Drachen sind eine Männerdomäne und Florian Janich ist mittendrin

Wie Fliegen – nur anders

Drachensteigen ist Kinderkram? Von wegen. Es sind vor allen Dingen Männer, die der Faszination eines Stoffstückchens erliegen, das sich anmutig im Wind wiegt. Einer von ihnen ist Florian Janich.

Annegret Schwegmann

Florian Janich ist bei den meisten Sport-Events dabei. Foto: Florian Janich

Der Lüdinghauser schaut aus dem Fenster, betrachtet den Baum, den er von dort aus sieht, und schüttelt bedauernd den Kopf. „Die kleinen Äste müssten sich bewegen, um einen Drachen steigen zu lassen“, sagt der 42-Jährige. Dabei ist die Sehnsucht, endlich wieder viele Drachen am Himmel zu sehen, in diesem Jahr so groß wie nie zuvor. Unter Nicht-Corona-Umständen wären seine Wochenenden bis Anfang Oktober komplett verplant gewesen. Florian Janich wäre mit seiner Frau und seinen Töchtern nach Italien zum Treffen der internationalen Drachenkünstler gereist und garantiert auch nach Dänemark zum jährlich größten Drachenfest der Welt. Egal. So bleibt zumindest Zeit, neue Drachen zu ­­kon­­s­truieren. Denn die sind das Markenzeichen des Perfektionisten, für den nur dann alles stimmt, wenn jede Naht makellos da ist, wo sie hingehört.

Nähmaschine für maskulines Hobby

Vor ein paar Jahren hat sich Florian Janich ein Arbeitszimmer eingerichtet und es mit einer Nähmaschine als Herzstück ausgestattet. Dass er nicht mehr nur für den Eigenbedarf, sondern auch für Freunde aus der Drachen-Community Konstruktionen entwirft, freut vor allen Dingen seine Frau Annika. 150 Einzeldrachen und zirka 270 an der Kette stellen schon heute ein logistisches Problem im Haushalt dar.

Janich überlegt gerade, weshalb Drachen ein überwiegend maskulines Hobby sind. „Was fasziniert mich daran? Wahrscheinlich diese uralte Sehnsucht, fliegen zu können.“ Vielleicht ist auch etwas dran am Klischee vom großen Jungen im Erwachsenenkörper oder dem Spiel mit Technik und Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Denn Drachen sind schon lange nicht mehr nur zugeschnittene Stoffstücke, in die Stangen gespannt werden. „Es gibt unfassbar viele ­Drachentypen“, sagt der 42-Jährige und zählt sie auf. Solche mit Stäben oder solche ohne. Lenkdrachen, Einleiner, Flachdrachen, Kastendrachen, einige, die kaum größer als ein Cent-Stück sind, und andere, die 100 Qua­dratmeter messen und tatsächlich fliegen können, weil sie kaum Gewicht auf die Waage bringen. „Das leichteste Tuch, das ich je verbaut habe, wiegt 20 Gramm pro Qua­dratmeter“, erzählt Janich. „Ein Segel für ein Schiff braucht 240 bis 250 Gramm pro Quadratmeter.“ Aus einer Hülle hat er mittlerweile ein solches leichtes Exemplar gepellt. Und während er es herauszieht, rieselt feiner Sand auf den Fußboden – wie immer, wenn er zu Hause einen gebrauchten Drachen aus seiner Verkleidung holt.

Auf Borkum fing die Liebe an

Bei seinem ersten Drachen ist das erst nach einigen Wochen passiert. Janich machte mit seiner Mutter einen Kururlaub auf Borkum. Und weil er die Zeit nutzen wollte, kaufte der Elfjährige von seinem Taschengeld einen Drachen. „Und der stand dann drei Wochen auf dem Fensterbrett, weil es nur geregnet hat.“ Ein paar Jahre später besaß der Drachenfreak bereits sieben Exemplare – „und war der Held in unserer Klasse“. Die typischen Anfängerfehler hat er damals offenbar nicht gemacht. Seine Frau und er führen zum Spaß eine Art Statistik und beobachten immer wieder amüsiert, dass jeder dritte Anfänger mit seinem Drachen über Stoppelfelder oder Wiesen läuft, als müsse er einen Geschwindigkeitsrekord brechen. „Und einige laufen am Ende der Wiese sogar in der entgegengesetzten Richtung zurück“, sagt Annika Janich und lacht, weil sie wahrscheinlich niemals begreifen wird, wie man zu dem Schluss kommen kann, dass der Wind sich automatisch dreht, wenn man selbst die Richtung wechselt.

Überhaupt: Die Sache mit dem Wind scheint eine Wissenschaft für sich zu sein. „Jeder Dritte will mit dem Wind auf der Nase starten“, beobachtet Janich. Das kann natürlich nichts werden. Sein Tipp: Den Drachen in Windrichtung vor sich ausbreiten, zu sich ziehen, einen Schritt nach hinten gehen – „und dann fliegt der ohne Gerenne“. Noch ein Greenhorn-Fehler: „Viele Leute stehen da mit nach oben gereckten Armen, wahrscheinlich weil sie glauben, dass der Drachen dann gleich hochfliegen kann.“ Wird er aber nicht. Ideal ist es, die Arme in Taillenhöhe anzuwinkeln. „Man hat dann zum Lenken einen großen Radius nach vorn und nach hinten.“

Bei Schneeregen hört der Spaß auf

Janich selbst hat schon alles probiert. Drachen steigen lassen bei Sturm mit einem entsprechend konzipierten Exemplar oder Drachen fliegen lassen mit einem Nullwind-Modell, das sich an einer Angelrute befindet und schnell im Kreis gedreht werden muss. Zum Antiwarmduscherfliegen, das immer im frühen Frühjahr in Dänemark stattfindet, muss ihn allerdings niemand einladen. „Drachenfliegen im Schneeregen? Nein, da hört die Liebe dann doch auf.“

Drachensteigen ist Kinderkram? Von wegen. Es sind vor allen Dingen Männer, die der Faszination eines Stoffstückchens erliegen, das sich anmutig im Wind wiegt. Einer von ihnen ist Florian Janich.

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