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Gastronomen schließen sich für Lieferservice-Modelle zusammen

Wege aus dem Stillstand

Corona ist für die Gastronomie ein Schreckens­szenario, das jedoch nicht in eine endlose Schockstarre führen muss. Gastronomen schließen sich in einigen Orten zusammen. Und siehe da: Der gemeinsame Lieferservice kann funktionieren.Annegret Schwegmann

Annegret Schwegmann

Marcus Gessler und Dung Tran haben erst vor einigen Wochen ihr Lieferservice-Restaurant Foto: Wilfried Gerharz

Jaqueline Peters ist Studentin und profitiert derzeit enorm von den organisatorischen Kompetenzen, die sie vor ihrem Studium in ihrer Ausbildung als Industriekauffrau erworben hat. Die 26-Jährige hat vor einer halben Stunde an ihrem vor ein paar Wochen improvisierten Schreibtisch ein paar Meter hinter der Seitentür der Kneisterei an der Steinfurter Straße in Münster Platz genommen und hat alles im Blick, was die neun Zulieferer gerademachen. Red Curry um 20 Uhr an der Friedrich- ­ Ebert-Straße.Moment, wie lange braucht der Zusteller?Wahrscheinlich 20 Minuten. Also sollte er sich bald auf den Weg machen. „Mein Motto ist: Die Zusteller sollten lieber fünf Minuten früher als später unterwegs sein“, sagt sie und schaut wieder auf ihren Bildschirm. Alle neun Auslieferer sind unterwegs zu Kunden, die eben gerade Spaghetti ­carbonara, Fried Noodles oder Chicken Tikka Masala ­bestellt haben. Das Geschäft läuft relativ gut. Es ist natürlich weit davon entfernt, an die Umsätze des vergangenen ­No­vember anzuknüpfen. Aber es ist allemal besser als nichts.

Marcus Gessler steht ein paar Meter von seiner neuen Mitarbeiterin entfernt und beobachtet aufmerksam, wie die Zahl der Kunden seit 19 Uhr im Fünf-Minuten-Takt spürbar zunimmt. Gessler gehört zum ­Typus Gastronom, der immer wieder neue Konzepte entwickelt. In Münster betreibt er sechs Restaurants und einige digitale ­Eventprojekte und hätte, wenn Corona die Welt der Gastronomen nicht auf den Kopf gestellt hätte, erst im Oktober mit seinem neuen Ideen-Baby begonnen – mit ­hungrig.ms. „Wir sind dann aber schon im ersten Lockdown Ende März an den Start gegangen“, erzählt er und ist noch immer beeindruckt, wie unkompliziert alle Beteiligten improvisiert haben. Mehr als zehn Restaurants schlossen sich zusammen. Einige Geschäftsführer stellten ihre eigenen Autos zur Verfügung – und Fahrräder zu rekrutieren, erwies sich erwartungsgemäß als das geringste Problem in Münster. Auch die Kunden zeigten den Gastronomen, wie sehr ­ihnen Solidarität am Herzen lag, eine, die erfreulicherweise sogar noch durch den Magen geht. „Viele haben gesagt, dass sie uns bewusst unterstützen wollen“, sagt Gessler, für den ohnehin feststeht: „Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Option.“

Geschäftsmodell ist professionalisiert

Nun, im zweiten Lockdown des Jahres, hat sich das Geschäftsmodell deutlich professionalisiert. Gessler verfügt mittlerweile über eine kleine Flotte von E-Autos und Fahrrädern. Fünf Marketing-Mitarbeiter sind neuerdings fast ausschließlich damit beschäftigt, neue Restaurants und Food-Anbieter für den Lieferservice zu begeistern. In Kürze wird hungrig.ms Mehrweggeschirr im Pfandsystem zur Verfügung stellen. Gessler sind die Müllberge, die die Pandemie durch Verpackungen viel zu schnell in die Höhe schnellen lässt, schon lange ein Dorn im Auge.

Eine Etage unter ihm erzählt Dung Tran, was den Kunden seiner thailändischen Küche am besten schmeckt. „Die Suppen sind beliebt und ganz besonders das Rote Curry.“ Sein Koch Nguyen Van Dien wendet in der Pfanne gerade einen der weiteren Publikumslieblinge. Die gebratenen Nudeln mit Ente sind die Tagesfavoriten. Der Abend ist noch jung, und der Koch hat jetzt schon ein Dutzend Portionen zubereitet. Gerade blinkt der Küchen-Computer auf – Jaqueline Peters hat eine neue Bestellung weitergeleitet. Gebratene Nudeln mit Ente . . .

Neue Partnerschaften

Dung Tran hat Marcus Gessler vor einigen Wochen an­gesprochen und ihm eine Partnerschaft angeboten. Gemeinsam betreiben sie nun das kleine Zulieferer-Restaurant mit thailändischer Küche, die sich bei den Kunden offenbar schnell herumgesprochen hat. „Wir haben vor zwei Wochen angefangen. Dass sich das so schnell entwickelt, hätte ich gar nicht gedacht“, sagt Dung Tran. Seine Erwartungen hatte er in Corona-Zeiten allerdings ohnehin nicht allzu hoch ­geschraubt.

Vor der Tür nimmt Maximilian Biller eine neue Warmhaltebox in Empfang, die er an einen Haushalt ein paar Straßen weiter ausliefern soll. Biller ist Auszubildender bei der Bahn und verdient sich als Zusteller ein angenehmes Zubrot. „Manchmal gibt es Trinkgeld“, erzählt er. Gespräche ent­wickeln sich jedoch selten. „Man wünscht sich einen ­schönen Abend – und das war’s. Das ist nicht die Situation für längeren Smalltalk.“

Jaqueline Peters ist derweil gespannt, ob gleich wieder die Online-Bestellung eintreffen wird, die sie an diesem Wochentag immer im Laufe des Abends bekommt. „Ein Riesenschnitzel mit Pommes. Langsam kennt man seine Stammkunden . . .“

Corona ist für die Gastronomie ein Schreckens­szenario, das jedoch nicht in eine endlose Schockstarre führen muss. Gastronomen schließen sich in einigen Orten zusammen. Und siehe da: Der gemeinsame Lieferservice kann funktionieren.

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