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Klar kommen auf engem Raum

Jeder Zehnte lebt in einer überbelegten Wohnung

Wiesbaden/Berlin (dpa)

Auch wenn es in anderen EU-Ländern schlimmer ist: Viele Menschen in Deutschland haben zuhause zu wenig Platz. Eine Statistik zeigt klar, für wen es besonders schwer ist, ausreichenden Wohnraum zu finden.

Von Sandra Trauner, dpa

Mehr als zehn Prozent der deutschen Bevölkerung lebt in einer Wohnung, die als überbelegt gilt. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Menschen in Großstädten. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Rund 8,6 Millionen Menschen in Deutschland leben in überbelegten Wohnungen - mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Menschen in Großstädten, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete.

Wohlfahrtsverbände sehen dringenden Handlungsbedarf: «Bezahlbarer, angemessener Wohnraum ist eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit», sagt der Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands, Rolf Rosenbrock.

Mit der Zahl der Kinder steigt das Risiko

In Haushalten mit Kindern lag der Statistik zufolge die sogenannte Überbelegungsquote 2021 bei 15,9 Prozent. Mit der Zahl der Kinder steigt das Risiko: 30,7 Prozent der Familien mit drei oder mehr Kindern lebten in zu kleinen Wohnungen. 28,4 Prozent waren es bei Alleinerziehenden und deren Kindern. Bei Haushalten ohne Kinder lag die Überbelegungsquote hingegen nur bei 6,5 Prozent.

Die Daten basieren auf ersten Ergebnissen einer Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen in der EU von 2021. Als überbelegt gilt nach der zugrundeliegenden Definition eine Wohnung, «wenn sie über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl verfügt», wie die Statistiker zusammenfassten. Wie viele Zimmer vorhanden sein müssen, hängt zum Beispiel von Alter und Geschlecht der Kinder ab.

Bei Kindern unter zwölf Jahren genügt ein gemeinsamer Raum; wenn sie dasselbe Geschlecht haben, reicht das auch bis 17 Jahre; bei Jungen und Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren müssen es zwei Zimmer sein; über 18 muss das Kind ein eigenes Zimmer haben.

Überbelegung bei Minderjährigen öfter als bei Rentnern

Der Wohnraummangel betrifft daher häufig Kinder und Jugendliche: Die Überbelegungsquote bei Minderjährigen (17,8 Prozent) war rund sechs Mal so hoch wie bei Menschen im Rentenalter (3 Prozent). Gemäß Definition kann auch ein Ein-Personen-Haushalt überbelegt sein, nämlich wenn es kein getrenntes Wohn- und Schlafzimmer gibt. 2021 traf das auf knapp zwölf Prozent der Ein-Personen-Haushalte zu.

Vor allem in Städten ist Wohnraum knapp. Der Anteil der Menschen in überbelegten Wohnungen lag in größeren Städten bei 15,5 Prozent. In kleineren Städten (8,6 Prozent) oder ländlichen Gebieten (4,9 Prozent) war der Anteil deutlich kleiner.

«Wir haben vor allem einen Mangel an kleinen und sehr großen Wohnungen», sagt Stefan Kunz, Fachreferent für Wohnungslosenhilfe und Sozialberatung bei der Caritas: kleine für Alleinerziehende, große für kinderreiche Familien. In Großstädten und zunehmend auch im ländlichen Raum kommt das Kostenproblem dazu: «Es fehlen einfach preisgünstige Wohnungen.» Besonders schwer sei die Situation für «vulnerable Gruppen» wie Menschen mit Migrationshintergrund oder Arbeitslose - Kategorien, die die Statistik nicht erfasst.

Großer Nachholbedarf beim Wohnungsbau

Um dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum entgegenzuwirken, hatte die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen, darunter 100.000 Sozialwohnungen. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) räumte beim «Tag der Wohnungswirtschaft» diese Woche in Berlin aber Nachholbedarf ein. Die Branche sei selbst unter guten Rahmenbedingungen nicht in der Lage gewesen, auch nur annähernd das derzeitige Neubauziel zu schaffen.

Fachkräftemangel, Materialknappheit, hohe Zinsen und Baukosten machten die Ziele der Bundesregierung «unerreichbar», sagte der Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), Axel Gedaschko, auf der Tagung.

Ausreichend sozialen Wohnungsraum bekomme man «realistisch nur über Förderung», sagt Caritas-Referent Kunz. Er sieht die Länder stärker in der Pflicht: Der Bund stelle viel Geld zur Verfügung, die Kommunen sähen die Not, «die Länder erlebe ich als weniger engagiert».

Und die Schaffung von ausreichend Sozialwohnungen allein «wird aber nicht reichen», sagt Rosenbrock vom Paritätischen: «Wir brauchen eine zügige Umsetzung der Neuen Wohngemeinnützigkeit und endlich eine gesetzliche Regelung, die Mietenexplosionen wirkungsvoller begrenzt.»

Im Durchschnitt aller 27 EU-Mitgliedstaaten lag die Überbelegungsquote mit 17,1 Prozent übrigens höher als in Deutschland. Die meisten Menschen in überbelegten Wohnungen gab es 2021 in Lettland (41,3 Prozent) und Rumänien (40,0 Prozent), die wenigsten in Malta (2,9 Prozent) und Zypern (2,3 Prozent).

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