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Wo Architekten die Stars sind

Ein Millionenpublikum fieberte mit, als Marty McFly und der zauselige Doc Brown 1985 mit Hilfe des legendären „Fluxkompensators“ erstmals in die Vergangenheit reisten, um in den Lauf der Zeit einzugreifen. Unvergessen die hochdramatische Schlusssequenz auf dem Rathausvorplatz, als die Filmhelden im Gewittersturm auf den rettenden Blitzeinschlag warten, der dem umgerüsteten DeLorean die nötige Energie für die Reise „Zurück in die Zukunft“ liefern soll.

Ines-Bianca Hartmeyer

Eine Tankstelle als Kunstwerk:Die „Tramway Gas Station“ ist eines der letzten Werke des Schweizers Albert Frey. Heute ist die ehemalige Tankstelle ein Besucherzentrum. Ines-Bianca Hartmeyer Robert Imberwird auch „Mr. Modernism“ genannt. Ines-Bianca Hartmeyer

Über derlei Effekthascherei aus der Hollywood-Trickkiste kann Robert Imber nur schmunzeln. „Mr. Modernism“, wie er in Fachkreisen genannt wird, braucht weder technischen Schnickschnack noch Naturgewalten, wenn er einen Ausflug in die Vergangenheit machen möchte. Der stilecht gekleidete Kalifornier, der als Pionier des Architektur-Tourismus in Palm Springs gilt, ist seine eigene Zeitmaschine und hat die passende Kulisse direkt vor der Haustür. Seine Energiequelle ist die Liebe zum so genannten „Mid-Century Modernism“ – und das frühere Rathaus, vor dem er gerade steht, ist ein Paradebeispiel für die ebenso markante wie polarisierende Stilrichtung aus der Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts.

„Extraordinary“, schwärmt der Mitbegründer der jährlich im Februar stattfindenden „Modernism Week“ beim Anblick der 1952 von Albert Frey entworfenen City Hall und erklärt in wenigen Sätzen die Besonderheiten, die die Architektur-Pioniere vor Jahrzehnten in die Wüste brachten: Da sind die klaren reduzierten Linien, die im Kontrast zur karg-schroffen Umgebung eine spröde Ästhetik entfalten. Die ungewöhnlich geschnittenen Fensterelemente, die Licht in das Gebäude lassen, aber trotzdem zugleich Schutz vor der Sonne bieten. Die modernen Baustoffe, die nicht selten aus den Überschüssen der Kriegsindustrie stammten und gern eine Verbindung mit den wuchtigen Felsbrocken um sie herum eingehen. Die ausgeprägten Mauerteile und optischen Spielereien, die Licht- und Schattenseiten der Wüstensonne gleichermaßen zur Geltung bringen. „Die runden Module an der Rathaus-Fassade zum Beispiel“, Imber hat sich schon viele Male in diesen Anblick vertieft, „sehen in der Morgensonne aus wie schwarze Tupfen – und im Abendlicht wie Donuts.“

Ob öffentliches Gebäude oder Privat-Villa: Die Zeugnisse des Einfallsreichtums der Architekturgrößen wie Frey, Neutra, Krisel, Wexler, Cody und Co. sind in Palm Springs an jeder Straßenecke zu finden. „Wir haben die größte Dichte an Bauten dieser Stilrichtung weltweit“, erklärt der ausgewiesene Experte. Bei einer Rundtour präsentiert er seine Lieblinge: Kapriziöse Stars wie das „Elrod House“, in dem der Bösewicht in dem Bond-Klassiker „Diamantenfieber“ residierte, das „Honeymoon Hideaway“ von Elvis und Priscilla Presley oder das Anwesen „Twin Palms“ mit dem pianoförmigen Pool, das sich Frank Sinatra anlässlich seiner ersten verdienten Million gönnte. Aber auch die vielen Statisten wie die schier unzähligen „Alexanders“ mit ihren unverkennbaren Butterfly-Dächern, die alle miteinander auf vier Grundrissen basieren – und doch immer ganz einzigartig wirken.

Wo kommen sie eigentlich her, die illustren Bauten? Verantwortlich ist die Filmindustrie in Los Angeles. Als die ersten Hollywoodstars ihre Verträge unterzeichneten, stimmten sie einer Klausel zu: Nicht weiter als zwei Stunden entfernt von den Studios durfte der sonnige Zweitwohnsitz liegen. Und das traf – voilà! – genau auf die Wüstenoase Palm Springs zu. Im Rudel fielen die Promis fortan im Coachella-Tal ein und brachten ihre Architekten gleich mit. Die illustre Bandbreite reicht von Charlie Chaplin über das legendäre Rat Pack bis hin zum Neuzeit-Womanizer Leonardo DiCaprio.

