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Kommentar zum Holocaust-Gedenktag

Aktueller denn je: Wachsam sein

Die Erinnerungskultur steht vor einem Wandel. Viele Holocaust-Überlebende sind verstorben. Sie können nicht mehr Zeugnis ablegen. Auch die letzten NS-Prozesse sind gelaufen. Die meisten Deutschen geben gar an, die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen zu wollen.

Claudia Kramer-Santel

  Foto: dpa

Derlei Desinteresse birgt die große Gefahr, dass der Antisemitismus ungehindert wächst. Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde. Lernen aus der Vergangenheit nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ ist leider aktueller denn je.

Das Problem: Pathetische Rituale kommen bei jungen Menschen nicht mehr an. Die NS-Zeit ist zwar fest im Lehrplan verankert. Doch die Methoden müssen sich ändern. Gerade, weil die Zeitzeugen fehlen, muss die Erinnerung eindringlich bleiben. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli hat einen verpflichtenden Besuch von Schülern im Konzentrationslager gefordert. Dagegen spricht nichts.

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Die Erinnerungsorte wirken – sie sind berührend, oft überwältigend. Sie regen zum Gespräch an oder zum Schweigen. So ein Besuch ist nicht einfach, doch er ist zumutbar. Es ist das Mindeste, was man tun kann. Dort trifft man Nachfahren von Opfern aus aller Welt, die sich nach langen Jahren endlich an den Ort wagen, wo sie letzte Spuren ihrer Familie suchen. Für sie wird es nie einen Schlussstrich geben. Dies vergisst man nie.

„Wenn jemand sagt, wir gedenken zu viel, heißt das, dass wir es noch nicht genug getan haben“, erklärte der Oberrabbiner Frankreichs, Haim Korsia. Er meint, dass Gedenken Arbeit an einer besseren Zukunft bedeutet. Dafür gibt es kein Zuviel – und keinen Schlussstrich.

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