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Istrien

Selbstbewusstsein und Humor

Zigante Tartufi, ein Schriftzug, der immer wieder ins Auge fällt. Mal auf den geschlossenen Lieferwagen, die über das römische Pflaster in Porec huschen, mal an den Markisen eines Feinkostladens in Pula, fast immer aber in den Trüffelregalen der Lebensmittelläden. Giancarlo Zigante ist omnipräsent. Doch wenn man den Trüffelkönig von Istrien in seinem Restaurant im kleinen Livade unweit des Bergdorfes Motovun trifft, strahlt der Mann mit der pechschwarzen Helmfrisur, den alle nur Mister Giancarlo nennen, mitnichten royalen Glanz aus. Eher bescheiden, zurückhaltend, ein wenig wortkarg stellt sich der 66-Jährige den Fragen der Trüffeleleven.

Ulrich Reske

Geschichte ist zum Greifen nah:Römische Spuren finden sich auf Schritt und Tritt in der Hafenstadt Pula. Ulrich Reske Trüffelsind die Welt des Giancarlo Zigante.  Ulrich Reske

Zigante, der Trüffelsucher, der Ende der 90er Jahre längst schon den Markt für diese kostbaren erdigen Knollen beherrscht, wird durch einen besonderen Fund 20 Zentimeter unter der dunklen Erde im Eichenwald ins Guinnessbuch der Rekorde befördert. Ein feucht-nebliger Tag. „Es war der 2. November 1999“, erinnert sich Giancarlo Zigante. Der Hund des Trüffeljägers durchbricht mit seiner Schnauze die Erdkrume und legt Teile des weißen Riesentrüffels frei. 1,3 Kilo schwer, etliche Tausend Euro wert. Eine Knolle, die aus Giancarlo Zigante einen König macht, der in Sachen Trüffel weltweit an der Spitze regiert.

Ein wertvolles Königreich, bestätigt Trüffelhändler Walter später beim Besuch des Bergdorfes Motovun. In seinem kleinen Feinkostladen zeigt er auf einen Korb voller Knollen. „5000 Euro“ – der Wert von vier großen Händen voll Trüffel. „Und der ist viel besser als der italienische.“ Istrisches Selbstbewusstsein – das finden wir hier und an anderen Orten im kleinen, feinen Ländle zuhauf.

Apropos Italien. Dass eben Venedig mehr als vier Jahrhunderte über Istrien herrschte, erkennt der Besucher auf Schritt und Tritt in dieser Gespanschaft im Norden Kroatiens. Der Markus-Löwe, Wappentier venezianischer Herrschaft, ziert viele gut erhaltene Burgen und repräsentative Gebäude aus der Renaissancezeit. Slowenien und Italien sind nicht nur Grenzländer, sie bilden auch kleinere Teile dieser Provinz mit ihren selbstbewussten Menschen.

Doch gottlob: „Separatistische Trends wie jüngst in Katalonien sind den Istriern fremd“, erklärt Alen Petrovic, christlicher Bosnier, der lange in Deutschland lebte, nach Kroatien umsiedelte und heute in der südistrischen Stadt Pula als Tourismusmanager kompetenter Ansprechpartner vor Ort für deutsche Touristikunternehmen ist. Der Grund ist für ihn ganz simpel: „Istrier sind einfach glühende Europäer.“ Genauso wie Alen selbst. Kleinstaaterei wäre für ihn das Gegenteil. Das ändert aber nichts am ausgeprägten istrischen Selbstbewusstsein.