Schnell waren viele der architektonischen Perlen mit den schillernden Geschichten ihrer Bewohner verknüpft. Marilyn Monroe, entdeckt im örtlichen Tennisclub, traf sich angeblich im Haus von Bing Crosby zu mehreren heimlichen Tête-à-têtes mit Präsident John F. Kennedy. Frank Sinatras Angetraute Ava Gardner hingegen fand bei einem unangekündigten Besuch die schöne Lana Turner im Pool ihres Ehemanns vor und pfefferte die Champagnerflasche mit so viel von Eifersucht getriebener Inbrunst ins Waschbecken des Hausherrn, dass ein bis heute sichtbarer Sprung in der Schüssel zurückblieb.

Aktuell machen vor allem Gerüchte über wilde Partys im Haus von Leonardo DiCaprio die Runde im coolen Wüstendorf. Jüngster Überraschungsgast des „Titanic“-Stars war Katy Perry, heißt es. Natürlich ist auch das Ensemble am Hermosa Place, das der Schauspieler 2014 für 5,2 Millionen Dollar erwarb, ein Architektur-Klassiker: 1964 von Donald Wexler, einem Schüler des berühmten Wiener Architekten Richard Neutra, erbaut, gilt es als eine der besterhaltenen Villen aus der Modernismus-Epoche. Andere interessiert hingegen viel mehr, dass auf der anderen Seite des Gartenzauns einst Kirk Douglas lebte . . . Oder Leo zwar durchaus des Öfteren in Palm Springs weilt – dann aber gut verkleidet mit Bart und Perücke ausgeht, wie „Kaiser Grille“-Managerin Stephanie hinter vorgehaltener Hand verrät. Deshalb ist ihr Favorit ein anderer: „Kevin Costner – der ist richtig nett und natürlich!“, schwärmt sie beim Promi-Talk.

Für derlei Star-Rummel hat Robert Imber abermals nur ein mildes Lächeln übrig. Schließlich ist er selbst ein kleiner. Auf dem lokalen „Walk of Fame“ hat er als engagierter Architektur-Förderer seinen eigenen Stern – und als Hobby-Makler sogar seinen eigenen Fanclub unter dem Namen „Blame it on Robert“. Dem gehören all diejenigen an, die aufgrund seines Enthusiasmus und seiner Ortskenntnis eine Immobilie in Palm Springs erworben haben. „Das hier ist einer der faszinierendsten Plätze der Welt“, Robert Imber ist ein Überzeugungstäter. „Wenn Palm Springs zu dir spricht, dann musst du einfach hier leben.“

Sagt Mr. Modernism. Und entschwindet nach einer turbulenten Jagd durch mehrere Jahrzehnte extraordinärer Baugeschichte zwischen Palmen und Wüste wieder zurück in die Zukunft. Allerdings – ein kleiner Wermutstropfen – nicht im DeLorean, sondern in einem ganz normalen Mittelklassewagen.

Anreise: Der Flughafen, entworfen von Donald Wexler, stimmt Besucher schon bei der Ankunft auf das Architektur-Thema ein. Angeflogen wird er von elf Fluggesellschaften, unter anderem United Airlines.  www.united.com

Unterkunft: Für das echte Modernismus-Lebensgefühl lohnt es sich, direkt eines der Originalhäuser zu mieten. Eine illustre Auswahl wie das „Mellow Yellow Butterfly“ bietet die Plattform:

www.acmehouseco.com

Kultur: Das Palm Springs Art Museum schlägt mit viel Nonchalance die Brücke zwischen indianischen Artefakten und moderner Kunst.

Abenteuer: Die „Aerial Tramway“ gilt als größte rotierende Seilbahn der Welt und bringt die Besucher in wenigen Minuten in die auf 2600 Metern Höhe gelegene alpine Landschaft des Mount San Jacinto.

Termine: Die „Modernism Week“ findet einmal jährlich im Februar statt. Elf Tage lang dreht sich dann alles um den Baustil, der Palm Springs berühmt gemacht hat. Im vergangenen Jahr lockte das Festival rund 100 000 Besucher an. Einen kleineren „Ableger“ davon gibt es jeweils im Oktober.

www.visitpalmsprings.com

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