Präsident des Weinguts. Das Resultat sind bis zu 150 000 Flaschen jährlich, vom Riesling bis zum aufwendig produziertem „Straw wine“, der dem deutschen Eiswein ähnelt. Eine im Vergleich eher geringe Zahl, aber: „Wir achten mehr auf Qualität als auf Quantität“, betont der Tscheche. Das gilt vor allem für den Pálava aus der Ernte von 2015. Denn der erhielt jüngst den Ritterschlag: Beim internationalen Wettbewerb „Decanter World Wine Awards“ in London wurde er 2017 zum besten trockenen Weißwein der Welt gekürt.

Wie Vajda und seine Mitstreiter machen es viele moderne Winzer in Tschechien. Das Ergebnis können Weinkenner im nationalen Wein-Salon verkosten, der im Barockschloss Valtice untergebracht ist. Nach strengen Kriterien ausgewählt, ziehen hier jedes Jahr aufs Neue die besten 100 Weine des Landes ein. In dem imposanten Gewölbekeller können sich Besucher mit Glas und Brotkorb selbst von der Güte der edlen Tropfen überzeugen und, so lange der Vorrat reicht, ein Fläschchen aus einem der Weinberge rund um Znojmo, Mikulov, Velke Pavlovice oder der Region Slovácká erwerben. Manchmal verirrt sich auch der eine oder andere böhmische Wein in die Regale – doch der Anteil ist minimal.

Wobei sich jetzt wiederum die Bier trinkenden Pilsen-Fans zu Wort melden und die Fahne Böhmens hoch halten könnten – wenn das nicht nur eine Illusion wäre. Tatsächlich stammt nämlich das Rezept für das legendäre Urquell ebenfalls aus Mähren. Braumeister František Ondrej Poupe entwickelte das Verfahren in Brünn, erst über Umwege kam es später nach Pilsen. Nicht überliefert ist hingegen, ob es denn der Gerstensaft auch schon in den Buckingham Palast geschafft hat. Dorthin schickten nämlich die Winzer aus Znojmo eine Kiste des Pinot gris, der der Queen bei einem Besuch vor Ort ganz ausgezeichnet gemundet hatte. Sie kennen sich eben aus mit Kult-Getränken, die Tschechen . . .

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