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Schweinehund ade

Winterwandern im Karwendel stimuliert die Sinne

Weerberg (dpa)

Das Wandern ist im Winter höchstens bei Kaiserwetter schön? Könnte man denken. Eine Rentnerin in der Silberregion Karwendel sieht das anders und zieht täglich ihre Runde - seit 30 Jahren.

Von Deike Uhtenwoldt, dpa

Sonnenaufgang über der Gemeinde Weerberg in Österreich: Wer zu Fuß hoch hinauf will, muss früh aufstehen. Foto: Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Wie genau kommuniziert so ein innerer Schweinehund eigentlich: Quiekt, grunzt oder bellt er? Waltraut Rofner zuckt mit den Schultern. Bei der Rentnerin hat die vielzitierte Metapher für Willensschwäche einfach nichts zu melden.

«Wohl kenne ich das Bild, aber ich benutze es nicht», sagt die 68-Jährige. Seit 30 Jahren geht sie in den Wald - Tag für Tag. Dort, wo Rofner geboren und immer noch zu Hause ist, ist das nicht weiter kompliziert: Die Tiroler Gemeinde Weerberg liegt auf einem Plateau in 900 Metern Höhe am Rande der Tuxer Alpen. Hufeisenförmig zieht sich der Ort um den dicht bewaldeten Berg, immer mit Ausblick auf das Karwendelgebirge auf der anderen Seite des Inntals. Waltraut Rofner braucht nur ein paar hundert Meter hoch über die Wiesen hinter ihrem Haus zu gehen, sich dann nach rechts oder links zu wenden - und landet früher oder später im Wald.

Viele Jahre hat die gelernte Friseurin den Wald gemieden. Hat von früh bis spät im Salon Haare geschnitten, Sohn und Mann umsorgt und ist in der Freizeit allenfalls Ski gefahren - auf der Piste, nicht im Wald. Bis sie mit 38 Jahren beschloss, mit dem Rauchen aufzuhören und gleichzeitig das Gewicht zu halten. Beides zusammen geht nur mit eiserner Disziplin, das war Rofner sonnenklar - auch, dass die Umsetzung nicht leicht sein würde.

Vor Arbeitsbeginn um 6 Uhr morgens lief sie los, erst vier Kilometer, dann bis zu sieben, im Winter mit Stöcken und Stirnlampe. «Anfangs war es sehr schwer, aber ich war eisern, bei jeder Witterung, sogar im Urlaub», erzählt sie. Abgesehen vom Urlaub gab es da nicht allzu viel Abwechslung: Rofner wählte meist ein- und denselben Weg. «Die Motivation war die Waage», sagt sie, «ich habe nicht zugenommen.»

Mit dem Wandern entwickelt sich ein Bewusstsein für die Natur

Neben den gesundheitlichen Erfolgen stellten sich bald noch andere Glücksmomente ein: Zufriedenheit, Entspannung, ein Bewusstsein für die Natur. Rofner hat die Jahreszeiten durch ihre Morgenrunden schätzen gelernt, auch die dunkle Stille des Winters, nur unterbrochen vom Knirschen der Schneeschuhe.

Die Kunststoffrahmen verteilen das Gewicht der Freizeitsportlerin über eine größere Fläche und verhindern so das Einsinken in unberührter Schneelandschaft. «Es macht überhaupt keinen Sinn und erst recht keinen Spaß, mit Schneeschuhen einem gespurten Winterweg zu folgen», sagt Rofner und stapft fröhlich über ein Schneefeld unterhalb der Weerberger Talstation.

«Das Wetter, die Aussicht, das Glitzern - einfach gewaltig», sagt Waltraut Rofner, als sie später auf einer sonnigen Hausbank im kleinen Almdorf Nons Rast hält. Hier hat sie im Sommer Heidelbeeren gesammelt und im Herbst Preiselbeeren, hat in der kleinen Hütte übernachtet, auf die sie nun blickt. Ein Erbstück, hart erarbeitet von den Eltern, die für Gäste aus dem Ruhrgebiet Zimmer vermieteten - obwohl es nur ein einziges WC im Haus gab - für die Urlauber und die sechsköpfige Familie zusammen.

Der innere Schweinehund zieht den Schwanz ein

Heute erwarten die Gäste mehr und wollen höher, weiter und schneller hinauf. Hofner kann die Skitour auf den Gilfert auch sehr empfehlen. Der 2506 Meter hohe Hausberg der Weerberger zählt zu ihren Lieblingsplätzen.

Hier schwelgen, da konsequent trainieren - das ist die Glücksformel von Wally Rofner. Im Ruhestand hat sie sich zur Pilates-Trainerin ausbilden lassen und will im Sommer die Tennismeisterschaft holen - in der Altersgruppe 35+. «Ich bewege mich gern an der frischen Luft und wir haben das Privileg, dass wir es so schön haben», sagt sie.

Wer so tiefe Wurzeln hat, findet stets zurück. Ihr gehe es immer gut, wenn sie von ihren Touren nach Hause kommt, sagt Wally. Dem inneren Schweinehund bleibt daher nichts weiter, als den Schwanz einzuziehen.

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