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Lust und Leid beim Radeln

Wie zufrieden sind Deutschlands Radfahrer?

Radfahren boomt - vor allem in der Corona-Pandemie. Doch nicht alle Städte sind gut gerüstet. Mancherorts sind die Wege zu schmal, anderswo werden Räder geklaut. Radfahrer haben gewählt, wo es ihnen am besten gefällt - und welche Stadt einen Sonderpreis verdient.

dpa

In Berlin hat sich einiges in Sachen Fahrradfreundlichkeit getan. So gibt es jetzt z.B. mehr Radwege, die durch Poller geschützt werden. Foto: Britta Pedersen

Berlin (dpa) - Zugeparkte Radwege, Konflikte mit Fußgängern und dreckige Spuren: Radfahrer in Deutschland sind unzufrieden. Das geht aus den Ergebnissen des Fahrradklima-Tests 2020 hervor, den der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) nun vorgestellt hat.

Die Zufriedenheit liege wie schon vor zwei Jahren nur bei Note 3,9, also «ausreichend», kommentierte ADFC-Vizebundesvorsitzende Rebecca Peters die Online-Umfrage. Besonders enttäuschend sei für viele, dass die Corona-Pandemie nicht zu Verbesserungen der Infrastruktur geführt habe. Aber: Es gibt auch Lichtblicke, wie Berlin beweist.

Mehrheit der Befragten fühlt sich nicht sicher

Radfahren ist beliebt. Etwa 78 Millionen Räder gibt es nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums in Deutschland. «Dabei ist die Sicherheit im Radverkehr sowohl innerorts als auch außerhalb der Ortschaften ein wichtiges Thema», heißt es auf der Homepage. Die Realität sieht anders aus: «Erschreckende 69 Prozent der Befragten fühlen sich nicht sicher beim Radfahren», sagte Peters. Der Verkehrsclub führt das Ergebnis etwa auf Konflikte zwischen Rad- und Autoverkehr zurück.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gab zu, dass man etwa beim Thema Abbiegeassistent vorankommen müsse, um die Sicherheit zu erhöhen. Er betonte aber auch: «Ich möchte kein Gegeneinander der Verkehrsmittel, sondern ein Miteinander.»

Auch wenn der Test nicht repräsentativ ist, gilt er als Stimmungsbarometer. Insgesamt beteiligten sich rund 230.000 Menschen an der Umfrage - und stimmten über die Fahrradfreundlichkeit von über 1000 Städten ab. Die Befragten verteilten Schulnoten zu Fragen wie: Wo werden viele Räder geklaut? Wie sauber sind die Spuren? Und wo gibt es Konflikte mit Fußgängern?

Das Ergebnis: Der Titel «fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands» geht ans westfälische Wettringen - die Teilnehmer bewerteten die Gemeinde nahe Münster mit der Bestnote 1,96. Wettringen habe viele verkehrsberuhigte Bereiche, guten Anschluss an Schul- und Sportzentren und durchgehende Radverbindungen zu allen Orten in der Nachbarschaft, sagte Bürgermeister Berthold Bültgerds stolz.

Großstädte meist schlechter bewertet

Auch Kleinstädte wie Baunatal in Hessen oder Rutesheim in Baden-Württemberg wurden mit «gut» bewertet - eine Bewertung, von der Städte mit über 50.000 Einwohnern nur träumen können. Spitzenreiter wie Karlsruhe oder Göttingen erhielten in ihrer Kategorie maximal die Schulnote 3. Bremen wurde als beste Großstadt in der Klasse über 500.000 Einwohner nur mit Schulnote 4 bewertet.

Neben zu schmalen Radwegen (Note 4,7) bemängelten viele Radler bei der Abstimmung vor allem, dass Falschparker auf den Radwegen nicht ausreichend kontrolliert würden (Note 4,8). Zudem führten viele Spuren nicht bequem und sicher um Baustellen herum (Note 4,7). Das seien chronische Probleme, die sich verfestigten, sagte Peters. Positiv sei, dass Stadtzentren oft schnell erreichbar (Note 2,9) oder Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung geöffnet seien (Note 3,0).

Bei der Frage nach Verbesserungen seit Corona, zeigt sich ein vernichtendes Ergebnis: In der Kategorie gab es quer durch alle Stadtgrößenklassen die Gesamtnote 5,0. «Statt Lösungen zu suchen, wurden enorm viele Ausreden gefunden», beklagte Peters.

Mehr Fahrradfreundlichkeit in Berlin

Dass es auch anders geht, zeigen etwa Düsseldorf, München und vor allem Berlin - die Hauptstadt erhielt einen Corona-Sonderpreis. Die Berliner Befragten nahmen Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit war - etwa durch verkehrsberuhigte Zonen, Poller gegen Autos oder provisorische Spuren, sogenannte Pop-up-Radwege.

Der Fahrradboom werde weiter wachsen - «wir brauchen mehr Tempo beim Radnetzausbau (...)», sagte Peters. Sie forderte die Kommunen dazu auf, die Fördermittel des Bundes auch auszuschöpfen.

«Am Geld scheitert es nicht», entgegnete Minister Scheuer. Die Programme müssten aber auch in die Realität umgesetzt werden. Zu Beginn des Jahres hatte das Bundesverkehrsministerium das Förderprogramm «Stadt und Land» aufgelegt, damit Länder und Gemeinden Bundesmittel für Radverkehrsprojekte abrufen können: Bis zu rund 660 Millionen Euro stehen bis 2023 bereit. Mit dem Geld sei allenfalls ein Start gemacht, meinte Peters. Auch nach 2023 müssten weiterhin Gelder für langfristige Projekte zur Verfügung gestellt werden. Nur dann werde irgendwann auch die Zufriedenheit der Radfahrer steigen.

© dpa-infocom, dpa:210316-99-847689/2

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