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Kurz vor Verkaufsstart

Stadt, Land, Bus: Wo sich das 9-Euro-Ticket lohnt

Berlin

Das große Experiment in Bussen und Bahnen steht kurz bevor. Über das 9-Euro-Ticket entscheidet nun das Parlament, in wenigen Tagen soll der Verkauf beginnen. Doch für wen lohnt es sich eigentlich?

Von Burkhard Fraune, dpa

Ab Anfang Juni bis Ende August sollen Fahrgäste bundesweit für 9 Euro pro Monat fahren können. Foto: Robert Michael/dpa

Für nur 9 Euro im Monat bundesweit Bus und Bahn fahren im Nahverkehr - das soll von Juni an für drei Monate möglich werden. Es ist ein beispielloser Versuch, Pendler zu entlasten und von einem Umstieg auf die Bahn zu überzeugen. An diesem Donnerstag entscheidet der Bundestag über das Finanzierungsgesetz, am Freitag der Bundesrat.

Befürworter sehen eine große Chance für mehr klimafreundlichen Verkehr - Kritiker fürchten ein Strohfeuer und warnen, dass übervolle Busse und Bahnen mögliche neue Nutzer eher abschrecken. Doch welche Kunden haben überhaupt etwas vom 9-Euro-Ticket?

ÖPNV-Stammkunden:

Für Pendler mit Abo für den Nahverkehr, mit Monats- oder Jahreskarte lohnt es sich in jedem Fall. Ihnen werden für die Monate nur 9 Euro abgebucht bzw. sie erhalten eine Erstattung. Viele Verkehrsverbünde hoffen, mit den drei günstigen Start-Monaten dauerhafte Abo-Kunden zu gewinnen.

Auto-Pendler:

Drei Viertel der Haushalte, die regelmäßig ein Auto nutzen, hielten in einer KfW-Umfage im Winter einen häufigeren Wechsel auf Busse und Bahnen für vorstellbar. Gut bedient mit einem Umstieg sind diejenigen von ihnen, die passende Bus- und Bahn-Verbindungen zur Arbeit haben, etwa in Ballungsräumen, Großstädten und vielen Mittelstädten. Sie sparen bares Geld, wenn sie ihren Wagen stehen lassen und öffentlich fahren. Denn das 9-Euro-Ticket kostet je Werktag weniger als 50 Cent. So günstig kommt man mit dem Auto kaum hin und her, selbst wenn wie geplant der Spritbonus kommt. Drei Monate lang sollen die Energiesteuern auf Kraftstoffe gesenkt werden.

Ausflügler:

Für viele Tages- und Wochenendausflüge, selbst für manche Urlaubsreise in Deutschland kann sich der Kauf lohnen. Zeitungen und Medien-Websites sind längst voll mit 9-Euro-Ticket-tauglichen Ausflugstipps; Touristiker rechnen mit großem Andrang. Zum Start und Abschluss langer Wochenenden wie zu Pfingsten (5./6. Juni) und Fronleichnam (16. Juni) rechnet der Fahrgastverband Pro Bahn jedoch mit Chaos in den Zügen Richtung Küste und Berge.

Dorfbewohner:

Nicht so viel bringt das Aktionsticket für Bus und Bahn, wenn am Wohnort nur selten Busse oder gar Züge halten. Das ist in vielen Dörfern der Fall. An mehr als jeder dritten Haltestelle kann man nach Berechnungen der Bahn-Tochter Ioki nicht mal einmal pro Stunde in die eine oder die andere Richtung fahren. Man kann auch dort Sprit und Parkgebühren mit dem 9-Euro-Ticket sparen, muss zeitlich aber sehr flexibel sein.

Radfahrer:

Das hängt stark von Reisetag und -uhrzeit ab. Es könnte für Fahrgäste mit Rad mitunter eng werden in den Zügen. Denn die Zahl der Stellplätze ist begrenzt. Wenn es zu voll wird, kann das Zugpersonal entscheiden, keine weiteren Fahrräder einzulassen - auch wenn die Besitzer schon ein Extra-Ticket fürs Rad gekauft haben. Das brauchen sie in den meisten Verkehrsverbünden ohnehin; denn im 9-Euro-Ticket ist die Mitnahme nicht enthalten.

Familien:

Laut Deutscher Bahn brauchen 6- bis 14-Jährige ein eigenes 9-Euro-Ticket oder einen anderen Fahrschein; die kostenfreie Mitnahme ist beim 9-Euro-Ticket ausgeschlossen. Kinder unter sechs Jahren reisen generell kostenfrei. Wer viele Kinder hat und nur einmalig einen Ausflug machen möchte, ist möglicherweise mit einem normalen Ticket besser bedient; es beinhaltet die kostenfreie Mitnahme von Kindern bis 14 Jahren.

Fernreisende und Fernpendler:

Das 9-Euro-Ticket gilt nicht im Fernverkehr, also weder in ICE, Intercity und Eurocity noch in den Nachtzügen unterschiedlicher Anbieter, noch in Flixtrain oder Flixbus. Das DB-Fernverkehrsticket beinhaltet in 130 deutschen Städten außerdem das sogenannte City-Ticket: die kostenlose Anfahrt zum Bahnhof und Weiterfahrt zum Zielort mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch hierfür ist das 9-Euro-Ticket dort nicht nötig.

Wissing: „ÖPNV durch 9-Euro-Ticket in aller Munde“

Bundesverkehrsminister Volker Wissing hat für die geplanten 9-Euro-Monatstickets als Chance für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) geworben – auch bei möglicherweise volleren Zügen. „Wenn es jetzt einen Ansturm gibt, dann ist das auch ein Grund zur Freude“, sagte der FDP-Politiker. „Wir sollten uns darüber freuen, dass wir das so schnell umsetzen konnten. Und wir können uns auch darüber freuen, dass der ÖPNV in aller Munde ist.“ Er habe vorab viel Begeisterung aus der Bevölkerung und vor allem auch von jungen Leuten vernommen.

Von den Ländern gibt es Kritik, dass die vom Bund zugesagten Mittel nicht reichten. Vorgesehen sind 2,5 Milliarden Euro zum Ausgleich von Einnahmeausfällen. Weitere 1,2 Milliarden Euro will der Bund zum Ausgleich von Verlusten bei Verkehrsanbietern wegen der Corona-Krise bereitstellen. Einige Länder hatten mit Ablehnung am Freitag im Bundesrat gedroht.

Wissing sagte: „Natürlich sind die Länder frei in ihrem Votum. Jeder muss aber auch wissen: Wenn er dieses An­gebot des Bundes ablehnt, dann ist das ein Signal gegen den Klimaschutz.“ Mit Blick auf Befürchtungen, dass es zeitweise zu überfüllten Zügen kommen könnte, sagte er: „Auch am Wochenende auf touristisch attraktiven Strecken an die Ostsee oder Nordsee werden viele das ­Ticket ausprobieren wollen.“

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