Das schlägt quasi Purzelbäume in der Person des istrischen Architekten und Designer Boris Rusic. Der lebt mit Bruder und Mama in dem kleinen Dörfchen Radetici, gut 25 Kilometer von der Küstenstadt Porec im Landesinneren. Dass die Liebe zu dieser kleinen Provinz durch den Magen führt, erfährt einmal mehr, wer die Rusics in diesem sich verändernden Dorf besucht. Während die Gäste den Begrüßungssekt aus der Malvasia-Traube als geschmacksintensives Prickeln registrieren, Mama die Rucolablätter für die Pljukanci, die bespuckten Nudeln, im rustikalen Garten zupft, breitet der Gestalter und Lebenskünstler seine Visionen von Bauen, Tourismus und Dorfentwicklung aus. „Zurück zu den Wurzeln“ ist eine Devise, die er bei der detailverliebten Sanierung der ersten Gebäude im kleinen Dorf eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. „Häuser, die ihre grobe Steinstruktur als Fassade präsentieren, sind zwar beliebt, aber eigentlich doch nur Viehhäuser.“ Und so sind Rusics restaurierte Dorfhäuser stets in rauem Putz gewandet. „Was wir schaffen, ist das, was wir hinterlassen.“ Ein Postulat des Architekten, das an diesem Ort sichtbar wird. Dass er mit seinen Häusern, die Touristen als exklusive Wohnstatt dienen, alte dörfliche Strukturen zerstören könne, weist Boris Rusic weit von sich. „Im Gegenteil: Die jungen Menschen verlassen die Dörfer. Wir bieten da eine Alternative.“

Inzwischen hat Mama Rusic die selbst gemachte Pasta mit Rucola, Schinken, einem milden Kraut mit Würsten und Speck in tönernen Gefäßen serviert. Bespuckte Nudeln? So wird die heimischen Pasta genannt, weil ihre Macherinnen erst in die Hände gespuckt hätten, ehe sie dann auf Bleistift-Dicke gerollt worden sei. Aber die Mama, nein, nein, die mache das natürlich nicht, schmunzelt Boris.

Nicht nur die köstlichen Pljukanci, auch der schwere Rote, ein Teran, den inzwischen sehr avancierte istrische Winzer allerdings wegen der nur kleinen Anbaufläche, die zur Verfügung steht, vorzugsweise für Land und Leute produzieren, lässt den Abschied schwerfallen. Die Fahrt entlang der zerklüfteten Küste, einer mediterranen Fjordlandschaft, erinnert noch einmal an Architekt Rusic’ Aussage: „Menschen, denen in den 80er Jahren das Geld zum Bauen fehlte, hatten Glück.“ Glück haben insofern auch die Istrien-Touristen, die zumeist nicht auf die in Beton gegossenen Bausünden aus jenen Jahren stoßen. Stattdessen finden die Gäste kleinere Hotelanlagen und Resorts, die in die felsige über 500 Kilometer lange Küstenlinie gebaut wurden.

Von Pula über Rabac geht’s auf die Insel. „No stres in Cres“ prangt in weißen Lettern, wenn auch orthografisch unkorrekt, auf der Heckscheibe einer roten italienischen Rostlaube. Das darf wörtlich genommen werden. Auf der Insel Cres, die größer als Krk vor Dalmatien ist, leben nur 3000 Menschen, fast 2500 in der gleichnamigen Stadt. Lediglich drei Hotels, dafür viele private Unterkünfte erlauben hier Erholung weit ab von Rambazamba und Partymeile.

Wer auf diesem Eiland in der Kvarner Bucht noch einmal das schon mehrfach zitierte istrische Selbstbewusstsein sucht, wird fündig im Städtchen Cres. Dem venezianischen Markus-Löwen am Stadtportal gingen Bürger mit Hammer und Meißel an den Kragen und modellierten stattdessen ein aufbäumendes Pferd ins italienische Gemäuer. Was das Selbstbewusstsein wohl auch mit istrischem Humor verbindet.

Anreise: Im Sommer fliegt Eurowings von Köln, Düsseldorf und Frankfurt nach Pula und Porec.

Vor Ort: Interessante Standorte sind etwa Porec (Westküste) und Rabac an der Kvarner Bucht.

Sehr beliebt sind von Porec Tagesausflüge mit dem Schnellboot nach Venedig oder in das Naturschutzgebiet auf der Inselgruppe Brijuni. Von Rabac sind die Inseln Cres und Losinj mit der Fähre erreichbar.

Buchen: Rabac, 4-Sterne-Plus Valamar Girandella Resort, eine Woche im Doppelzimmer Superior mit Gartenblick, Halbpension, inkl. Flug mit Eurowings und Transfer, pro Person ab 759 Euro bei Jahn Reisen.

Porec, 4-Sterne Valamar Isabella Island Resort, eine Woche im Studio mit Meerblick, Halbpension, inkl. Flug mit Eurowings und Transfer, pro Person ab 799 Euro bei Jahn Reisen.

Buchbar im Reisebüro oder im Internet unter www.jahnreisen.de

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